Aus: Ausgabe vom 16.04.2018, Seite 5 / Inland

Schwarzer Freitag für Bosse

Zahlreiche Teilnehmer protestierten im Rahmen der Aktion Arbeitsunrecht gegen prekäre Bedingungen beim Lieferdienst Deliveroo

Von Jessica Reisner
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Deliveroo wird mit zwei Milliarden Euro an der Börse bewertet. Eine Versicherung für die Fahrer gibt es nicht (Berlin, 13. April)

Am Freitag protestierten zahlreiche Teilnehmer im Rahmen der Aktion Arbeitsunrecht gegen Scheinselbständigkeit und Union Busting beim Lieferdienst Deliveroo. In Deutschland beteiligten sich zwischen 200 und 300 Personen in zehn Städten an Kundgebungen im Rahmen der Kampagne. Sie verteilten Flugblätter an Deliveroo-Kunden und in Vertragsrestaurants. In Amsterdam machten Aktivisten mit drastischen Bildern auf das Unfallrisiko der Fahrer aufmerksam. Solidaritätserklärungen von Betriebsräten und Unterstützergruppen, darunter Kuriere aus Glasgow und Cardiff, flankierten den Aktionstag.

In Berlin und Köln gab es Fahrraddemonstrationen mit dem Ziel, Restaurants anzusteuern, die bei den Fahrern besonders unbeliebt sind. In Köln imitierte ein Demonstrant den Deliveroo-Deutschland-Chef und Diplomatensohn Felix Chrobog. Er wurde von drei Deliveroo-Sklaven in einer Rikscha durch die Stadt kutschiert.

In der vergangenen Woche konnte die Aktion Arbeitsunrecht dank spontaner Spenden von Sympathisanten 1.547 der 2.031 Deliveroo-Vertragsrestaurants anschreiben. Die Betreiber wurden aufgefordert, alternative Lieferdienste zu suchen und gemeinsam mit den Fahrern den Druck auf Deliveroo zu erhöhen.

Viele Fahrer des Unternehmens arbeiten als Selbständige. Bei diesem sozialschädlichen Modell wird lediglich pro erfolgter Lieferung bezahlt – derzeit zwischen fünf und sechs Euro. Die Flexibilität, die Deliveroo in Rekrutierungswerbeanzeigen als besonderen Vorzug anpreist, ist für die Fahrer vor allem ein wirtschaftliches Risiko. Ohne Aufträge und im Krankheitsfall verdienen sie nichts. Viele Fahrer fahren unversichert, weil sie die Kosten für Krankenversicherung und Berufshaftpflicht nicht aufbringen können. Altersarmut ist programmiert. Deliveroo dagegen spart zum Schaden der Solidargemeinschaft Sozialversicherungsbeiträge in Millionenhöhe. Ein Modell, mit dem auch andere Unternehmen, wie etwa die Billigfluglinie Ryanair und viele Paketdienste den Sozialstaat aushöhlen.

Der Schwarze Freitag gegen Deliveroo war der sechste bundesweite Aktionstag der Aktion Arbeitsunrecht, die den Negativpreis »Freitag der 13.« an ein Unternehmen verleiht, das seine Beschäftigten besonders unwürdig behandelt. Der Preisträger wurde durch eine öffentliche Abstimmung ermittelt. (siehe jW vom 16.3.) Deliveroo wurde von einem Mitglied des Fahrernetzwerks »Liefern am Limit« nominiert, das am 16. Februar die erste deutsche Betriebsratswahl bei Deliveroo in Köln angestoßen hatte. Das Unternehmen ließ als Reaktion nicht nur die befristeten Verträge der Betriebsratsmitglieder auslaufen, sondern gleich die der gesamten Belegschaft – eine Geschäftspolitik, die auch in Belgien und den Niederlanden Radkuriere auf die Barrikaden trieb.

Besonderes Merkmal des Schwarzen Freitags ist, dass Gewerkschafter und Bürgerrechtler dazu aufgerufen sind, ihre Proteste vor Ort in Eigenregie zu organisieren. So kamen z. B. in München Mitglieder der Freien Arbeiter Union, der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten, ATTAC und Fahrer zu einer Aktion mit rund 40 Beteiligten zusammen. Sie besuchten, wie auch die Attacitos in Bamberg den Deliveroo-Vertragspartner Nordsee. Flugblätter, die dort an interessierte Mitarbeiter verteilt wurden, sollen ihnen von einem wutschäumenden Filialleiter geradezu entrissen worden sein.


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