Aus: Ausgabe vom 16.04.2018, Seite 2 / Inland

»Runter mit der Miete!«

Großdemonstration für bezahlbaren Wohnraum in Berlin bringt Tausende auf die Straße. Polizei spielt Beteiligung herunter

Von Jan Greve
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Berlinerinnen und Berliner haben am Sonnabend ein starkes Zeichen gegen Verdrängung und steigende Mieten gesetzt

Die Mieter in Berlin stehen im Regen – sinnbildlicher hätte der Auftakt zur Großdemonstration gegen Wohnungsnot und Verdrängung wohl nicht sein können. Unter bunten Schirmen und Kapuzen versammelten sich am Sonnabend Tausende Menschen auf dem Potsdamer Platz. Auf selbstgebastelten Schildern und Transparenten waren Forderungen nach bezahlbarem Wohnraum und einer Stadt für alle zu sehen. Auch an Galgenhumor mangelte es nicht: »Wir sind keine Demonstration. Wir gehen zur Wohnungsbesichtigung«, war auf einem Transparent zu lesen, hinter dem sich der lange Protestzug durch die Berliner Innenstadt zog.

Mehr als 250 Initiativen und Organisationen hatten unter dem Motto »Widersetzen – gemeinsam gegen Verdrängung und Mietenwahnsinn« zu der Großdemonstration aufgerufen. Entsprechend bunt zeigte sich der Protest: Familien und Alleinstehende, Studenten und Arbeiter – Alt und Jung waren wegen der explodierenden Mieten auf der Straße. Angemeldet hatten die Veranstalter lediglich 4.000 Menschen, nach ihren Angaben waren es letztlich rund 25.000 Demonstranten. Diese Einschätzung teilten Beobachter vor Ort. Die Polizei sprach am Sonntag gegenüber junge Welt lediglich von »mehr als 10.000 Teilnehmern«.

Vom Potsdamer Platz mit seinen grauen Häusertürmen und Stahlkolossen ging der Demonstrationszug durch Kreuzberg bis nach Schöneberg. Vorbei an teuren Neubauten mit gläsernen Außenwänden, vorbei an Altbauten mit Solidaritätsbekundungen auf Transparenten, die von Anwohnern an die Fassaden gehängt worden waren. »Die überwältigende Solidarität« unter den Berlinerinnen und Berlinern sei »ein starkes Signal der Stadtgesellschaft und ein klarer Handlungsauftrag an die politisch Verantwortlichen«, bilanzierten die Veranstalter, die von einem »größtmöglichen Erfolg« sprachen.

Im Vorfeld der Demonstration hatte es zehn Tage lang verschiedene Proteste in den Berliner Bezirken gegeben. Stadtteilinitiativen und Nachbarschaftskollektive hatten insgesamt über 60 Einzelaktionen durchgeführt: von Informationsabenden über symbolische Besetzungen von Straßenkreuzungen bis zu einem Grillfest mit Miethai auf der Speisekarte. Wie wichtig die einzelnen Kämpfe vor Ort sind, verdeutlichte die Zahl einer jüngst veröffentlichten Studie im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung. Demnach fehlen in der Hauptstadt 310.000 bezahlbare Wohnungen.

Die Demonstration hat eines bewiesen: Steigende Mieten sind kein Problem einzelner, sondern sie bedrohen die ganze Stadt. Die Breite und Größe des sozialen Protests vom Sonnabend ist in der jüngeren Geschichte Berlins beispiellos. Verdrängung geht alle etwas an, die an einer lebenswerten und bunten Stadt ein Interesse haben. Spekulanten und gewinnorientierte Immobilienfonds taugen nicht als Vermieter, Verdrängung als Geschäftsmodell bedroht den sozialen Zusammenhalt, lautet die klare Botschaft aus Berlin. Der starke Widerstand soll ein Zeichen des Aufbruchs sein – so wie sich auch die Sonne während der Demonstration erfolgreich durch die Wolken kämpfte.


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