Aus: Ausgabe vom 14.04.2018, Seite 10 / Feuilleton

Bin schon da

Nach Norden (2)

Von Peter Wawerzinek
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Meistens sieht man nur die Schilder, nicht die Tiere

Der Schriftsteller Peter Wawerzinek reist diesen April zum ersten Mal durch Schweden, für die Kunst und den Untergrund. Findet er dort Freiheit, Glück und wilde Jagd? (jW)

Einen Teilabschnitt eines Landes zu durchqueren ist schon schön. Die Fahrt von Malmö nach Uttersberg bietet an, was Schweden ist. Baum, Bäume, Wald, Wälder, Haus, Häuser, entfernte Orte und immer wieder einmal vor Elchbegegnungen warnende Schilder. In unserem Fall ist ein strahlender, blauer Himmel darüber gespannt. Zwischendurch zeigt sich ein selbstgefertigtes Windrad stolz zum Fotografieren; oder große, seltsam anmutende, silbrige Kunstkugeln auf Insektenbeinchen gestellt, wie nicht von dieser Welt.

Und ein, zwei wenige Monumente sehen wir, wie Könige aus Holz und Schrott, Hexe oder Schrat, zwischen Wald und Zaun gebracht. Und Bächlein, Bach, Fluss, Flüsse, Pfützen, Teiche, Seen – so formenreich und mannigfaltig wie die Fische in den Gewässern.

Eine Räucherei steuern wir im Zielgebiet an. Heißt Gårdsbutik mit diesem runden Heiligenkreis überm »a«, alles offen, keiner da. Nicht ein Privatauto ist zu sehen, nur das Radio plärrt, und Kühe stehen auf dem Riesengehöft eng beisammen hinterm Gatter. Macht nichts, kommen wir eben später wieder.

Unser Auto dürfen wir nach fast acht Stunden Fahrt auf dem Gelände der Kunstfabrik abstellen. Hier kennt sich Bernhard aus, fühlt sie Klaus wie Zuhaus. Der ist hier der große Star aus Deutschland. Es ist wie im Märchen vom Hasen und den zwei Igeln, wohin man kommt, jedes einzelne Meisterwerk, jede noch so kleine Skizze, Grafik oder liebevoll signierte Zeichnung von Zylla ruft dir zu: Bin schon da.

Zuerst einmal auf einen Kaffee hinsetzen und erzählen. Schweden ist kaffeesüchtig und hat die Ruhe weg. Und dazu gibt es hier noch handgebackene Leckereien.

Die Kronprinzessin war schon hier, Bilder zeugen davon, der König hielt sich hier gern auf. Und ich lasse mich herumführen, sehe mir alles an. Die Tongebilde, Glaskästen, Vitrinen, Sockel, Gemälde, Plastiken, Skulpturen, Prospekte, Kataloge, Regale, Flyer und Postkarten. Zu den Fenstern hinaus lassen sich die Fladen von Schnee und einzelnen Freiluftkunstwerke gern betrachten. Das Pferd, der Hahn, die Wölfe, die große, hohe behauene Säule, die alte Zapfsäule, der querstehende Silbertropfen präsentieren sich im Licht der Abendsonne.

Das alles ist zumindest so interessant wie mein erster Gang durch eine schwedische Kaufhalle. Ich bin ein Ladenjunkie, das gebe ich gern zu. Was wie und wo, weshalb und warum ganz vorn, weit oben oder gleich unten links am Eingang feilgeboten wird, einzeln oder im Pack kostet, vergleiche ich mit meinen sonstigen Erkundungen. Kaufen will ich beim ersten Mal nichts, kann mich auch gar nicht konzentrieren, so aufgewühlt wie ich am Ende bin. Das muss dann Bernhard für uns erledigen. Knäckebrot, Kaviar in der Tube, Minitomaten, Hühnereier vorerst.

Den Rest haben wir bei, wie man so in Mecklenburg dazu sagt. Wir sind Selbstversorger, kaufen nur einfach so etwas ein, damit etwas Geld im Lande und im Laden bleibt. Dann noch rasch beim Drucker vorbeigeschaut. Es brennt Licht, die Tür ist offen, jemand ist da. Sein Name: Lars. Er bekommt sein Begrüßungsgetränk überreicht und bedankt sich postwendend mit selbstgedruckten kleinen Grafiken in aufstellbaren Bilderrahmen. Winzig und witzig, das ist ihm wichtig.

Die größte Maschine im Raum stammt von Karl Krause aus Leipzig her. Werkstattnummer 35660. Das Rad zum Bewegen der gesamten Schose allein reicht mir überlebensgroß übern Kopf, und ich messe einssechzig. Die Werkstattkatze sieht aus wie die aus dem Comic »Garfield«, genauso tigergelb und rundlich. Der Drucker erzählt von ihr mit glänzenden Augen.

Und dann sind wir angelangt, packen aus, richten uns ein, decken den Abendbrottisch, tischen auf, was von daheim und hier neu erworben worden ist. Hauen rein, trinken Flaschenbier dazu, sagen Prost zu Schweden. Finden flink ins Bett. Und allen fallen sofort die Äuglein zu.

Am Morgen danach dann gehört es zum Begrüßungsritual, dem Second-Hand-Laden Aufwartung zu machen, den Frauen dort: »Da sind wir wieder!« zuzurufen. Die Treppe herunter geht es erst so richtig los. Eine Schatzkammer, so nennt es Bernhard. Was hat er hier nicht schon alles geborgen. Ich schaue mich nicht lange um. Sie entdeckt wohl eher mich. Die schöne schlanke, ein wenig in die Jahre gekommene, ranke Kaffeemaschine möchte ich sagen, der man es nicht gleich ansieht. Schaut wie eine Kaffeekanne aus, besitzt ein entzückendes Innenleben, so mit Stange als Aufsatz für Filter und Behältnis und Spiralfeder zum Einrasten lassen, ehe der Deckel mit Knauf obenauf eingedreht und geschlossen werden kann. Funktioniert quasi wie eine Espressomaschine, die man auf den Gasherd setzt, nur mit Strom. Das alles für umgerechnet sechs Euro. Ich kann da einfach nicht widerstehen und erliege ihren Reizen vollkommen.


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