Aus: Ausgabe vom 13.04.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Storno und Korruption

Großaktionäre verweigern Vorstand auf Airbus-Hauptversammlung in Amsterdam die Entlastung. Proteste von Kriegsgegnern

Von Gerrit Hoekman
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Airbus ist einer der weltgrößten Waffenproduzenten (Werk in Hamburg, 7. März)

Vor dem Hotel Okura im Szeneviertel De Pijp in Amsterdam hatten sich am Mittwoch einige Demonstranten versammelt. »Airbus: Keine Raketen, keine Drohnen«, war auf Transparenten zu lesen. »Airbus ist der zweitgrößte europäische Waffenproduzent. Er verkauft Flugzeuge und Raketen an Länder, die sich im Krieg befinden, an repressive Regime und Menschenrechtsverletzer«, heißt es in einem Aufruf auf der niederländischen alternativen Nachrichtenseite Krapuul.

Der Ort war nicht zufällig gewählt – in dem Hotel an der Ferdinand Bolstraat versammelten sich am Mittwoch die Aktionäre des europäischen Flugzeugbauers zur Hauptversammlung. »Die Militär- und Sicherheitsindustrie pflückt die Früchte einer rassistischen Grenzpolitik der EU«, prangerten die Demonstranten an. Vertreter der Flüchtlingsorganisation »Wij zijn hier« (Wir sind hier) schlossen sich der Aktion an und hielten eine Rede.

Die Anteilhaber drinnen hatten derweil andere Sorgen. Wie viel Geld ist in den letzten Jahren durch Korruption bei Airbus draufgegangen? Seit geraumer Zeit laufen gegen das Unternehmen Ermittlungen, in denen es um Bestechung von Entscheidungsträgern geht. So wurde versucht, an Aufträge, auch im militärischen Bereich, zu kommen. Die britische und die französische Antikorruptionsbehörde leiten die Untersuchung.

»Wir drängen das Unternehmen, mehr Informationen über den Gang der internen Untersuchung zur Verfügung zu stellen«, zitierte das Handelsblatt in der Donnerstagausgabe Nicolas Huber, der in Amsterdam die Interessen des größten deutschen Investmentfonds DWS vertrat. Er verweigerte Vorstand und Aufsichtsrat die Entlastung. Die Konzernführung wehrt sich: Sie könne wegen der laufenden Ermittlungen keine Informationen herausgeben. Ein unabhängiges Gremium, dem auch der ehemalige Bundesfinanzminister Theodor Waigel (CSU) angehört, soll nun Licht ins Dunkel bringen und dem Verwaltungsrat erklären, was wie falschgelaufen ist. Die Anteilhaber fordern Schadensersatz von den Verantwortlichen.

Die Nachricht vom Wochenende, dass die US-Fluglinie American Airlines einen Megaauftrag über 47 Maschinen im Wert von rund zehn Milliarden Euro nicht an Airbus, sondern den Konkurrenten Boeing vergeben hat, dürfte die Stimmung im Hotel Okura nicht verbessert haben. Es kam für die Konzernchefs sogar noch schlimmer: American Airlines storniert auch den Auftrag, den die Linie US Airways Airbus erteilt hatte. Sie ist inzwischen von American Airlines aufgekauft worden. Vor einigen Wochen zog bereits Hawaiian Airlines eine Bestellung über sechs Flugzeuge zurück.

Im Moment stehen damit laut der niederländischen Branchenseite Luchtvaartnieuws im ersten Quartal 2018 insgesamt 45 bestellte Maschinen in den Auftragsbüchern. Die arabische Fluggesellschaft Emirates teilte laut Spiegel online mit, sie werde die Kaufoptionen für 16 weitere A380-Maschinen in Anspruch nehmen: »Die Emirates hatte erst im Januar vorläufig 20 Exemplare dieses Typs bestellt und damit dessen Fortbestand im Airbus-Programm für ein weiteres Jahrzehnt gesichert.«

Airbus will in jedem Monat 60 neue Maschinen des Typs A320 ausliefern. Ein ehrgeiziges Ziel, wenn man bedenkt, dass die Motorhersteller Safran/General Electric und Pratt & Whitney nicht mit der Produktion hinterherkommen. An der Konzernspitze muss Airbus einen Nachfolger für den 2019 scheidenden Thomas Enders finden. Als aussichtsreichster Kandidat gilt laut Handelsblatt der Franzose Guillaume Faury, der erst im Februar die Sparte Zivilflugzeuge übernahm. Sie steht für rund vier Fünftel des Gewinns von Airbus.

Enders ist sich sicher, dass er ein solides Unternehmen hinterlassen wird: »Ihr Unternehmen war nie so lebhaft und wettbewerbsfähig wie jetzt«, beruhigte er die Aktionäre im Hotel Okura. Er gehe davon aus, dass Airbus 2018 sein Ergebnis vor Steuern um 20 Prozent steigern könne, trotz der Lieferschwierigkeiten bei den Motoren. Das wären dann etwa fünf Milliarden Euro. Bereits im letzten Jahr verzeichnete der Konzern ein Plus. »Die Geschäfte laufen anders als noch vor wenigen Jahren extrem gut – Auftragsflut im Kerngeschäft Zivilflugzeuge und Rekordgewinne inbegriffen«, hatte die Wirtschaftswoche am Dienstag geurteilt.

Die Demonstranten vor dem Tagungsort lagen unterdessen auf dem kalten Bordstein, um zu veranschaulichen, was Airbus in die Welt exportiert: das Sterben. »Sie feiern den Gewinn ihrer tödlichen Geschäfte, aber sie verschweigen die steigende Anzahl der Opfer im Mittelmeer, dem Nahen Osten und in Afrika, wo ihre Produkte benutzt werden«, erklärten die Aktivisten.


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