Aus: Ausgabe vom 13.04.2018, Seite 2 / Betrieb & Gewerkschaft

»Die Fahrer tragen alle Risiken selbst«

Miese Arbeitsbedingungen bei »Deliveroo«: Am heutigen Freitag protestieren Beschäftigte des Lieferdienstes in acht Städten. Gespräch mit Elmar Wigand

Interview: Gitta Düperthal
Edel_Burger_per_Kuri_47438370.jpg
Miserable Arbeitsbedingungen: Beim Lieferdienst Deliveroo setzt man auf Scheinselbständigkeit, Behinderung von Betriebsräten und Niedriglohn

Bundesweit protestieren Beschäftigte, Gewerkschafter und Bürgerrechtler gegen »Deliveroo«. Warum haben die dort beschäftigten Fahrradkuriere beschlossen, dass der heutige Freitag, der 13., für die Firma ein »schwarzer Freitag« werden soll?

Deliveroo ist zunächst wegen Betriebsratsbehinderung in unseren Fokus geraten. In Köln hatte sich am 16. Februar der erste Betriebsrat in Deutschland bei dem Unternehmen gegründet. Das hat darauf so reagiert: Es verlängerte die bislang befristeten Verträge mit den Beschäftigten nicht, sondern wandelte sie sukzessive in Verträge mit Scheinselbständigen um. Wir bezeichnen das als strukturelle Gewalt.

Unternehmen vermeiden so betriebliche Mitbestimmung und Streikrecht. Denn die Fahrer müssten sich dann ja quasi selber bestreiken. Weiterhin sparen die Manager so Sozialabgaben. Diese Form der angeblichen Selbständigkeit ist ein Rückschritt in vorindustrielle Zeiten. Das ist Stücklohn-Knechtschaft. Die Fahrerinnen und Fahrer erhalten 5,50 Euro pro erfolgte Lieferung. Fortan tragen sie für alles selber das Risiko: Ob sie nun im Restaurant in Stoßzeiten warten müssen und erst verspätet an Kunden ausliefern können, oder wenn die Pizza nicht fertig wird. Falls aufgrund schlechter Auftragslage nichts zu tun ist, erhalten sie null Euro. Von den 5,50 Euro pro Auftrag müssen sie obendrein die Berufshaftpflicht und die Krankenversicherung zahlen: Etwa 370 Euro monatlich werden fällig. Ich hab› gerechnet: 67 Fahrten müssen die Kuriere ganz umsonst erledigen, ohne dass auch nur ein Cent für ihren Lebensunterhalt dabei rausspringt.

Wie soll jemand von diesem Job leben können?

Viele Fahrer sind deshalb ohne Versicherung unterwegs. Sie sind jung und hoffen einfach, dass ihnen nichts passieren wird. Das hat noch weitere Folgen. Sie fahren auch weiter, wenn sie erkrankt sind. Das gefährdet nicht nur ihre eigene Gesundheit, sie verbreiten so zum Beispiel Grippeviren weiter.

Wie viele Fahrerinnen und Fahrer arbeiten auf die von Ihnen geschilderte Art?

Nach Auskünften des Deliveroo-Geschäftsführers in Deutschland, Felix Chrobog, ist davon auszugehen, dass bereits 40 Prozent der Fahrradkuriere als Scheinselbständige arbeiten. Das Unternehmen verfolgt diese Geschäftspolitik europaweit und plant, sie offenbar auszuweiten. In Frankreich ist der Staat dagegen vorgegangen, hat diese Praxis für illegal erklärt. In Belgien gibt es bereits Proteste dagegen.

Welche Aktionen sind am heutigen Freitag hierzulande geplant?

In Berlin und Köln wird es Fahrraddemos geben. Es sind weitere Proteste unter anderem in München, Hamburg, Frankfurt, Nürnberg, Leipzig vorgesehen. In Köln werden wir im Verlauf der Demo vor Restaurants anhalten, die Vertragskunden von Deliveroo sind. Darunter sind einige, deren Vertreter sich gegenüber den Fahrerinnen und Fahrern diskriminierend oder rassistisch äußerten, oder solche, die ihre Küchenhilfen schlecht bezahlen.

Letztere sind auch betroffen von der Lieferdienstknechtschaft. Um den Stress zu bewältigen, überfordern manche Lokale ihr Küchenpersonal. Zum Beispiel schlafen im indischen Restaurant »Ginti« Beschäftigte direkt neben der Küche in Stockbetten: Das sind Verhältnisse, wie man sie im 19. Jahrhundert kannte.

Außerdem protestieren wir gegen den Deliveroo-Vertragspartner Nordsee GmbH, dem Betriebsratsbehinderung und Lohndumping vorzuwerfen ist. Der Besitzer der Kette, Theobald Müller, steht zudem als Steuerflüchtling und Förderer eines AfD-Thinktanks in der Kritik: Ein Steuerflüchtling, der gegen Flüchtlinge wettert!

Was wollen Sie mit dem Aktionstag am Freitag erreichen?

Die Proteste sollen den Lieferdienst dazu zwingen, seine Fahrer in Zukunft unbefristet anzustellen, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall sowie Kranken- und Sozialversicherung zu gewähren. Konkurrenzunternehmen zahlen neun oder zehn Euro Stundenlohn; bei Deliveroo fordern wir zehn Euro. Weiterhin soll die Firma einen Beitrag zu Fahrradreparaturen und Handykosten zahlen; bislang müssen die Beschäftigten all dies selber finanzieren.

Elmar Wigand ist Sprecher des Vereins Aktion/Arbeitsunrecht. Informationen unter: https://arbeitsunrecht.de


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio: