Aus: Ausgabe vom 13.04.2018, Seite 1 / Titel

Warten auf den Angriff

Syrien bereitet sich auf Aggression vor. Ostghuta vollständig befreit. Truppen erreichen angeblichen Schauplatz von Giftgaseinsatz

Von Karin Leukefeld, Damaskus, und André Scheer
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Auf Wachtposten in der befreiten Ostghuta: Ein syrischer Soldat vor den Trümmern der Ortschaft Dschobar

Nach den Drohungen von US-Präsident Donald Trump und anderen westlichen Spitzenpolitikern gegen Syrien wird in Damaskus seit Tagen mit einer US-geführten Angriffswelle auf das Land gerechnet. Die Truppen sind in Alarmbereitschaft versetzt worden, geschehen ist bislang nichts. Der syrische Präsident Baschar Al-Assad warnte am Donnerstag, dass militärische Angriffe des Westens auf Syrien »nur die Instabilität der Region erhöhen und den internationalen Frieden und die Sicherheit in Gefahr bringen« würden.

Regierungstruppen brachten nach russischen Angaben vom Donnerstag die Stadt Duma und damit die gesamte Region Ostghuta unter ihre Kontrolle. Das Gebiet unweit von Damaskus war jahrelang von der »Armee des Islam« und anderen dschihadistischen Gruppen kontrolliert worden. Wie die Nachrichtenagentur AFP berichtete, übergaben die letzten verbliebenen Kämpfer ihre schweren Waffen an die russische Militärpolizei, ihre Anführer wurden zusammen mit Tausenden Dschihadisten in Richtung Norden evakuiert. Der libanesische Fernsehsender Al-Mayadeen meldete am Donnerstag, syrische Einheiten hätten auch den Ort Sakba erreicht, in dem die mit den Islamisten verbündete Organisation »Weißhelme« am vergangenen Wochenende die Videoaufnahmen von dem angeblichen Giftgaseinsatz gemacht hatte. Die syrische Regierung hat die Organisation für das Verbot von chemischen Waffen (OPCW) eingeladen, vor Ort eigene Untersuchungen vorzunehmen.

US-Präsident Donald Trump relativierte am Donnerstag seine über Twitter ausgestoßenen Drohungen vom Vortag und schrieb, er habe »nie gesagt, wann ein Angriff auf Syrien stattfinden« werde. »Es könnte sehr bald oder nicht so bald sein.« Demgegenüber goss der französische Präsident Emmanuel Macron weiter Öl ins Feuer. Seine Regierung habe Beweise für den Einsatz von Giftgas durch die syrische Regierung in Duma, behauptete der Staatschef am Donnerstag in einem Interview mit den Fernsehsendern TF1 und LCI. Sobald alle vorliegenden Informationen bestätigt seien, werde eine Entscheidung über einen Militäreinsatz getroffen. Auch Saudi-Arabien und Australien kündigten ihre Bereitschaft an, sich an einem Angriff auf Syrien zu beteiligen. Die britische Premierministerin Theresa May ordnete die Verlegung der im Mittelmeer stationierten U-Boote vor die syrische Küste an. Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte, dass sich Deutschland nicht an einem militärischen Angriff beteiligen werde. Gleichwohl sind »Tornado«- und AWACS-Aufklärungsflugzeuge der Bundeswehr weiter über Syrien im Einsatz und unterstützen so mit ihren Daten eine Aggression gegen das Land.

Die iranische Nachrichtenagentur Fars berichtete am Mittwoch unter Berufung auf örtliche Medien, dass die syrische Armee in der östlichen Ghuta britische Militärangehörige festgenommen habe. »Kämpfer und Agenten, die für Israel, Jordanien und die NATO« operierten, hätten in der Region festgesessen und seien nach Vermittlung durch die Türkei nach Idlib gebracht worden. Die syrische Regierung oder Armee bestätigten den Bericht nicht. Er deckt sich aber mit Aussagen von Busfahrern, die bei der Evakuierung der Kämpfer aus der Ostghuta eingesetzt worden waren. Diese gaben im Gespräch mit junge Welt an, dass bei der ersten Transportwelle im März mindestens zwei Busse mit ausländischen Kämpfern nach Idlib gefahren seien, die man nicht kontrolliert habe.


Debatte

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  • Beitrag von Frank P. aus B. (13. April 2018 um 10:48 Uhr)

    ich verstehe nicht warum diese Terroristen die Ostgutha jahrelang mit granaten und anderen zerstörerischen Waffen Menschen meist Zivilisten getötet haben freies Geleit bekommen ! Auch die englishen Militärangehörigen gehören verhaftet! Sie sind auch Terroristen im staatlichen Auftrag oder im Auftrag der NATO !

    • Beitrag von Joel K. aus G. (14. April 2018 um 09:06 Uhr)

      Wie soll man sonst verhandlungsunwillige Kämpfer und als Schutzschilde missbrauchte Zivilisten voneinander trennen? Das Vorgehen wurde schon oft angewendet. Es ist ein schrittweiser Landgewinn, hier im Herzen des Landes. Anderswo erhöht sich dadurch die Konzentration an Dschihadisten, in diesem Fall gehen die in die türkische Einflusszone im Norden bei Afrin. Womöglich gibt man diese Gebiete irgendwann auf. Syrien hätte dann an den Rändern territoriale Einbußen, könnte aber als Staat überleben.

      Westliche Gefangene sind Bonuskarten, die man geheimdiplomatisch ausspielen kann (vielleicht schon ausgespielt hat, weil der nächtliche Angriff von USA/GB/FR deutlich begrenzt war). Gerichtsprozesse wären zwar richtig, würden die eigentlich Verantwortlichen aber nicht treffen. Außerdem gibt es für sie kein Forum: Der Internationale Strafgerichtshof ist klar westlich-imperialistisch gesinnt (dort würden sie freikommen), und ein lokaler Prozess würde als Schauprozess eines Unrechtsregimes diffamiert (Westpropaganda würde sie instrumentalisieren für weitere Propaganda).

  • Beitrag von günther d. aus b. (13. April 2018 um 17:09 Uhr)

    Der Anllass für den ersten Weltkrieg war ein Schuss aus einer Pistole von einem " echten" Attentäter. Der wurde verurteilt und getötet Der Anlass für den zweiten Weltkrieg war ein Angriff auf einen Sender von "unechten" Attentätern. Die "Väter" dieser Aktion wurden 1945 in Nürnberg als Kriegsverbrecher verurteilt und getötet. Und der Anlass für einen dritten Weltkrieg soll wohl nun offenbar der von Geheimdiensten eingefädelte Gaskrieg in Syrien werden? Also, der Imperialismus bedient sich für seine Zwecke immer schäbigerer Mittel. Und wann und wo werden diese "Väter" zur Rechenschaft gezogen?

  • Beitrag von Holger F. aus L. (13. April 2018 um 23:25 Uhr)

    Ein sehr guter Artikel von Reinhard Lauterbach in der Wochenendbeilage zeigt die Verlogenheit des Westens.

    www.jungewelt.de/artikel/330382.die-abseiler.html

    Wie sagte der scharfzüngige Analytiker Karl-Eduard in einem seiner letzten Interviews so treffend, man kann die Mauer sehen wie man will, aber sie hat einen Krieg verhindert !!! Chapeau!

    Was mich wütend macht, ist die Ohnmacht, mit der die friedliebenden Menschen den Kriegstreibern in den USA, Israel, England und den ganzen restlichen Lakaien machtlos gegenüber stehen. Es ist 5 vor 12, wer stopt diese Psychopathen ?

    Der Holger

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