Aus: Ausgabe vom 12.04.2018, Seite 11 / Feuilleton

Absolute Energie

Gegen Neonazis und das Gefühl des Abgehängtseins: »Wildes Herz«, ein Film über Feine Sahne Fischfilet

Von Anja Röhl
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Warum reisst Monchi so viele Leute mit?

Die 500 Plätze waren ausverkauft. Am vergangenen Donnerstag hatte »Wildes Herz«, der Dokumentarfilm über Feine Sahne Fischfilet, die bekannteste Punk-Ska-Band des Nordens, am Volkstheater Rostock Premiere. Es ist der erste längere Film des Schauspielers Charly Hübner, der ebenfalls aus Meck-Pomm kommt und unter anderem im Rostocker »110« einen Kommissar spielt. »Wildes Herz« zeige die »Ambivalenz und Transparenz« von Feine Sahne, sagt er. Vor allem zeigt er das Leben ihres Leadsängers Jan Gorkow, genannt Monchi.

Das Besondere an der Gruppe ist ihre Energie und ihr Antifaschismus, das Besondere an Monchi ist sein Mut, seine Urwüchsigkeit, seine Verbundenheit mit dem Norden: »Ich könnte mir nie vorstellen, z. B. in Berlin zu wohnen, wo soll man denn da baden?«

Die erste Szene zeigt ihn im Tonstudio, in voller Konzentration seine Lieder aus sich rausschreiend: »Wir sind am Arsch!«. »Nochmal«, sagt der Produzent und Monchi wischt sich den Schweiß. »Wir hatten kein Drehbuch«, erzählte Hübner in Rostock, »wir haben den Film sich situativ entwickeln lassen«. Drei Jahre wurden Feine Sahne begleitet, die Band chronologisch und Monchi biographisch. Er war ein Baby, das so gut wie nie schlief; ein Kind, das immer aktiv war, berichten die Eltern. Und ein Ultra von Hansa Rostock, den sie mit 14 aus dem Knast in Dortmund abholen mussten. »Hör mal«, habe ihm da sein Vater gesagt, »wir finden es dumm und blöd, dass du andere Fans zusammenprügelst und Bullenwagen anzündest, aber wir werden dich immer lieben und zu dir stehen!« Das hat Monchi schwer beeindruckt. Auf der Bühne sagt er später: »Ich wünsche jedem solche Eltern wie meine!«

Er kommt aus Jarmen, einer Hochburg der Rechten, wird aber links. Bassist Kai Irrgang sagt, dass ihre späte Kindheit vom Pogrom in Rostock-Lichtenhagen geprägt worden sei. Das war 1992. Die Linke habe damals versagt, denn sie ließ es zu, dass die Rechten ein Wohnheim von vietnamesischen Vertragsarbeitern anzündeten. Doch das war auch der Anfang einer linksmilitanten Gegenbewegung in Rostock. Dazu wollten sie Musik machen. Militant heißt, dass sie »nationalbefreite Zonen« der Neonazis nicht akzeptierten und keine Angst hatten, sich mit ihnen zu prügeln: »Alerta, alerta, antifascista«. 2016 starteten Feine Sahne eine Kampagne gegen rechte Parteien (»Noch nicht komplett am Arsch«). Monchi: »Es ist mir ganz egal, was die Leute wählen, nur darf es nicht rechts sein!«

2011 wurde die Band erstmals im Verfassungsschutzbericht von Meck-Pomm erwähnt. Sie bekam darin mehr Platz als alle rechten Bands zusammen. Feine Sahne protestierten dagegen, das trieb ihnen Publikum zu. Später brachten sie den Verfassungsschützern einen Präsentkorb ins Büro und bedankten sich für die Werbung. Seit 2015 stehen sie nicht mehr im Bericht drin.

Es geht bei ihnen um ein Lebensgefühl des Überflüssigseins und Abgehängtseins, nicht nur im Norden. Dagegen wird revoltiert, indem sie es erst zum Ausdruck bringen und dann dagegen anspielen, in einem Bundesland, das seit 20 Jahren nichts als rechte Bewegung hervorzubringen scheint.

Aber Feine Sahne sind Kult und Monchi ist eine sehr ungewöhnliche Vorbildfigur. Er wirkt manchmal etwas grob, spricht eine eher naiv-proletarische Sprache und liebt seinen massigen Körper. Er lässt sich von der Menge halbnackt, wie ein Feldherr herumtragen. Warum reißt der so viele Leute mit? Geht in den Film, dann wisst ihr es.

»Wildes Herz«, Regie: Charly Hübner und Sebastian Schultz, Deutschland 2017, 90 min, Kinostart: heute


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