Aus: Ausgabe vom 12.04.2018, Seite 10 / Feuilleton

Wanst in der Wanne

Ein Dokucomic über Gérard Depardieu macht einem die alternde Skandalnudel fast schon sympathisch

Von Maximilian Schäffer
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Gérard vereinnahmt alles und jeden um ihn herum

Gérard Depardieu ist ein Koloss. Nicht nur seiner körperlichen Ausmaße von zwischenzeitlich einhundertvierzig Kilogramm auf einen Meter achtzig wegen. Er ist mindestens unter den Top-5 der wichtigsten lebenden Franzosen. Nun ist ein Comic, vielleicht gar eine »Graphic Novel« erschienen, in dem behauptet wird, Depardieu sei sogar die einsame Speerspitze der bekanntesten Naturen der Grande Nation überhaupt. Vor ein paar Jahren, das Buch ist 2016 entstanden, sei er noch berühmter gewesen als der damalige Präsidenten François Hollande.

Mathieu Sapin ist ein sehr kleiner Mann und hat sie beide begleitet: den gigantischen Schauspieler und den windigen Staatsmann. »Campagne présidentielle. 200 jours dans les pas du candidat François Hollande« erschien 2012 im Dargaud-Verlag, Paris. Es illustriert die Atmosphäre im Élysée-Palast während der kritischen Wochen vor der Wahl: alles glatt und misstrauisch, aufgesetzt und hochsensibel. Bis auf letzteres ist der große Gérard all das nicht. Das verdeutlicht das kürzlich im Berliner Reprodukt-Verlag erschienene Buch »Gérard: Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu«.

Man muss zuerst verstehen, wieso ein derartiges Starporträt Frankreich in Aufruhr versetzt – schon knapp 100.000 Einheiten wurden verkauft. Sensationell für ein Bilderbuch. Könnte man nicht genauso gut die Bunte oder ein gleichförmiges Pendant lesen, um Intimes über alternde Skandalnudeln zu erfahren? Ja und nein. Ja, weil man in den knapp 150 Seiten Prominentenzeichnung nicht viel erfährt, was man nicht eh schon aus der Klatschpresse wüsste: Depardieu ist ein schwieriger Typ, er legt sich mit heimischen Politikern an, flieht (angeblich) vor der Steuer nach Russland, flirtet mit Putin, hat ein Händchen für die Frauen und einen Hang zur Cholerik. Nein, weil Depardieu eben nicht irgendeiner ist, vor allem nicht für Franzosen. Er ist mehr als nur ein A-Promi, für viele verkörpert er geradezu Frankreich. Ein Provinzbursche aus dem Loire-Tal, aufgewachsen in einfachsten Verhältnissen, trotzdem Weltbürger, dabei Blut und Wasser der Leidenschaft für das volle Leben schwitzend. Wer so viel raucht und säuft und frisst und Bypass-Operationen hat (5), der kann nur ein echter Linksrheiner sein.

Im Buch sieht man Depardieu in seiner Pariser Luxuswohnung, vollgestopft mit Kunst und sonstigen Reliquien der Millionenklasse. Grimmig knurrt er am laufenden Band »Krrr!«, weil ihm, dem ewigen Grafen von Monte Christo, die kleinste Befindlichkeitsstörung zuwider ist. Ständig telefoniert und schimpft er rastlos in Unterhosen, die der mächtige Wanst überragt. Szenenwechsel ins wilde Aserbaidschan, wo ihn sogar die Kleinkinder einer Dorfgemeinschaft umarmen möchten. Dann in ein portugiesisches Schloss, wo er den alternden Stalin in einer Badewanne mimt. Das Wasser ist saukalt: »Krrr!« Ein paar Seiten weiter lässt er sich in der Sauna einer russischen Nobeldatscha mit Birkenzweigen auspeitschen: Genüssliches »Krrr!«, Hauptsache immer das volle Leben. Gérard vereinnahmt alles und jeden um ihn herum.

Mathieu Sapin ist auch als Comicfigur immer nebendran. In seinen Gedankenblasen spiegeln sich die Überlegungen eines schüchternen Beobachters mit grundlegend anderem Weltbezug. Sympathisch daran ist, dass er sich nicht ausnimmt. Der devote Reporter, halb so alt und halb so groß, kommt nicht viel besser oder schlechter weg als der überlebensgroße Egomane. Schließlich ist sein dringlicher Journalisten- Voyeurismus bei gleichzeitigem Neutralitätsvorsatz nicht weniger paradox, als wenn Depardieu über die Rücksichtslosigkeit der Menschheit schimpft.

Es ist genau jene Entblößung, die dieses Buch interessant macht. Die Zeichnungen, koloriert von Ehefrau Clémence Sapin, sind nicht weltbewegend, die Erkenntnisse über Frankreichs Exportschlager Nummer 1 auch nicht. »Gérard« ist ein Buch über die Spielarten des menschlichen Charakters, bei dem der streng genommen grundehrliche Depardieu mit all seinen brachialen Unzulänglichkeiten mindestens genauso (un-)sympathisch wie sein folgsamer, ständig die Eskalation fürchtender Dokumentar wird. Trotzdem oder gerade weil der Schauspieler mit der dicken Nase so offenkundig dem Wahnsinn des Weltgeschehens erlegen ist.

Mathieu Sapin: Gérard. Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu. Aus dem Französischen von Silv Bannenberg, Handlettering von Olav Korth, Reprodukt-Verlag, Berlin 2018, 160 Seiten, 24 Euro


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