Aus: Ausgabe vom 12.04.2018, Seite 5 / Inland

Kein Freund der Arbeiter

Der neue Volkswagen-Chef Herbert Diess steht für Leistungsverdichtung und Stellenabbau. Profit bleibt unantastbar

Von Stephan Krull
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Habe die Ehre: Herbert Diess auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt am Main (September 2015)

VW-Chef Matthias Müller war als Nachfolger von Martin Winterkorn geholt worden, um die Scherben des millionenfachen Abgasbetruges aufzukehren und dabei die Aufklärung nicht zuweit zu treiben. Diese Arbeit ist zum Großteil erledigt. In den USA wurden Strafen und Kosten von mehr als 20 Milliarden Euro bezahlt und abgeschrieben, fast niemand fragt mehr nach den Verantwortlichkeiten für den Abgasbetrug im Konzern. Von anfänglichen Sprüchen von einer rücksichtslosen Aufklärung »ohne Ansehen der Person« und vom Versprechen der Transparenz ist nichts geblieben – trotz Landesbeteiligung und weitgehender gewerkschaftlicher Mitbestimmung im Unternehmen. Es gibt einen Bericht der »internen Prüfung«, sowie einen der beauftragten Anwaltskanzlei Jones Day, die beide trotz anfänglicher Ankündigungen nicht veröffentlicht werden – wegen »unvertretbarer Risiken« für das Unternehmen. Man ahnt, was dort drinsteht. Aus meist gutunterrichteten Unternehmenskreisen ist zu hören, dass »eventuell unsere Enkel« erfahren könnten, wer für den Betrug verantwortlich war; mit allen Mitteln soll die Wahrheit für die nächsten 50 Jahre unter Verschluss gehalten werden.

In den USA hat der Konzern all die Gesetzesverstöße von der Verschwörung über die Behinderung und Irreführung der Justiz bis zur Aktenvernichtung zugegeben. Nun also die nächste Etappe im Kampf der Konzerne, um »gestärkt aus der Krise hervorzugehen«. Das meint im Denken der Aktionäre und der Manager: mehr Umsatz und mehr Profite für die Eigentümer, mehr Absatz von gewinnbringenden Autos mit Verbrennungsmotoren auf neuen Märkten, höhere Produktivität und mehr Leistung der Beschäftigten bei geringerer Entlohnung – immer natürlich in Konkurrenz zu allen anderen Autoherstellern. Die Erfindung »neuer Geschäftsmodelle« zielt auf die Austrocknung des öffentlichen Personenverkehrs und die Vereinnahmung dort realisierter Umsätze für den eigenen Profit.

Für diese neue Etappe braucht es einen neuen Mann, einen richtig harten Hund. Das soll der 60jährige Österreicher Herbert Diess werden, der erst vor drei Jahren von BMW als »Sanierer« zu Volkswagen kam. Sein »Gesellenstück« ist der »Zukunftspakt« mit dem Abbau von weit mehr als 20.000 Stammarbeitsplätzen, massiven Produktivitätssteigerungen und Einsparungen von circa zwei Milliarden Euro pro Jahr bei der Marke Volkswagen. Das Ziel, die Produktivität bis 2020 um 25 Prozent zu steigern, ist zunächst und unweigerlich mit enormer Intensivierung der Arbeit, mit Leistungsverdichtung und schließlich mit Personalabbau verbunden. Nichts ist in diesem Zusammenhang sicher: kein Arbeitsplatz, kein Einkommen, keine Betriebsabteilung und am Ende auch kein Standort.

Vor allem ist Diess niemand, der auf eine dringend nötige Mobilitäts- und Verkehrswende setzt: Einzig der Profit ist unantastbar. Der Umgang mit den Zulieferern, zuletzt mit den Prevent-Töchtern Foamtec in Stendal, ES-Guss in Schönheide und Car Trim in Plauen, ist ein Beispiel dafür, wie künftig unter Verantwortung von Diess agiert werden wird. Weitere Beispiele sind der geplante Börsengang der Unternehmenssparte VW Truck und Bus und die »Neuordnung« der Komponentenfertigung. Insoweit ist der jetzt geplante Personalwechsel Teil des Konzernumbaus, »des größten in der Geschichte des Unternehmens«, der seit längerer Zeit vorbereitet wird: »Together 2025« heißt das Programm. Und es bedeutet wohl nicht, dass alle gemeinsam 2025 ankommen und erleben. Euphemistisch wird verkündet, Volkswagen solle moderner und sympathischer werden, die Mobilität werde »demokratisiert«. Die Komponentenwerke und die Lkw-Sparte sollen jedoch ausgegliedert werden, neue Geschäftsfelder werden als eigenständige GmbHs etabliert – außerhalb des Tarifvertrages, außerhalb der Mitbestimmung durch Betriebsräte.

Das Credo lautet: »Wir müssen die Effizienz deutlich steigern – über die gesamte Wertschöpfungskette und alle Marken hinweg.« Der künftige Boss (»Diess gibt Gas beim Umbau«) wird immer etwas konkreter; er will möglichst schnell all das hinter sich lassen, was Volkswagen 2015 in eine »prekäre Situation« manövriert habe, berichtet der Onlinedienst Automobilindustrie: nicht etwa der millionenfache Abgasbetrug, sondern »stark gestiegene Fixkosten, immer größer werdende Produktivitätslücken, hohe Fertigungstiefe, unwirtschaftliche Unternehmensbereiche, die häufig nur aus Gründen der Beschäftigungssicherung mitgezogen wurden«. Nimmt man angesichts der Flexibilität und Intensität der Arbeit und der vielen Überstunden im Unternehmen allein die Aussage von den »größer werdenden Produktivitätslücken« und setzt diese ins Verhältnis zu mehr als elf Milliarden Euro Gewinn allein im Jahr 2017, wird deutlich, was dieses Management unter »Together« versteht. Der sogenannte Zukunftspakt mit dem angekündigten Personalabbau von 23.000 Beschäftigten in den Werken von Volkswagen und weiteren 10.000 Beschäftigten bei den anderen Marken und Organisationseinheiten soll zum Ende »liebgewonnener Privilegien« führen – und damit sind nicht die Boni des Vorstandes gemeint.


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