Aus: Ausgabe vom 11.04.2018, Seite 15 / Antifa

500 Menschen bei Antifakongress

Breit gefächertes Programm in Hamburg – spontaner Praxisworkshop inklusive

Von Kristian Stemmler
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Gegen den Hamburger Antifa-Protest demonstrierten am Samstag zwei Dutzend Personen unter dem Motto »Gegen Linksextremismus und linke Gewalt«. Sie wurden von einem Großaufgebot von etwa 1.000 Polizisten samt Panzerfahrzeug geschützt

Im Programm war es nicht eingeplant, wurde aber gern nachträglich als »praxisorientierter Workshop« eingebaut. Hamburgs Polizei lieferte dem Antifakongress, zu dem am Wochenende unter dem Motto »Bilden. Organisieren. Zurückschlagen« mehr als 500 Aktivisten im autonomen Zentrum Rote Flora im Schanzenviertel zusammenkamen, Anschauungsunterricht frei Haus. Eine Lektion darin, wie man sich als Ordnungsmacht lächerlich macht.

Fast 1.000 Polizeibeamte und sechs Wasserwerfer sicherten am Samstag mittag eine Demonstration gegen den Kongress ab – sie schützten ein Häuflein von etwa 25 Rechten beim U-Bahnhof Schlump. In der Mittagspause des Kongresses kam ein Großteil der Teilnehmer von der etwa einen Kilometer entfernten Flora herüber, um sich das groteske Spektakel anzusehen. »Das ist ein Witz!« kommentierte Aktivist Simon vom Organisationsteam gegenüber junge Welt den Aufmarsch.

Die Kreuzung vor dem Bahnhof war mit Absperrgittern und Polizeiketten weiträumig dichtgemacht, alle Straßen ringsum gesperrt worden, darunter die Hauptverkehrsader Schäferkampsallee. Bis auf vereinzelte »Nazis raus!«-Rufe waren keine linken Aktivitäten zu verzeichnen. Bei Sonnenschein und 20 Grad war die Atmosphäre entspannt. Kinder spielten an den Absperrgittern, Aktivisten setzten sich auf die Fahrbahnen, um Kaffee, Cola oder kalte Limo zu genießen.

Von den Rechten war nichts zu sehen und zu hören. Demoanmelder Peter Wolfslast, Anwalt und AfD-Mitglied, hatte laut Hamburger Morgenpost gerufen: »Immer geht die Antifa gegen andere vor, wir müssen auch gegen die vorgehen!« Der Kongress nahm es mit Humor, die Musik spielte an diesem Wochenende ohnehin woanders, in der Roten Flora.

»Rappelvoll« sei es, freute sich Simon im Gespräch mit jW. Unter den mehr als 500 Teilnehmern aus Hamburg und dem Umland seien »erfreulich viele, die noch nie in der Roten Flora gewesen sind«, sagte er. Das Organisationsteam habe den Eindruck, dass immer mehr junge Leute »Lust haben, sich in linken Zusammenhängen zu engagieren«.

In etwa 20 Workshops in den Räumen des Zentrums wurde für jeden etwas geboten, für »Novizen« ebenso wie für erfahrene Aktivisten. Das begann bei Kernthemen der Antifa wie dem Rechtsruck im Lande oder Neonazistrukturen in Norddeutschland und ging bis zu Themen wie Antiziganismus und der Revolution in Rojava, Nordsyrien. Auch die praktische Seite kam nicht zu kurz mit Demotips vom Ermittlungsausschuss Hamburg oder einem Selbstverteidigungsworkshop. Natürlich diente die Tagung auch dem Austausch, dem »Kennenlernen, Vernetzen und Schnacken«, wie es im Kongressflyer hieß.

Eine Rolle spielten auch die zunehmenden Aktivitäten »besorgter Bürger« in Hamburg, die sich seit Februar jeden Montag unter der Überschrift »Merkel muss weg« versammeln. Für Montag abend war die achte dieser »Montagsdemos« am Dammtorbahnhof angekündigt. In der Roten Flora war man sich am Wochenende einig, dass diese Provokation eine breite antifaschistische Gegenbewegung erfordert.

Für AfD, CDU und die Polizeigewerkschaften war der Antifakongress ein willkommener Anlass, das Thema Rote Flora aufzuwärmen. NDR 90,3 zitierte am Sonntag den Innenexperten der CDU-Bürgerschaftsfraktion, Dennis Gladiator, mit den Worten, der Senat lasse sich »weiter von den Autonomen auf der Nase herumtanzen«. Ähnlich äußerte sich der AfD-Fraktionschef Jörn Kruse. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) und die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) forderten klare Vorgaben für die Rote Flora und ein härteres Durchgreifen von seiten der Regierungskoalition aus SPD und Grünen.

Der CSU-Landesgruppenchef im Bundestag, Alexander Dobrindt, hatte am Freitag in Bild die Rote Flora und das Projekt Rigaer Straße in Berlin gar als »linke Propagandahöhlen« bezeichnet, deren Existenz die Bürger am Rechtsstaat zweifeln lasse. Wenn dann auch noch die Polizei in manchen Bundesländern nur mangelnden Rückhalt der Politik genieße, gebe »der Staat einen Hebel zur Rechtsdurchsetzung aus der Hand«. Hamburg, das zum Schutz einer kleinen Demo von rechts Hunderte Polizisten in Marsch setzt, kann er nicht gemeint haben.


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