Aus: Ausgabe vom 11.04.2018, Seite 15 / Antifa

Ein Unersetzlicher

Zum Tod des Holocaustüberlebenden Martin Löwenberg

Von Nick Brauns
S 15.jpg
Martin Löwenberg auf einer Veranstaltung zu seinem 80. Geburtstag im Mai 2005

»Es gibt Menschen, die kämpfen einen Tag, und sie sind gut. Es gibt andere, die kämpfen ein Jahr und sind besser. Es gibt Menschen, die kämpfen viele Jahre und sind sehr gut. Aber es gibt Menschen, die kämpfen ihr Leben lang: Das sind die Unersetzlichen«, wusste Bert Brecht. Einer dieser Unersetzlichen war der Antifaschist und Friedensaktivist Martin Löwenberg, der am Ostermontag wenige Wochen vor seinem 93. Geburtstag in München verstarb.

Martin Löwenberg wurde am 12. Mai 1925 in Breslau in eine sozialdemokratische Familie hineingeboren. Der Vater – ein Jude – verstarb bereits 1929, die gesamte Verwandtschaft väterlicherseits fiel später dem Terror des Naziregimes zum Opfer. 1932 erlebten Martin und sein zwei Jahre älterer Bruder Fred einen SA-Überfall auf das Heim der Sozialistischen Jugend – Die Falken mit. Mehrfach verprügelte der begeisterte Boxer mit der starken linken Schlaghand später Mitglieder der Hitlerjugend. Sein Bruder gewann ihn für den organisierten Widerstand, ab 1942 versorgte Löwenberg osteuropäische Zwangsarbeiter mit Lebensmittelkarten und Nachrichten über den Frontverlauf. Im Mai 1944 wurde er festgenommen, unter Folter von der Gestapo verhört und in das KZ Flossenbürg sowie dessen Außenlager zur Zwangsarbeit gebracht. »Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg«, schwor Löwenberg gemeinsam mit Tausenden weiteren Überlebenden nach der Befreiung aus dem KZ.

Er war eines der Gründungsmitglieder der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), der er sein Leben lang angehörte, trat 1948 in München in die SPD ein, beteiligte sich am Wiederaufbau der Gewerkschaften und engagierte sich gegen die Remilitarisierung. Ein lebenslang prägendes Ereignis für Löwenberg war der Tod des 21jährigen Münchner Gewerkschafters Philipp Müller, der am 11. Mai 1952 vor seinen Augen während einer »Friedenskarawane der Jugend« in Essen von der Polizei erschossen worden war. Aufgrund seines Engagements innerhalb der Sozialdemokratischen Aktion, die als »kommunistische Tarnorganisation« galt, sowie vier Jahre später wegen seiner Mitarbeit in der 1956 verbotenen KPD wurde er zweimal zu Haftstrafen verurteilt. Die KPD verließ Löwenberg nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968. Fortan bezeichnete er sich als »Kommunist ohne Parteibuch«. Der gelernte Sattler wurde Betriebsratschef beim Nähmaschinenhersteller Pfaff. Von 1983 bis 1992 engagierte er sich bei den Grünen. Von den Ostermärschen bis zur Antiatombewegung war Löwenberg, der in seinem Engagement seine Genossin und Ehefrau Josefine an seiner Seite wusste, bei allen großen Protestbewegungen dabei. Er war Mitbegründer des Münchner Bündnisses gegen Krieg und Rassismus und im Vorstand des Archivs der Münchner Arbeiterbewegung. Selbst im Seniorenheim stritt er noch für bessere Pflegebedingungen.

Als Anfang der 1990er Jahre eine Welle rassistischer Anschläge deutschlandweit für Tote sorgte, forderte Löwenberg zur Blockade von Naziaufmärschen auf. Dass der weißhaarige KZ-Überlebende dabei in der ersten Reihe stand, erleichterte vielen den Schritt zur Zivilcourage. Bundesweit für Empörung sorgte Löwenbergs Verurteilung durch das Münchner Amtsgericht wegen eines solchen Blockadeaufrufs im Jahr 2002. »Es kann legitim sein, was nicht legal ist«, lautete Löwenbergs Maxime, die zum Titel eines Dokumentarfilms über sein »Leben gegen Faschismus, Unterdrückung und Krieg« wurde. Dass Faschisten sich in München bis heute stets einer breiten Masse von Gegendemonstranten gegenüber sehen, ist auch Löwenbergs Verdienst. Als Integrationsfigur lehnte er die Ausgrenzung von »bürgerlichen Kräften« durch Linksradikale ebenso ab wie die von den »Bürgerlichen« geforderte Distanzierung von den »Autonomen«. Bei seiner Befreiung aus dem KZ habe er sich nie träumen lassen, dass er sein ganzes Leben gegen Faschismus, Rassismus und Krieg kämpfen müsse, erklärte Löwenberg einmal. Verbittert war er deswegen niemals. Er bleibt in Erinnerung als ein warmherziger, freundlicher und unerschütterlicher Freund und Genosse.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Antifa