Aus: Ausgabe vom 10.04.2018, Seite 7 / Ausland

Gefährdeter Friedensprozess

Kolumbiens Regierung und die ELN-Guerilla verhandeln wieder. Doch die Gespräche könnten scheitern

Von Jan Schwab, Bogotá
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ELN-Comandante »Yerson« am 30. August 2017 im Nordwesten Kolumbiens

Seit Montag vergangener Woche verhandeln die Vertreter der kolumbianischen Regierung und der größten noch bewaffnet kämpfenden Guerillaorganisation des südamerikanischen Landes, der ELN (Nationale Befreiungsarmee), wieder in Ecuadors Hauptstadt Quito. Bei den Gesprächen soll es um eine Wiederauflage des zum Jahresende ausgelaufenen bilateralen Waffenstillstands gehen. Zuvor hatte die ELN während der Parlamentswahlen am 11. März eine einseitige Feuerpause verkündet.

Der im Februar 2017 begonnene Friedensprozess war von der Regierung im Januar abgebrochen worden, nachdem die Guerilla ihre Attacken wiederaufgenommen hatte. So sollen Einheiten der Aufständischen in Arauca im Nordosten Kolumbiens für Anschläge auf Erdölpipelines und einen Angriff auf einen Militärposten verantwortlich sein. Staatschef Juan Manuel Santos zog daraufhin seine Delegation aus Quito ab und ordnete Militäreinsätze gegen die Guerilla an.

Die ELN versuchte zunehmend, Gebiete zu besetzen, die früher von den FARC kontrolliert worden waren. Dabei geriet die Guerilla in bewaffnete Auseinandersetzungen mit rechten paramilitärischen Truppen, der kolumbianischen Armee und den Drogenhändlerbanden. International für Aufsehen sorgte schließlich ein Bombenanschlag auf das Polizeipräsidium in der nordkolumbianischen Hafenstadt Barranquilla, dem fünf Beamte zum Opfer fielen.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass der Friedensprozess innerhalb der ELN umstritten ist. So überrascht es wenig, dass gerade die Östliche Kriegsfront unter dem Kommando von Gustavo Aníbal Giraldo alias »Pablito« nach dem Auslaufen des Waffenstillstands zuerst wieder aktiv wurde. Zusammen mit Comandante »Uribe« von der Westlichen Front in der armen Pazifikregion Chocó führt »Pablito« den radikalen Flügel innerhalb der Guerilla an, der den Friedensprozess grundsätzlich ablehnt.

Anders als in der inzwischen entwaffneten und zu einer legalen Partei umgewandelten FARC besitzen die regionalen Kommandeure in der weniger straff organisierten ELN größere Autonomie. Zwischen dem moderaten Flügel um Delegationschef Pablo Beltrán und den radikaleren Comandantes kommt es immer wieder zu Widersprüchen und gegensätzlichen Entscheidungen. So werden auch die neuen Verhandlungen durch eine der Östlichen Front in Arauca zugeschriebene Entführung eines Beamten und eines Ingenieurs des staatlichen Ölunternehmens Ecopetrol überschattet. Darüber hinaus eskalieren in der Region Norte de Santander die Kampfhandlungen zwischen der maoistischen Splittergruppe EPL (Volksbefreiungsarmee) und der ELN.

Die Zukunft des Friedensprozesses wird nicht zuletzt vom Ausgang der Präsidentschaftswahl im Mai abhängen. Zuletzt hatten sich sogar die gemäßigt linken Kandidaten Sergio Fajardo und Gustavo Petro skeptisch über ein mögliches Abkommen mit der Guerilla geäußert, die Rechten lehnen die Gespräche ohnehin ab.


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