Aus: Ausgabe vom 10.04.2018, Seite 2 / Inland

»Israel-Kritik soll unterbunden werden«

Wer in München über die Lage in Palästina berichten will, hat es schwer. Der Stadtrat stellt dafür keine Räume zur Verfügung. Ein Gespräch mit Nirit Sommerfeld

Interview: Roland Zschächner
Demonstration_gegen_39075290.jpg
Solidarität mit Palästinensern: Demonstration gegen den israelischen Krieg in Gaza am 26. Juli 2014 in München

Der Stadtrat in München hat im vergangenen Jahr beschlossen, dass Israel-kritische Veranstaltungen keine Räume mehr erhalten. Sie waren von dieser Entscheidung betroffen. Am 19. Februar wollten Sie im Gasteig über Ihr Leben berichteten, was mit Hinweis auf den Stadtratsbeschluss versagt worden war.

Nicht ich war die Veranstalterin, sondern ein Palästinenser, der in München lebt. Ihm wurde der Raum speziell für meinen Vortrag verweigert, der mit dem Titel »Daheim entfremdet« angekündigt war. Mir wird unterstellt, dass ich Aktivistin der Kampagne »Boykott, Disinvestment, Sanctions« (BDS) sei. Das ist in doppelter Hinsicht unglaublich. Zum einen, weil es einfach als Behauptung ins Internet gestellt wurde – obwohl es gar nicht stimmt. Zum anderen werde ich damit gezwungen, mich zu BDS zu äußern, was aber gar nicht Thema meiner Veranstaltung war.

Es geht darum, jede Form von Israel-Kritik zu unterbinden. Das Absurde an dem Stadtratsbeschluss ist, dass man sich gar nicht mit BDS beschäftigen darf. Ich dürfte – was ich zwar nicht tun würde – nicht einmal gegen die Kampagne sprechen.

Auch in anderen Städten werden Israel-kritischen Veranstaltungen kommunale Räume verwehrt. Wie beurteilen Sie dieses Vorgehen vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse in Gaza?

Es geht nicht nur um die aktuellen Geschehnisse in Gaza. Das ist nur die Spitze des Eisberges. Die jüngsten Ereignisse zeigen nur, was Israel permanent macht: Palästinenser einsperren und dezimieren.

Die Solidarität mit Israel wird vollkommen missverstanden. Kritik an Tel Aviv wird in die Ecke von Antisemitismus gesteckt, wo sie gar nicht hingehört. Ich will nicht falsch verstanden werden, Antisemitismus muss, wie jede andere Form von Rassismus auch, bekämpft und strafrechtlich verfolgt werden. Ich weiß was Antisemitismus ist, ich habe einen Teil meiner Familie im Konzentrationslager verloren.

Sie sind gebürtige Israelin und mit acht Jahren nach Deutschland gekommen. 2007 sind Sie wieder nach Israel gegangen. Wie kam es dazu?

Ich bin damals aus persönlichen Gründen wieder nach Israel gezogen, nicht aus zionistischen oder religiösen Überzeugen. Ich wollte einfach nach Hause und meiner Tochter die schöne Jugend in Israel bieten, die ich in Erinnerung hatte. Doch auf Grund der politischen Ereignisse bin ich wieder nach Deutschland zurückgekommen. Auslöser war der israelische Angriff auf den Gazastreifen im Januar 2009. Ich hatte in den zwei Jahren sehr viel Kontakt zu Palästinensern, vor allem in der Westbank, aufgebaut. Dadurch habe ich erfahren, dass Israel ein Besatzungsstaat ist. Wir lebten in einer Schizophrenie: In Tel Aviv hat man von der Besatzung nichts mitbekommen – 95 Prozent der Israelis blenden diese Politik aus.

Die schon erwähnte, besatzungskritische BDS-Kampagne wird nicht nur in Bayern kriminalisiert. Denken Sie, das ist eine adäquate Antwort auf die israelische Politik?

Dafür ist eine differenzierte Betrachtung notwendig. Grundsätzlich handelt es sich um eine legitime Bewegung aus der palästinensischen Zivilgesellschaft, um die Besatzung zu beenden und damit die Flüchtlinge zurückkehren können. Die Kampagne ruft nicht zur Vernichtung des Staates Israel auf. Nachdem BDS international Aufmerksamkeit bekommen hat, benutzt Israel die Kampagne dazu, Menschen zu diffamieren, die sich für die Rechte der Palästinenser einsetzen. Dafür wird BDS der Stempel »Kauft nicht beim Juden« aufgedrückt, was in Deutschland dankend aufgegriffen wird, um ja nicht Farbe bekennen zu müssen. Damit wird die deutsche Schuld am Holocaust instrumentalisiert. Wenn ich Israel kritisiere, bedeutet das nicht per se, dass ich Juden kritisiere.

Wer sich heute in Europa oder der Bundesrepublik aktiv in BDS engagiert, setzt sich der Gefahr aus, als Antisemit gebrandmarkt zu werden. Aber ich möchte über die Situation der Palästinenser vor Ort und über mögliche Lösungen sprechen, damit alle Menschen zwischen Mittelmeer und Jordan gleichberechtigt leben können.

Ich selbst kaufe zwar – auch wenn es mir schwerfällt – keine israelischen Produkte. Trotzdem reise ich mit Gruppen nach Israel. Das ist für mich auch legitim. Ich denke nicht, dass ein Boykott die Besatzung beenden wird. Wichtig ist es vor allem, Druck auf Israel auszuüben.

Interview: Roland Zschächner

Nirit Sommerfeld ist Schauspielerin. Sie lebt in der Nähe von München


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Inland