Aus: Ausgabe vom 10.04.2018, Seite 1 / Titel

Rechtspresse läuft Amok

Stimmungsmache aus Springers Parallelwelt: Haben Islamisten ein Attentat in Berlin geplant? Die Polizei dementiert

Von Sebastian Carlens
Berliner_Halbmaratho_56904067.jpg
Halbmarathon in Berlin am 8. April: Terrorverdacht gegen mutmaßliche Islamisten konnte nicht erhärtet werden

Während eines Halbmarathons in Berlin am vergangenen Sonntag hat die Polizei in der Hauptstadt sechs mutmaßliche Islamisten festgenommen. Die Laufstrecke führt durch die Innenstadt, mehr als 36.000 Sportler haben teilgenommen. Eine schlecht zu schützende Route, viele Menschen, die noch frische Erinnerung an das Attentat vom Breitscheidplatz: ein Szenario, das sich für einen Anschlag fast aufdrängt.

Aber eben nur fast. Denn: Ein Attentat auf den Berliner Marathon fand nicht statt und wurde nicht verhindert, die Islamisten werden auch nicht in Untersuchungshaft genommen. Dies teilte ein Polizeisprecher am Montag mit. Damit könnte der Fall, der keiner war, beendet sein. Doch die Geschichte geht weiter.

Denn die BRD hat sich, während die Feuilletons noch über Fake News diskutieren, längst in parallelen Realitäten eingerichtet. Es war der Springer-Konzern, der vorab über die Festnahmen berichtet hatte; seit Sonntag gibt er mit seinen Flaggschiffen Welt und Bild am Sonntag die Marschrichtung vor. Die Berliner Polizei »hat einen Anschlag verhindert«, titelte die Welt online noch am Montag unverdrossen – wenige Stunden vorher hatte die Polizei genau das Gegenteil mitgeteilt. Auch die Staatsanwaltschaft dementierte.

Doch Die Welt verfügt über eigene Polizeisprecher, die das mitteilen, was gewünscht ist. Ein anonymer »ranghoher Polizeiführer« soll dem Blatt gesteckt haben: »Wir werten noch aus. Aber das war wahrscheinlich knapp.« Außerdem hätten »Sicherheitskreise« vermutet, die festgenommenen Islamisten würden den Breitscheidplatz-Attentäter Anis Amri rächen wollen. Dazu soll einer der angeblichen Attentäter »zwei extra scharf geschliffene Messer« besessen haben. Springers B.Z. sekundiert: »Die Terrorangst kehrt zurück!«

Die Polizei hingegen stellt das alles völlig anders dar. Bei den Durchsuchungen sei nichts Verdächtiges gefunden worden, weder Waffen noch Sprengstoff. Ob die Hinweise, die zu dem Verdacht führten, aus dem »Umfeld der Staatsschutzabteilung« oder »von Geheimdiensten« kamen, sei nicht klar, so die Behörde. Für die Rechtspostille Compact ist Die Welt trotzdem ein guter Stichwortgeber. Dort heißt es: »Polizei verhindert Attentat von Anis Amri-Freund.« Aus einem Verdacht, der nicht erhärtet werden konnte, hat sich eine veritable Falschmeldung entwickelt. Mit der Realität haben diese Mutmaßungen nichts mehr zu tun, dafür schüren sie die Angst der Menschen.

Das geht übrigens auch, wenn es zu echten Gewalttaten kommt. Zwar hatte der Amokfahrer, der in Münster am Samstag mit einem Minivan in eine Gaststätte fuhr und zwei Menschen tötete, ersten Informationen zufolge persönliche Motive. Das allerdings hielt AfD-Politikerin Beatrix von Storch nicht davon ab, den Fall des mutmaßlich psychisch kranken Deutschen auf Twitter mit Angela Merkels »Wir schaffen das«-Zitat in den Kontext der Asylpolitik zu wuchten. Ganz anders nahm sich hingegen eine weitere Amokfahrt in Cottbus aus: Dort raste ein stadtbekannter Neonazi am Freitag abend mit einem Geländewagen in eine Gruppe Menschen, von denen mehrere verletzt wurden. Beatrix von Storch schweigt dazu. Compact auch. Und Springers Welt? Die meldet nüchtern: »Ermittlungen zu einem möglichen Motiv dauern an.«

Es ist so banal wie brutal: Nicht jeder trauert um Tote und leidet mit Verletzten. Für manche ist Terror eine verlockende politische und geschäftliche Verheißung.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

  • Mehr Unrechtsstaat wagen (13.03.2018) Künftiger Bundesinnenminister kündigt »konsequente« Abschiebung abgelehnter Asylbewerber an. FDP und AfD wollen schnell Taten sehen
  • Mit gleicher Münze (09.03.2018) Vorabdruck. In Reaktion auf die feindseligen Bestrebungen des Westens hat Russland zum Gegenschlag ausgeholt. Moskau bedient sich dabei ähnlicher Mittel wie seine Konkurrenten
  • Rassistischer Pseudofeminismus (08.03.2018) Nicht erst seit der Silvesternacht 2015/16 in Köln entdecken faschistoide Gruppierungen die Frauenrechte für sich. Dahinter steht jedoch zuallererst der Hass auf Geflüchtete

Regio: