Aus: Ausgabe vom 06.04.2018, Seite 15 / Feminismus

Ignorierter Beitrag

Flora Tristan war feministische Sozialistin und Ideengeberin für Marx, der dieses Jahr gefeiert wird. Eine Würdigung zu ihrem 215. Geburtstag

Von Florence Hervé
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Flora Tristan (zeitgenössisches Porträt)

Flora Tristan (1803–1844) gilt in Frankreich als Pionierin der Arbeiterinnenbewegung und des feministischen Sozialismus. Sie war eine schillernde, vielseitige und streitbare Persönlichkeit, deren Themen immer noch aktuell sind: Gewalt gegen Frauen und Unterdrückung, sexueller Missbrauch von Kindern und Prostitution, soziales Unrecht, Armut und Arbeitslosigkeit, Ausgrenzung und Rassismus.

In seinem Roman »Das Paradies ist anderswo« (2003), einer Doppelbiographie Tristans und ihres Enkels, des Malers Paul Gauguin, schildert der Schriftsteller Mario Vargas Llosa eine Begegnung der zornigen »Madame la Colère« mit dem »reizbaren Ausländer« (Karl Marx) in einer Pariser Druckerei, die gerade mit der Produktion von Tristans Hauptwerk »Arbeiterunion« (1843) beschäftigt war und deshalb den Druck der von Marx herausgegebenen »Deutsch-Französischen Jahrbücher« verschob.

Aber diese persönliche Begegnung gehört ins Reich der Legenden. Wahr ist hingegen, dass Marx und Engels Werke von Flora Tristan gekannt haben und sich davon inspirieren ließen. Mitstreiter der beiden Philosophen kannten und bewunderten die Frühsozialistin, die vor 215 Jahren, am 7. April 1803, in Bordeaux geboren wurde. Über den Besuch einer Delegation deutscher Sozialisten 1843 bei Tristan berichtete Arnold Ruge, mit Marx Herausgeber der »Jahrbücher«: »Sie geht selbst in die Werkstätten und Wirtshäuser der Arbeiter und, was den Männern nicht gelingt, sie weiß sich das Zutrauen dieser ungeleckten Bären zu erwecken (…) sieben Mann hoch gingen wir gestern hin, um ihr einen Besuch zu machen. Wir fanden eine große, schwarz gekleidete und schwarz aussehende Dame, die mit Leichtigkeit (…) die Unterhaltung dirigierte und über Politik und die Fragen der Gesellschaft (das heißt hier die Reform der niederen Klassen) mit bewunderungswürdigem Verstande sprach.« Ruge empfahl Marx die Bücher der Flora Tristan. Ihre »Arbeiterunion« hat er allerdings weder weiter verbreitet noch ins Deutsche übertragen, obwohl ihn Tristan bei einer weiteren Begegnung darum gebeten hatte. Das Buch würde in Deutschland wenig Anklang finden, begründete Ruge seine Ablehnung.

In der Linken wird bis heute über die Urheberschaft an Begriffen gestritten. Die Parole »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« und der Satz »Die Frau ist die Proletarierin ihres eigenen Proletariats« stammen unterdessen nachweislich von Flora Tristan. Marx und Engels wurden zweifelsohne von zwei Werken Tristans beeinflusst: »Spaziergänge durch London« (1840), eine Reportage über das Proletariat und die Klassenkämpfe in der britischen Metropole, die Lage der Manufakturarbeiter und der Frauen, über Frauen- und Kinderprostitution sowie Kinderhorte, Schulen und Gefängnisse. Das Buch wurde oft mit Engels’ »Zur Lage der arbeitenden Klasse in England« verglichen, erschien aber fünf Jahre früher. Doch Engels führte Tristans Buch in seiner ausführlichen Bibliographie nicht auf. In »Die heilige Familie« (1844), der ersten gemeinsamen Schrift von Marx und Engels, gingen die Autoren immerhin explizit auf Tristans »Arbeiterunion« ein und verteidigten die Autorin, die von zeitgenössischen Autoren des »weiblichen Dogmatismus« geziehen worden war, gegen ihre Kritiker.

Mit der Selbstorganisation der Proletarier, heißt es in Tristans Hauptwerk, soll u. a. das Recht auf Arbeit, auf moralische, geistige und berufliche Erziehung und eine genossenschaftliche Organisation der Arbeit erreicht werden. Aufgabe der »Arbeiterunion« sei es, das Bewusstsein des Proletariats für seine Lage zu schärfen, sich der Erziehung der Kinder anzunehmen und sich um die Alten und Kranken zu kümmern. Das Organisationsprinzip sieht Basisgruppen mit fünf Männern und zwei Frauen vor. Tristan forderte diese Quote, bis Frauen den gleichen Bildungsstand wie die Männer erreicht haben. Die von ihr skizzierte »Arbeiterunion« ist zudem international. Fünf Jahre, bevor Marx und Engels das Kommunistische Manifest veröffentlichten, proklamierte sie: »Proletarier, vereinigt euch!«

Warum haben Marx und Engels Flora Tristan nur einmal erwähnt? Weil sie eine Frau war und sich deshalb die Frage nach deren Glaubwürdigkeit stellte? Es mag auch damit zu tun gehabt haben, dass Tristan sich als Heilsverkünderin verstand, wie es der französische Soziologe Maximilien Rubel (1905–1996) ausdrückte.

Clara Zetkin (1857–1933) hatte dagegen keine Bedenken, den wichtigen Beitrag der Sozialistin zur Entwicklung der Arbeiterbewegung hervorzuheben, deren kurzes Leben vom ständigen Kampf um die eigene Existenz und den Fluchten vor der Gewalt ihres Ehemannes geprägt war. Zetkin widmete ihr 25 Seiten in ihrer »Geschichte der proletarischen Frauenbewegung« (1928) und schrieb über sie: »Sie ist die erste Verfechterin der Frauenrechte, die sich eingehend mit den Löhnen, mit der Lage der Arbeiterinnen beschäftigt und die Rolle der proletarischen Hausfrau nach ihrer sozialen Bedeutung für die Arbeiter einschätzt (…). Nicht als Verfemte, als Kämpfende für der Menschheit große und größte Dinge hat Flora Tristan Heimatrecht im Weltproletariat erobert, dem sie diente.«

Florence Hervé ist Herausgeberin von »Flora Tristan oder: Der Traum vom feministischen Sozialismus« (Karl-Dietz-Verlag, Berlin 2013, 144 Seiten, 9,90 Euro)


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