Aus: Ausgabe vom 06.04.2018, Seite 7 / Ausland

Geplatzte Lügen

Giftanschlag auf Skripal: Wissenschaftler widersprechen britischer Regierung. Außenminister Johnson der Falschaussage überführt

Von Christian Bunke, Manchester
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Beim Lügen ertappt: Außenminister Boris Johnson

Heimlich, still und leise hat das britische Außenministerium einen Tweet vom 22. März gelöscht, in dem Russland eines Nervengiftanschlags auf britischem Boden beschuldigt wurde. In dem gelöschten Tweet heißt es: »Eine Analyse der weltweit führenden Experten des verteidigungswissenschaftlichen und technologischen Labors in Porton Down hat klar ergeben, dass ein militärischer Nervenkampfstoff aus der Nowitschok-Gruppe, der in Russland hergestellt wurde, zum Einsatz gekommen ist.«

Das war bislang das Narrativ der britischen Regierung nach der mutmaßlichen Vergiftung des ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal und seiner Tochter Julia Mitte März in der südenglischen Kleinstadt Salisbury: Russland ist schuld, sofortige Repressalien gegen Moskau müssen her. Als Labour-Parteichef Jeremy Corbyn im britischen Unterhaus Zweifel anmeldete und eine entsprechende Resolution gegen Russland nicht mittrug, hagelte es von allen Seiten die üblichen Anschuldigungen des Vaterlandsverrats.

Im Verlauf dieser Woche hat sich für die britische Regierung jedoch eine ungemütliche Situation ergeben. Am 3. April widersprach der Chef des Labors in Porton Down, Gary Aitkenhead, im Fernsehsender Sky News der Regierungsversion: »Wir haben die präzise Quelle der verwendeten Substanz nicht ermittelt und diese wissenschaftliche Information der Regierung übermittelt. (…) Unser Job ist es, wissenschaftliche Beweise dafür zu liefern, worum es sich bei dem Nervengift genau handelt. Wir haben es als Teil einer bestimmten Familie und als militärischen Kampfstoff identifiziert. Aber es ist nicht unser Job zu sagen, wo es hergestellt wurde.«

In Porton Down werden chemische Kampfstoffe nicht nur analysiert, sondern auch produziert. Wenn die Wissenschaftler dieses Labors erklären, sie könnten die Herkunft eines Kampfstoffes nicht nachweisen, hat dies einiges Gewicht. Für Außenminister Boris Johnson kommt das ungelegen. In einem Interview sagte er am 19. März der Deutschen Welle: »Wenn ich mir die Beweise anschaue, ich meine, was die Leute in Porton Down, dem Labor, sagen …« An dieser Stelle fragte die Journalistin Zhanna Nemtsowa: »Also haben die eine Probe der Substanz?«, worauf Johnson antwortete: »Sie haben sie. Und sie sind absolut kategorisch dieser Auffassung. Ich habe den Typen selbst gefragt. Ich sagte: Sind Sie sicher? Und er sagte: Es gibt keinen Zweifel.«

Laut Informationen des ehemaligen britischen Botschafters in Usbekistan, Craig Murray, wurde durch die Regierung Druck auf die Wissenschaftler in Porton Down ausgeübt. Auf seinem Blog schrieb Murray am 16. März, drei Tage vor dem Fernsehinterview Johnsons: »Ich habe Informationen aus einer gut platzierten Quelle im Außenministerium erhalten, wonach die Wissenschaftler in Porton Down die russische Herkunft des verwendeten Nervengiftes nicht nachweisen können. Sie sind über den auf sie ausgeübten Druck, eine solche Stellungnahme abzugeben, verärgert.«

Nach Veröffentlichung dieses Artikels wurde Murray in britischen Medien und über soziale Netzwerke mit einer Welle von Beleidigungen und Bezichtigungen überzogen, seine Internetseite wurde attackiert. Im Nachhinein mussten aber selbst Zeitungen wie die Financial Times oder der Guardian zugeben, dass Murray Recht hatte und die Aussagen der britischen Regierung zu hinterfragen sind.

»Johnson hat nun ernste Fragen zu beantworten. Er hat sich lächerlich gemacht«, kommentierte Corbyn. Doch der Außenminister denkt nicht an einen Kurswechsel. Am Donnerstag beschuldigte er seinerseits Corbyn, »das Spiel Russlands« mitzumachen. Die konservative Tageszeitung Daily Mail sekundierte, der Oppositionsführer mache »die Drecksarbeit Russlands, indem er die britische Regierungsposition anzweifelt«.

www.craigmurray.org.uk


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