Aus: Ausgabe vom 05.04.2018, Seite 15 / Medien

Digital in der Sierra

Kuba treibt Netzausbau für Mobilfunk und Web voran. Jetzt sind auch die ersten Orte in der »Wiege der Revolution« angeschlossen

Von Marcel Kunzmann
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Abgeschiedenes Naturparadies: Auch in der Sierra Maestra hält das World Wide Web Einzug

Tief in den Bergen der südöstlichen kubanischen Provinz Granma, zwischen dichtem Regenwald und unberührter Natur mit kristallklaren Flüssen, liegt der kleine Ort Santo Domingo. Wenige Kilometer von hier errichteten 1958 die Revolutionäre um Fidel Castro mit der »Comandancia General de La Plata« die Kommandozentrale der Rebellenarmee, versteckt im dichten Dschungel. Nur wenige Touristen verirren sich in jene Provinz, meist auf den historischen Spuren der Anfangsstunden der kubanischen Revolution in den grünen Gebirgszügen der Sierra Maestra. Die Region, die auch als eine Wiege der Revolution gilt, wo befestigte Straßen auch heute eher die Ausnahme sind, ist jetzt per Internet erreichbar.

Als die lokale Abgeordnete Maimir Mesa vor einigen Jahren von einer Sache namens »Wi-Fi« hörte, die jetzt in ihre kleine Siedlung kommen sollte, fragte sie zuerst einmal nach, was denn an »Señor Wi-Fi« so wichtig sei, dass der extra in die Berge gebracht werden müsse. Heute lacht Mesa darüber, wenn sie den Reportern des Onlineportals Cubadebate über die Anfänge des Internets in der Sierra Maestra und die damalige Namensgebung für WLAN-Verbindungen berichtet.

»In diesen ländlichen Gegenden hatten wir bisher lediglich Telefonleitungen auf Basis der Technologie der 1990er Jahre im Einsatz«, zitierte das Portal Mitte März Rodolfo Olivera Moreno, den lokalen Technikdirektor des Telekommunikationsversorgers ETECSA. Nicht jeder der Nachbarn in den Bergdörfern verfüge über einen eigenen Anschluss. In manchen Örtchen gab es sogar nur ein vom Staat gestelltes Satellitentelefon, mit dem man für günstige 20 Centavos bis nach Havanna telefonieren konnte.

Das begann sich im Jahr 2015 zu ändern. Nach Inbetriebnahme des Unterseekabels »Alba-1« ein Jahr zuvor, das Venezuela mit Kuba verbindet, wurde die Datenleitung damals schließlich bis in die Sierra verlegt. Von der Provinzstadt Bartolomé Masó zum Bergdorf Santo Domingo sind es 26 Kilometer. Neben der Standleitung werden die kleinen Ortschaften inzwischen auch mit Mobilfunksignal versorgt. Zwar noch auf Basis des veralteten 2G-Standards, doch wenn das mobile Internet in einigen Wochen landesweit in Betrieb geht, werde auch die Sierra nachziehen, verspricht die ETECSA. Dabei ist der Ausbau dort technisch und logistisch offenbar sehr ambitioniert: »Die Topographie ist kompliziert – während wir in der Stadt einen Sendemast brauchen, müssen wir hier allein für ein Dorf vier Masten bereitstellen«, so Rodolfo Moreno im Gespräch mit Cubadebate.

Manche der Dörfer können nur durch mehrmalige Flussquerungen erreicht werden, von festen Straßen ganz zu schweigen. »Für eine Ausrüstung, die wir andernorts in 15 Tagen aufbauen, brauchen wir hier bis zu drei Monate«, so der Cheftechniker weiter. Für die Kunden hat das »Gebirgsinternet« jedoch einen klaren Vorteil: Es gibt weniger Nutzer. Der Jugendcomputerklub im Bergdorf La Estrella beispielsweise verfügt über eine 10-Mbit-Leitung. Da sich die nur wenige teilen müssen, ist die Verbindung meist deutlich besser ist als jene in der Hauptstadt Havanna, wo ein Hotspot häufig von vielen Dutzend Nutzern gleichzeitig beansprucht wird. Kubas 2017 verabschiedete Digitalisierungsstrategie sieht den flächenmäßigen Ausbau des Internets vor. Bis 2020 soll jeder zweite kubanische Haushalt einen Netzzugang haben. Anders als hierzulande findet der Ausbau der digitalen Infrastruktur jedoch mindestens genauso stark im ländlichen wie im urbanen Bereich statt, so dass kein Landesteil abgehängt bleibt bzw. wird.

Neben Santo Domingo sind heute zwölf weitere Ortschaften in der Sierra Maestra mit Glasfaserleitungen, Digitalfernsehen und Mobilfunknetz ausgestattet. Insgesamt befinden sich in der Provinz Granma gegenwärtig 67 der 673 öffentlichen WLAN-Hotspots des Landes. Dank des Glasfasernetzausbaus können bereits die ersten Kunden von ihren Häusern aus auf das World Wide Web zugreifen: Nach dem Ende der Pilotphase des Projektes »Nauta hogar« (etwa: Netznavigation von zu Hause aus) im vergangenen Herbst sind auf Kuba bereits die ersten 27.000 Privathaushalte am Netz, für dieses Jahr ist die Installation von 52.000 weiteren Anschlüssen geplant. Das reicht nicht, um in zwei Jahren jeden zweiten Haushalt versorgen zu können, weshalb parallel dazu am Aufbau von Mobilnetzen auf 3G (UMTS) und LTE-Basis (4G) gearbeitet wird. Noch in der ersten Jahreshälfte soll das mobile Internet dann landesweit verfügbar gemacht werden. Während selbst in manchen mittelgroßen Städten die Infrastruktur erst noch aufgebaut werden muss, sind im schwer erreichbaren Santo Domingo bereits die ersten Häuser mit Glasfaserkabeln angeschlossen. »Dienste, die vor Jahren nur in den Städten möglich waren, bringen wir jetzt in die Berge«, zeigte sich Rodolfo Moreno gegenüber Cubadebate stolz auf das bisher Erreichte.


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