Aus: Ausgabe vom 05.04.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Eine Schachpartie

Venezuelas Opposition opfert viele »Bauern«, doch die »Partie« gewinnt sie nicht

Von Ismael Cejas
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Schachpartie in der Arbeitspause: Zwei Männer spielen im Mai 2011 in Caracas eine Runde

Vor einigen Tagen trafen wir uns zu einem abendlichen Schachvergnügen unter Freunden. Eine Partie folgte auf die andere, als ein Venezolaner mit baskischen Wurzeln jene Frage stellte, die überall gestellt wird, wo sich Venezolaner oder Menschen treffen, die diesem Land verbunden sind: Ismael, du als Diplomat, kannst du mir erklären, was in Venezuela vor sich geht?

Verschiedene Antworten auf die Frage gingen mir durch den Kopf, einige davon ganz und gar nicht diplomatisch. Schließlich setzten sich Freundlichkeit, Pädagogik und kurze Antworten durch. »Schau dir das Schachbrett vor dir an«, sagte ich ihm. »Stell dir vor, dass venezolanische Politik auf 64 Feldern stattfindet, und wir befinden uns im Mai des Jahres 2017. Lange hat die radikalisierte Opposition von Venezuela versucht, gewaltsam die verfassungsmäßige Ordnung zu zerstören. Dabei kam es zu 157 Todesopfern und Schäden in Milliardenhöhe. Sagen wir einmal, dass das in diesem imaginären politischen Schachspiel ihre Bauern waren. Der erbarmungslose Angriff mit Läufern, Pferden und Türmen steht für ihre Angriffe, die in den Laboren des schmutzigen Krieges der nationalen und internationalen Medien fabriziert werden, für die Wirtschaftssanktionen und für den heftigen Preisverfall des Rohöls, der vor zwei Jahren initiiert wurde.

In dieser komplizierten Situation wagte Präsident Nicolás Maduro einen riskanten Schachzug: Die Einberufung einer Verfassunggebenden Versammlung (ANC), zu der er laut Artikel 342 der Verfassung berechtigt ist. Dieser Zug überraschte die Gegner, die nie die Möglichkeit berücksichtigt hatten, dass am Ende dieser komplizierten Partie das Volk stehen könnte.

Am 1. August erwachte Venezuela mit einer gewählten ANC, der Frieden kehrte in die venezolanischen Familien zurück. Die gewaltsame Opposition wurde von moderaten Regierungsgegnern verdrängt, und Ruhe legte sich über die sturmgebeutelten politischen Meere Venezuelas.

Das bedeutete mitnichten das Ende der Partie. Präsident Maduro entschloss sich, mit seinen Figuren eine demokratische und friedliche Gegenoffensive einzuleiten. Bauern, Läufer, Türme und Pferde wurden dabei zur Staatsanwaltschaft und zur Neuverteilung der Volksmacht durch die Ausschreibung der Wahlen zu den Gouverneuren in den Bundesstaaten, der Präsidentschaftswahlen und der Wahlen auf regionaler und Gemeindeebene. Es folgten ein erdrutschartiger Sieg bei den Gouverneurswahlen im Oktober 2017, das vom Oppositionsbündnis MUD provozierte Scheitern des Dialogs in der Dominikanischen Republik im Januar und ihre Entscheidung, nicht an den Präsidentschaftswahlen am 20. Mai teilzunehmen. All dies ist ein irriges Hin- und Herziehen auf dem politischen Schachbrett Venezuelas. Die Figuren der Opposition – wie immer orientierungslos und weit entfernt vom Puls des Volkes – stellen sich hinter die mächtige internationale Aggression, die aus ihren Geschützen mit großkalibriger Munition in Form von Sanktionen und Versuchen, die Bolivarische Republik von der internationalen Bühne zu fegen, feuert. Doch für die Regierung und das Volk von Venezuela gibt es nur einen möglichen Ausgang dieser schmerzhaften Partie: Schach und matt dem Gegner!

Ismael Cejas ist Politologe und Botschaftsrat an der diplomatischen Vertretung Venezuelas in Berlin


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