Aus: Ausgabe vom 31.03.2018, Seite 12 / Thema

»Wir wollen kämpfen mit Hass aus Liebe«

Vom Musentempel zum Radikalismus. Vor 100 Jahren erschien eine Theaterzeitschrift erstmals unter dem Namen Die Weltbühne. Das Blatt war eine der wichtigsten Stimmen gegen den Militarismus

Von Wolfgang Beutin
11919320.jpg
Haltung auf der Weltbühne: »Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war. Sagte ich: Mord? ­Natürlich Mord. Soldaten sind Mörder.« – Kurt Tucholsky, 1931. (Haus in Berlin-Mitte)

Im Deutschland der Kaiserzeit rief in der Debatte über die Aufgaben der Literatur Heinrich Mann den Autoren zu, sie mögen »Agitatoren werden, sich dem Volk verbünden gegen die Macht, dass sie die ganze Kraft des Wortes seinem Kampf schenken, der auch der Kampf des Geistes ist« (Essay »Geist und Tat«, 1910). Ein kräftiger Impuls, der half, künftig die Politisierung der Literatur im Expressionismus, Aktivismus und im proletarisch-revolutionären Realismus voranzutreiben.

Ihn verspürten feinfühlige Zeitgenossen wie Harry Graf Kessler, der liberale Politiker und Autor. Er reflektierte am 26. Januar 1919 in seinem Tagebuch anlässlich einer Aufführung von Walter Hasenclevers Drama »Der Sohn« (1914): »Und eines empfindet man auch bei diesem sehr brüchigen Werke: den Übergang der deutschen Intellektualität von einem fast reinen Kultur-Revolutionarismus, wie ihn Nietzsche und später in den neunziger Jahren unser Kreis in Kunst und Literatur vertrat, zum praktischen, politischen und wirtschaftlichen Radikalismus, dessen Ex­trem augenblicklich die Spartakusbewegung ist.«

Derselbe Impuls durchdrang auch Teile der Publizistik. Ein knappes Jahr vor dem Datum von Kesslers Eintrag hatte Siegfried Jacobsohn (1881–1926), der Herausgeber der 1905 gegründeten Theaterzeitschrift Die Schaubühne einen ähnlichen Übergang initiiert, als er ihr die Aufgabe stellte, statt der Befassung vornehmlich mit der Bühnenkunst sich dem größeren thematischen Umkreis gesellschaftlicher Fragestellungen zu widmen. Daher der veränderte Name Die Weltbühne, unter dem die Zeitschrift seit dem 4. April 1918 segelte.

Zwar verständnisvoll-einsichtig, doch nicht ohne Nostalgie glossierte sein bedeutendster Mitarbeiter Kurt Tucholsky (1890–1935) die Umwandlung in seinem Gedicht »Auf die Weltbühne«: »Mein gutes Blatt! Wie hast du dich verändert! / Den Musentempel schließt du beinah zu; / mit Politik, Kunst, Wirtschaft dicht bebändert, / so geht dein Vorhang auf: auch du, mein Kind, auch du? (…) / Es war einmal … da glaubten wir noch beide / an Kunst und an Kultur, an Menschentum – / an deine ziegelrote Wand schrieb ich mit Kreide / die Namen meiner Lieben an zum Ruhm. / Wir dachten: essen und organisieren / sind Selbstverständlichkeiten, tief im Tal – / und auf den Bergen gehen wir spazieren … / Es war einmal … (…) / Es war einmal … Glück auf zur neuen Reise! / Eng wars einmal – heut bist du bunt und weit. / Doch kehr noch manchmal dich zurück im Kreise / zur alten Zeit!«

Das Prestige der Zeitschrift mit dem neuen Titel war zu keinem Zeitpunkt gering. Doch selbst auf dem Höhepunkt ihrer Wirksamkeit wurden nie mehr als 12.500 bis 15.000 Exemplare verkauft.

Die Weltbühne! Wer fragt, was von der Weimarer Republik, speziell von ihren geistigen Leistungen, ihrer literarischen Kultur übriggeblieben ist, dem wird mit Regelmäßigkeit auch dieser Name genannt. Stellt man die Frage für Österreich im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, erhält man zur Antwort nicht zuletzt ebenfalls den Namen einer Zeitschrift: Die Fackel. 1899 von Karl Kraus gegründet und bis ins Jahr seines Todes (1936) von ihm redigiert, füllte er sie ab 1911 fast ausschließlich mit eigenen Beiträgen. Der Unterschied fällt sofort ins Auge: Während die Fackel die längste Zeit als Einmannprojekt existierte, so war die Weltbühne wie eine Bühnenaufführung mit zahlreichem Personal, wobei der Herausgeber als Regisseur die Auftritte der Mitwirkenden arrangierte.

In einer Rückschau von 1962 versuchte Kurt Hiller (1885–1972), selbst einst ein prominenter Autor des Blatts, eine Einordnung. Der Autorenkreis habe gereicht »von Otto Flake rechts bis links zu dem Sozialanarchisten Erich Mühsam. Dazwischen gab es die Liberalen und Demo-Pazifisten Hellmut v. Gerlach, Rudolf Olden, Ludwig Quidde (auch Ossietzky ist als linker Flügelmann dieser Gruppe einzusetzen), Sozialdemokraten wie den berühmten Sexualforscher und Aufklärer Magnus Hirschfeld oder wie Heinrich Ströbel (…), Linkssozialisten wie Axel Eggebrecht, Fritz Sternberg, ganz ausnahmsweise wohl auch mal einen orthodoxen Stalinmann; am reichsten vertreten war die Gruppe Revolutionärer Pazifisten: durch Tucholsky, den Wirtschaftswissenschaftler Alfons Goldschmidt, Walter Mehring, Ernst Toller und mich. Dieser Gruppe stand auch Erich Kästner damals nahe. Unter den Apolitischen ragte sicher Mitarbeiter Alfred Polgar hervor.« Auch ausländische Schriftsteller lieferten bedeutende Beiträge, u. a. George Bernhard Shaw, Upton Sinclair, Georg Brandes, Leo Trotzki.

Bereits in der Schaubühnen-Phase hatte Jacobsohn sich zuweilen über die Rampe hinausgelehnt, um in die Politik zu greifen, etwa als er während des Kriegs Artikel von Robert Breuer druckte (1878–1943, Tod im Exil; Pseudonym »Germanicus«). Ein scharf antikapitalistisches Bekenntnis Breuers trug der Zeitschrift 1915 ein Verbot ein. Als deren Kommentator widersprach er 1916/18 den Annexionsplänen der Kriegspartei, wie sie sich besonders im Alldeutschen Verband konzentrierte. Doch nachdem mit der Frühjahrsoffensive der deutschen Streitkräfte 1918 im Reich eine Regung des Optimismus aufgekommen war, den militärischen Sieg in Sicht, schwenkte Breuer selbst zum Annexionismus über, so dass er nicht mehr in Jacobsohns Konzept passte. Aber selbst dann brachte dieser noch Annoncen mit dem Aufruf zur Zeichnung der Kriegsanleihe (»mündelsichere Kapitalsanlage«).

Otto Köhler hat kürzlich in der Zweiwochenschrift Ossietzky (23.3.2018) darauf hingewiesen, dass sogar während der blutigen Peripetie der deutschen Revolution im Januar 1919 die Weltbühne krude »Mordhetze gegen die Revolution, gegen den Spartakusbund, gegen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht« druckte. Der Verfasser, der sich mit dem Namen eines progressiven deutschen Autors aus dem 16. Jahrhundert deckte: »Johann Fischart«, war Erich Dombrowski, nach dem Zweiten Weltkrieg ein Mitgründer und Herausgeber der FAZ. (Ein Buch Dombrowskis wurde im selben Jahr 1919 von Kurt Tucholsky u. a. wegen der »Darstellungskunst« des Verfassers belobigt!)

Ergänzend kommt also zu Hillers Liste hinzu, dass es in der Weltbühne rechts von Flake zumindest anfänglich einen unrühmlichen Rechtsaußen gab. Als Leitartikler der Zeitschrift fungierte gelegentlich ein ehemaliger Fliegeroffizier, Friedrich Sieburg, von dem man vor 1933 allerdings nicht wissen konnte, dass er sich nach der In­stallation des Hitler-Regimes diesem andienen würde, gemäß eigener Einschätzung als »Nationalsozialist« (nach der Besetzung 1940 Leiter des Pariser Rundfunks und Lenker der NS-Propaganda in Frankreich; erhielt Publikationsverbot durch die US-Militärregierung; am Ende zum Feuilletonchef der FAZ bestellt).

Vom Anfassen heißer Eisen

Was ist es aber, das bis heute die Weltbühne in ehrender Erinnerung hält? Es lässt sich von ihr und den Rühmlichen unter ihren Beiträgern etwas Wichtiges lernen, ein unvergängliches Pensum, denn Interessierte können es in den Originalausgaben oder im Neudruck nachlesen: das Anfassen heißer Eisen. Das ist auch die wesentliche Ursache dafür, dass der Teil der deutschen Intelligenz, der sich politisch nach rechts orientiert, der Zeitschrift mit immerwährendem, tiefsitzendem Groll begegnet.

Ein herausragendes Beispiel ist die Stellungnahme zur deutschen Kriegsschuld. Bis heute ein Thema, das die Gemüter erregt. Damals äußerte der Initiator der Revolution in Bayern (7./8.11.1918), Kurt Eisner, nur eine vollkommen wahrheitsgemäße Beantwortung dieser Frage ermögliche es dem Reich, wieder in den Kreis der übrigen Nationen gleichberechtigt einzutreten. Sie sorge zugleich dafür, im Inland eine wohlbegründete republikanische Gesinnung zu erzeugen, ohne welche die neu geschaffene Demokratie gefährdet sei. Eisners Ansicht, die er auch im Ausland nicht verschwieg, war eines der Motive des Attentäters, dem er kurz nach der Rückkehr von der Berner Konferenz der II. Internationale zum Opfer fiel (21.2.1919).

In Tucholskys Gedicht mit dem Titel »Eisner« (1919) heißt es: »Jedoch er hieb, dass faule Späne flogen. / Welch eine Wohltat war das, zu erleben, / dass einer überhaupt den Degen zog, / ein Tapferer war und doch kein General. / (…) Kurt Eisner starb – und lebt in unser aller Herzen! / (…) Es starb Jaurès, Karl Liebknecht, Luxemburg, / Kurt Eisner –. / (…) Eine Reinheit / ging von den vieren aus, / die leuchtete auf ihren Stirnen und den Händen«.

Die Reaktion rächte sich später grausam gleichfalls an Eisners Sekretär, dem Journalisten Felix Fechenbach, der Eisners Bestrebungen weiter verfolgte. Wegen eines geringfügigen, inzwischen verjährten Pressvergehens verurteilte ein bayerischer »Volksgerichtshof« ihn zu elf Jahren Zuchthaus. 1924 freigelassen, ermordeten ihn Nazitäter 1933.

Am 13. Februar 1919, eine Woche vor Eisners Tod, hatte die Weltbühne eine Kampagne zur Benennung der Schuld des Reiches am Weltkrieg eröffnet. Georg Metzler (alias Richard Witting, eigentlich Witkowski) schrieb: »Vier Jahre lang ist das deutsche Volk von seinen Machthabern belogen und betrogen worden und hat geglaubt, gegen den tückisch-hinterlistigen Überfall einer Welt von Feinden zu kämpfen. Alles, was wir schaudernd erlebt haben und erleben: Blut, Elend, Not, Hunger, Jammer und Aufruhr – alles verdanken wir diesem Wahn und seinen ruchlosen Urhebern. (…) Nur die offene, rückhaltlose Behandlung der Schuldfrage kann uns – vielleicht – noch retten, unsere Ehre und Ehrlichkeit wieder herstellen. Lehnen wir diese Diskussion, wie in den ersten Stadien der Revolution, auch weiterhin ab – die Menge in tauber Verstocktheit, die Machthaber von heute, die Intelligenz und die Presse im Gefühl der Mitschuld – dann: finis Germaniae!«

Heinrich Ströbel, der 1918/19 als preußischer Ministerpräsident amtierte, unterstützte Metzlers Bemühungen, indem er einen Monat später, am 13. März des Jahres, ausführte: »… wer wollte bestreiten, dass der Krieg durch schiedsgerichtliche Verhandlung zu vermeiden gewesen wäre, wenn in Deutschland nur ein wenig mehr Einsicht und politische Voraussicht zu finden gewesen wäre! Kein normaler Mensch begreift schon heute mehr, wie Wilhelm, Bethmann, Jagow und der Generalstab so bodenlos verblendet, so unbegreiflich abergläubisch sein konnten, um von ihrer Gewaltpolitik den Triumph ihres Systems, den Sieg des deutschen Imperialismus zu erwarten.«

Das Anfassen heißer Eisen in der Weltbühne erzeugte ihr vielfältige Gegnerschaft. Sie mundtot zu machen, gelang nicht sofort. Jedoch ihre journalistische Arbeit zumindest behindern? Das gelang in den Zeiten der Republik: Indem man ihr und wichtigen Mitarbeitern Prozesse anhängte. In dem bekanntesten verurteilte das Reichsgericht 1931 den Herausgeber, Carl von Ossietzky, wegen »Landesverrats« zu 18 Monaten Haft. Sein »Delikt«? In einem Artikel war angedeutet worden, dass die Reichswehr durch Maßnahmen zur Aufrüstung Bestimmungen des Vertrags von Versailles verletze.

Am 30. Januar 1933 gelangte mit dem Faschismus an der Macht die Konterrevolution ans Ziel, die völkisch-nationalistische deutsche Kriegspartei triumphierte über die Weimarer Republik. Und zugleich über die Weltbühne. Am 7. März 1933 wurde ihr das weitere Erscheinen verboten. Der Nazibarde Will Vesper jubelte: »Die schlimmsten Giftküchen, wie die Weltbühne, sind geschlossen.« Am 11. Mai verfluchte der Göttinger Germanist Gerhard Fricke in seiner Rede zu den Bücherverbrennungen die »Judengenossen von dem Schlage eines Tucholsky«. Am 23. August erklärte der Reichsminister des Innern Wilhelm Frick auf einer ersten Liste 33 »Reichsangehörige der deutschen Staatsangehörigkeit für verlustig«, worunter allein drei der namhaftesten Mitarbeiter der Weltbühne waren: Hellmut von Gerlach, Ernst Toller, Kurt Tucholsky.

»Kritisieren und verhöhnen«

Nach dem Zweiten Weltkrieg hätte mit den Anschuldigungen gegen die Weltbühne Schluss sein sollen. Doch die Gegnerschaft gegen sie setzte sich fort. Der Historiker Golo Mann, der nicht weniger als vier bis fünf Dutzend Literaturpreise einheimsen durfte, behauptete 1958: »Die radikale Literatur konnte kritisieren, verhöhnen, demaskieren, und erwarb sich eine leichte, für die Gediegenheit des eigenen Charakters noch nichts beweisende Überlegenheit damit.« So verdächtigte er die bedeutendsten Autoren des Vormärz, einen Heinrich Heine, einen Karl Marx, so auch die Beiträger der Weltbühne. Doch vergreift sich in der Methode, wer einer politischen Gedankenwelt ihre Überlegenheit abstreitet, indem er den Charakter ihrer Schöpfer anzweifelt. (Einmal abgesehen von der Schwierigkeit, den Mangel charakterlicher Gediegenheit objektiv nachzuweisen.)

1962 bezichtigte in der Zeitung Die Welt eine Autorenrunde – Klaus Harpprecht, M. Sperber und J. C. Witsch – die Zeitschrift der Mitschuld am Untergang der Weimarer Republik. Dem schloss sich verspätet der Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein an, als er die Weltbühne zu »den Totengräbern der Weimarer Republik« zählte. Sicher kann es vorkommen, dass man einem Politiker oder einer Verschwörergruppe zuschreiben muss, den Ruin eines Staates zu befördern. So z. B. unterstützte der Exreichskanzler Franz von Papen die Auslöschung der Weimarer Republik, als er am 4. Januar 1933 im Kölner Haus des Bankiers Kurt Freiherr von Schröder mit anderen verabredete, die Position des Reichskanzlers demnächst an Adolf Hitler zu vergeben.

Möchte man allerdings die Weltbühne entsprechend belasten, wären deren Machenschaften präzis zu belegen. Das geschah nicht, konnte auch nicht geschehen. Zielte der Vorwurf vielleicht auf die Schreibmethodik: »kritisieren, verhöhnen, demaskieren«? Diese Bezeichnungen betreffen insgesamt einige literarische Arbeitsweisen, von denen jede legitim ist, jeweils zu ihrer Zeit und unter bestimmten Bedingungen. Walter Benjamin notierte: »Nur wer vernichten kann, kann kritisieren.« Schon ein älterer deutscher Autor sagte: »Da man einmal nicht viel hoffen kann zu bauen und zu pflanzen, so ist es doch etwas, wenn man auch nur überschwemmen und niederreißen kann.« (Kein Selbstbekenntnis der Weltbühne, vielmehr von Friedrich Schiller im Brief an Goethe, 25. Juni 1799.) Die mit der Bezichtigung »Totengräber« aufwartenden Ankläger mussten also nicht verabsäumen, sich zuvor über die unterschiedlichen Arten der Kritik zu unterrichten, die von der sanften über die konstruktive, über die ätzende bis hin zur vernichtenden reichen.

Ein anderer Einwand betrifft ihr angebliches »Antideutschtum« (G. Lukács) oder, wie Wolfgang Harich 1953 behauptete, die Zeitschrift habe im Kampf gegen den Chauvinismus der Deutschnationalen und der Nazis »zugleich die berechtigten nationalen Gefühle des deutschen Volkes« verletzt, die »immer wieder höhnisch glossiert« worden seien. Ja. Es könnte hin und wieder unterlaufen sein, doch keineswegs »immer wieder«. Wenn wirklich, dann beiläufig. Niemals »glossierte« einer der namhaften Beiträger »höhnisch«. Und vor allem: »Antideutschtum« war kein Programm.

Das Gegenteil ist richtig. In einem Text von Kurt Tucholsky: »Wir Negativen« (1919), der manchen als programmatisch gilt, heißt es: »Es wird uns Mitarbeitern der Weltbühne der Vorwurf gemacht, wir sagten zu allem nein und seien nicht positiv genug. Wir lehnten ab und kritisierten nur und beschmutzten gar das eigene deutsche Nest. Und bekämpften – und das sei das Schlimmste – Hass mit Hass, Gewalt mit Gewalt, Faust mit Faust.« Tucholsky schreibt, dass er die Pauschalisierung ablehne, mit der die Gegner daherkommen, denn ihr Vorwurf müsse, falls zu bestätigen, »geistig unabhängige und von einander nicht beeinflusste Männer« treffen, ein Kollektiv, welches so nicht vorhanden sei. Allerdings existiere die »Solidarität der Geistigen«, die der »unbedingten Solidarität aller Geldverdiener« gegenüberstehe. Und »positive Vorschläge«? »Aber alle positiven Vorschläge nützen nichts, wenn nicht die rechte Redlichkeit das Land durchzieht. (…) Wir können noch nicht ja sagen. Wir können nicht einen Sinn stärken, der über den Menschen die Menschlichkeit vergisst. (…) Wir wollen kämpfen mit Hass aus Liebe. (…) Aber wir kämpfen aus Liebe für die Unterdrückten, die nicht immer notwendigerweise Proletarier sein müssen, und wir lieben in den Menschen den Gedanken an die Menschheit.«

Alf Enseling versuchte 1962, eine »Generallinie« der Weltbühne zu ermitteln und stieß auf das Programm des »Rates geistiger Arbeiter« (nachmals: »Politischer Rat«), das am 21.11.1918 in der Zeitschrift erschien. Der Verfasser (Hiller) deklarierte es als »die kulturpolitische Radikale«, worin er zwei Projekte unterschied: »Der Politische Rat geistiger Arbeiter kämpft (…) vor allem gegen die Knechtung der Gesamtheit des Volkes durch den Kriegsdienst und gegen die Unterdrückung der Arbeiter durch das kapitalistische System.« Hiller, einer der wenigen Überlebenden aus der Glanzzeit der Weltbühne, wollte in der Rückschau (ebenfalls 1962) seinerseits keinerlei Linie erkennen, schloss sich dem (Fehl-)Urteil der Ankläger an, behauptete, das Periodikum sei »bloß negativ« oder »Nichtkonstruktivität«, und unterstellte ihm »Richtungsunklarheit«, gar »Ungeistigkeit«.

Diese Kritik provoziert Widerspruch: Nicht nur einmal, während der Novemberrevolution, wurde ein von Hiller entworfenes Programm in der Zeitschrift abgedruckt, sondern nochmals 1926 (12.1.) ein von ihm verfasstes, worin er den »Revolutionären Pazifismus« der Öffentlichkeit vorstellte. Auch andere Mitarbeiter ließen es an Konzepten nicht fehlen. So Tucholsky etwa (13.7.1922), als er einen reichhaltigen Katalog politischer Forderungen offerierte. Generell verlangte er Aufklärung, und solche lieferte er selbst. Worum ginge es? »Propagierung der neuen Ideen einer neuen Republik«.

Hillers Kritik läuft in diesem Punkt darauf hinaus, die Zeitschrift habe sich nicht in allem auf sein, des Verfassers, Programm festgelegt, sondern den Autoren ihre Freiheit gelassen. In der französischen Literaturwissenschaft gibt es die Methode der »Superposition«. Sie besteht darin, eine Anzahl von als durchsichtig vorzustellenden Textblättern übereinander geschichtet zu denken, wonach erkennbar werde, welche Passagen in allen deckungsgleich vorkommen, welche nur in einigen und welche bloß vereinzelt. Die »Superposition« auf den kompletten Vorrat der in der Weltbühne erschienenen Beiträge angewendet, würde mit Sicherheit die durchgehende Dominanz zweier Gedankenkomplexe demonstrieren: Außenpolitisch erstrangig das Ziel, den Frieden zu bewahren sowie die Vorbereitung und Durchführung eines nächsten Kriegs zu verhindern. (Zur Erinnerung: In dem Propagandamachwerk »Mein Kampf« äußert der Autor, Deutschland werde die »Ramme« ein zweites Mal ansetzen müssen.) Sodann die Haltung gegen illegale Aufrüstung, gegen die Schwarze Reichswehr. Innenpolitisches Haupterfordernis war, die frisch errungene Demokratie zu festigen. Deshalb: die republikanische Gesinnung stärken, die republikfeindliche abbauen. Bekämpfung des Militarismus. Flankierend die Demokratisierung der staatlichen Organe, der Ämter, der Justiz, der Verwaltung. Gegen die Fememorde.

Der Feind steht rechts!

»Der Feind steht rechts!« So lautete die Parole, die Tucholsky 1919 ausgegeben hatte, wobei er unter »rechts« alles verstand, was kundtat, die Republik vernichten zu wollen. Seine Einsicht, ganz nüchtern dargelegt: »Die Entwicklung des deutschen Militarismus ist nicht als abgeschlossen zu betrachten.« Vermöge der »Dolchstoßlegende« bezichtigen die Generale die »Heimat« des Verrats am kämpfenden Frontheer? Tucholsky repliziert: »Besiegt hat euch euer eigener Wahn.« Und hernach? Haben sie, indem sie die Legende aufbrachten, in Wahrheit selbst »nun auch die Heimat verraten«.

Siegfried Jacobsohn äußerte über eine journalistische Leistung: »Und wenn ich nichts getan hätte als die Aufdeckung der Fememorde, so wäre mir das genug …« Dass der Zweite Weltkrieg schon auf der Agenda stand, konnten die klügeren Beobachter durchaus erkennen. So schrieb Jacobsohn bereits 1920 in seiner Zeitschrift: »Statt den Militarismus, der das Land ins Unglück gestürzt hat, zu entfernen, päppeln sie ihn wiederum hoch und werden ihm bald die Möglichkeit geben, das Land in noch größeres Unglück zu stürzen.«

Und über den anderen großen Kriegsgegner von der Weltbühne, Carl von Ossietzky, schrieb Bruno Frei: »In der publizistischen Praxis wirkte sich das Hauptanliegen Ossietzkys im Kampf gegen den deutschen Militarismus aus, der ihm zum Hauptfeind wurde.« Als Ossietzky am 10. Mai 1932 seine Gefängnishaft antrat, wusste er die Redaktion seiner Zeitschrift in guten Händen. Er hatte sie Hellmut von Gerlach anvertraut. Der schrieb in einem seiner Artikel für die Weltbühne: »Man kann den Krieg weder humanisieren noch moralisieren. Er ist seiner Natur nach der Gegenpol von Menschlichkeit. Wer sein Volk vernünftig und anständig erhalten will, muss den Frieden benutzen, um die Welt gegen den Krieg zu organisieren.«

Wolfgang Beutin ist Germanist und Schriftsteller. Er lebt in Schleswig-Holstein.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche: