Aus: Ausgabe vom 03.04.2018, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft

Die Folgen eines Armutstarifs

Tarifflucht von Real setzt Lohngefüge weiter unter Druck. Den Schaden haben die drei Millionen Einzelhandelsbeschäftigten und die Gesellschaft als Ganzes

Von Daniel Behruzi
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Immer wieder hat Verdi bei Real mit Tarifflucht zu kämpfen

Das ist ein Schlag ins Kontor: Der Einzelhändler Real hat vergangene Woche angekündigt, den Handelsverband Deutschland (HDE) und damit den Verdi-Flächentarif zu verlassen. Dies ist eine schlechte Nachricht nicht nur für die rund 34.000 Beschäftigten von Real, sondern für alle drei Millionen Arbeiter und Angestellte der Branche. Denn es ist ein weiterer Schritt zur Unterhöhlung des Tarifsystems und bedeutet, dass die Unterbietungskonkurrenz bei Löhnen und Arbeitsbedingungen weiter angeheizt wird. Doch hinter der schlechten Nachricht verbirgt sich auch eine gute: Der Versuch, Real als Rammbock zu nutzen, um den Flächentarif im Sinne der Konzerne zu »reformieren«, ist gescheitert.

Als die Verhandlungen über ein neues Eingruppierungssystem bei der Metro-Tochter im Sommer 2016 begannen, schrillten bei vielen Gewerkschaftern die Alarmglocken. Sie fürchteten, dass das Unternehmen als Türöffner für Verschlechterungen im gesamten Einzelhandel dienen könnte. So warnten die Tarifkommission und der Fachbereichsvorstand der Verdi-Bezirke Oberschwaben und Ostwürttemberg/Ulm davor, es sei »abzusehen, dass Real die Verhandlungen mit dem Ziel der drastischen Verbilligung der Entgelte führen wird und die schlechte wirtschaftliche Lage des Unternehmens als Druckmittel missbrauchen wird« (siehe jW vom 27. Juni 2016). Eine so zustande gekommene Vereinbarung drohe zum Vorbild für die weiteren Verhandlungen über eine Reform des Flächentarifs zu werden.

Der eine Teil dieser Warnung hat sich erfüllt: Real legte es in den Gesprächen tatsächlich darauf an, die Löhne und Gehälter drastisch zu kürzen – laut Verdi um bis zu 40 Prozent. Doch einen Deal, der zur Blaupause für den Flächentarifvertrag werden könnte, wird es nicht geben. Zu dreist waren offenbar die Forderungen des Konzerns. Und vielleicht haben auch die warnenden Stimmen innerhalb von Verdi eine Rolle dabei gespielt, dass sich die Real-Tarifkommission darauf nicht eingelassen hat. So oder so: Die Verhandlungen sind geplatzt.

In einer Pressemitteilung behauptete die Real-Spitze vergangene Woche zynisch, Voraussetzungen für eine »neue Tarifpartnerschaft« vorzubereiten. Dazu werde man in den AHD wechseln. Der seit 1987 bestehende Unternehmerverband schließe »seit vielen Jahren für diverse Konzernunternehmen der Metro Tarifverträge mit verschiedenen Gewerkschaften ab«. Gemeint ist mit Letzteren wohl vor allem der »DHV – Die Berufsgewerkschaft«. In ihrem Logo rühmt sie diese Organisation ihrer langen Existenz: »125 Jahre – immer auf Seiten der Arbeitnehmer«, heißt es dort. Wer ihre Geschichte kennt, mag auch das zynisch nennen. Denn der DHV – damals noch die Abkürzung für »Deutschnationaler Handelsgehilfenverband« – nahm im Kaiserreich und zu Zeiten der Weimarer Republik keine Juden als Mitglieder auf, kämpfte »aus völkischen und rassehygienischen Gründen« gegen die Frauenarbeit und bekundete vor der Machtergreifung der Nazis 1933 sein »freundschaftliches Verhältnis« zur NSDAP. Als einzige deutsche »Gewerkschaft« wurde der DHV nach dem Sturm der Faschisten auf die Gewerkschaftshäuser am 2. Mai 1933 zunächst nicht aufgelöst.

Heute ist der DHV die zweitgrößte Organisation im sogenannten Christlichen Gewerkschaftsbund – wobei das nicht viel heißen muss. Ob und wie viele Mitglieder der DHV bei Real hat, ist unbekannt. Dennoch wird er sicher für einen Gefälligkeitstarifvertrag mit Real zur Verfügung stehen.

Für die heutige Belegschaft soll es trotz des Verbandswechsels »Lohnkontinuität« geben, behauptete der stellvertretende Real-Chef Henning Gieseke in einer Mitteilung. Es solle »zu keinen Einschnitten beim monatlichen Entgelt der bereits bei Real Beschäftigten kommen«. Schon die Formulierung »beim monatlichen Entgelt« lässt aufhorchen, lässt sie doch etliche andere Kürzungsmöglichkeiten offen. Vor allem aber: Selbst wenn die Löhne und Gehälter nicht sofort gekürzt würden, werden sie sicher – wie in solchen Fällen üblich – für lange Zeit nicht mehr erhöht. Auch in diesem Fall wären die Altbeschäftigten daher in wenigen Jahren von der allgemeinen Lohnentwicklung abgekoppelt, Neueingestellte sofort.

Verdi kritisiert deshalb: »Auch die bisherigen Belegschaften bei Real und schließlich alle Beschäftigten im Handel müssten die Konsequenzen tragen: Kürzungen auf breiter Front.« Solche »Armutstarife« seien mit Verdi nicht zu machen. Schon jetzt komme eine Verkäuferin in Vollzeit nur auf eine Rente von rund 1.200 Euro im Monat. Nach Angaben der Bundesregierung arbeiten im Einzelhandel aber lediglich 1,19 Millionen sozialversicherungspflichtige Beschäftigte in Vollzeit. Der Rest hat einen Teilzeitvertrag oder einen Minijob, bekommt im Alter also noch weniger.

Die Leidtragenden der Strategie des Metro-Konzerns – der übrigens seinen operativen Gewinn von 1,44 Milliarden Euro 2017 um zehn Prozent steigern will – sind nicht nur die Beschäftigten, sondern die Gesellschaft als Ganzes. Denn nach Zahlen der Bundesregierung werden die Niedriglöhne im Einzelhandel über das Arbeitslosengeld II jährlich mit rund 1,4 Milliarden Euro subventioniert. Die »harte Auseinandersetzung«, die Verdi bei Real führen will, geht daher alle an.


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Lohndumping Die Arbeitskosten und die Konkurrenz

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