Aus: Ausgabe vom 29.03.2018, Seite 6 / Ausland

Afrin unter Besatzung

Türkei nimmt Maßnahmen zur demographischen Veränderung der Region vor. Vormarsch in Syrien geht weiter

Von Nick Brauns
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Erster Schultag in Afrin unter türkischer Besatzung: Kinder müssen antreten zum Flaggenappell. Bildschirmfoto eines Propagandavideos der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anatolu Ajans

»Schlag gegen die YPG. Die kurdische Region Afrin im Norden Syriens ist nun vollständig vom türkischen Militär besetzt worden«, feierte die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vor wenigen Tagen die Einnahme der letzten noch unter Kontrolle der kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG stehenden Dörfer durch den NATO-Verbündeten. Die Einwohner könnten »aufatmen«.

Tatsächlich sieht sich die Bevölkerung in Afrin nun einer Türkisierungs- und Islamisierungspolitik ausgesetzt. Videos aus einem mit türkischen Fahnen geschmückten Klassenzimmer in Afrin zeigen Kinder, die Koranverse und protürkische Parolen skandieren müssen. Die Hilfsorganisation für Jesiden, Yazda, meldete, dschihadistische Milizen würden Angehörige der religiösen Minderheit zum Erlernen islamischer Texte und Jesidinnen zur Verschleierung zwingen.

Im türkischen Gaziantep wurde unter Aufsicht des türkischen Geheimdienstes ein »Stadtrat von Afrin« gebildet. An diesem Besatzungsrat unter Leitung des Kurden Hasan Sindi sind nach Erkenntnissen der Nachrichtenagentur Firat Kollaborateure aus dem Umfeld des Kurdischen Nationalrates für Syrien (ENKS) beteiligt, der dem Barsani-Clan im Nordirak nahesteht. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan kündigte am Wochenende zudem die Einsetzung eines Gouverneurs für Afrin an.

Nach Angaben der Zeitung Hürriyet sollen rund 350.000 derzeit in der Türkei lebende syrische Flüchtlinge nach Afrin umgesiedelt werden. Die Kovorsitzende der Demokratischen Föderation Nordsyrien, Foza Yusuf, warnte gegenüber Firat am Dienstag vor einem »ethnischen Vernichtungsfeldzug« zur »Veränderung der demographischen Struktur«. So seien bereits Dschihadisten, die sich aus der umkämpften Ostghuta zurückgezogen haben, nach Afrin gebracht worden.

Rund ein Drittel der geschätzt 900.000 Bewohner der Region befindet sich nach Angaben der Hilfsorganisation Kurdischer Roter Halbmond auf der Flucht. Ein Großteil ist in der Schahba-Region zwischen der Stadt Tell Rifat und Aleppo untergekommen. In den Zeltlagern in wüstenähnlicher Umgebung fehlt es an sauberem Wasser und medizinischer Versorgung.

Zudem ist Tell Rifat das nächste Ziel der türkischen Invasoren. Türkische Medien meldeten bereits am Dienstag die Einnahme der Stadt im Rahmen eines Abkommens mit Russland. Ein YPG-Sprecher dementierte zwar, dass türkische Truppen in die Stadt eingedrungen seien. Allerdings hat das russische Militär seinen Stützpunkt auf dem Flugplatz bei Tell Rifat geräumt und damit nach Ansicht der YPG grünes Licht für einen weiteren türkischen Vormarsch gegeben. Es ist möglich, dass Russland plant, die noch in der Ostghuta verbliebenen Dschihadisten mit Hilfe der Türkei in die besetzten Regionen in Nordsyrien zu evakuieren.

In Aleppo fand am Dienstag eine Demonstration gegen die türkische Invasion in Afrin, aber auch die andauernde Einmischung der USA in Syrien statt. Zuvor hatte die syrische Regierung gegen den türkischen Vormarsch, dem vergangene Woche auch mehrere von Regierungsmilizen kontrollierte Dörfer zum Opfer gefallen waren, protestiert.

Mit dem Ziel, »die Interessen des syrischen Volkes und die territoriale Einheit syrischen Bodens zu verteidigen«, wurde am Dienstag im Sportstadion von Rakka eine »Zukunftspartei Syriens« gegründet. An dem Kongress unter dem Motto »Für ein zentrales, mehrfarbiges, demokratisches Syrien« nahmen rund 800 kurdische, assyrische und arabische Politiker aus rund 100 verschiedenen Parteien und Organisationen sowie arabische Stammesführer und Repräsentanten der Demokratischen Selbstverwaltung Nordsyriens teil. »Separatistische Projekte« werden von der neuen Partei explizit abgelehnt.


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