Aus: Ausgabe vom 28.03.2018, Seite 15 / Antifa

»Offensiv verschwiegen«

Initiative kritisiert Chefermittlerin des Berliner LKA im Bereich Rechtsextremismus

Von Claudia Wangerin
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Politisch rechts motivierte Tötungsdelikte in Berlin-Neukölln? So etwas habe es bisher noch nicht gegeben, befand die Leiterin der Abteilung »Rechtsextremismus« im zuständigen Landeskriminalamt (LKA), Frauke Jürgens-El Hansali. Jedenfalls will sie nichts von vollendeten Morden wissen – eine Serie von Brandanschlägen, von denen mindestens einer tödlich hätte ausgehen können, ist der Anlass für das Interview, das der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) für die »Abendschau« am 21. März mit ihr führte. Zuvor kam in der Sendung Ferat Kocak zu Wort, dessen Auto in der Nacht zum 1. Februar gebrannt hatte – wenige Zentimeter von einer Hauswand entfernt, an der eine Gasleitung verläuft. Der Sohn alevitisch-kurdischer Einwanderer engagiert sich in der Partei Die Linke in Neukölln. Dass er so zum Hassobjekt von Rechten geworden ist, zieht Jürgens-El Hansali nicht in Zweifel. Details zu aktuellen Ermittlungen darf sie aber nicht nennen, dafür wirbt sie eindringlich um Verständnis.

Mit der Behauptung, es habe in Berlin-Neukölln keinen rechts motivierten Mord gegeben, unterschlägt sie allerdings zwei Fälle, in denen alles auf das Gegenteil hindeutet – und in einem wurde der Täter bereits verurteilt. Nach Zeugenaussagen hatte Luke Hollands Mörder Rolf Z. sich beschwert, dass in seiner ehemaligen Stammkneipe kaum noch Deutsch gesprochen werde, kurz bevor er den jungen britischen Anwalt am 20. September 2015 mit einer Schrotflinte erschoss. In der Wohnung des rechten Waffenfreaks wurden eine Hitler-Büste und andere Nazidevotionalien gefunden. Dies wurde in der Urteilsbegründung als »Sammelleidenschaft« deklariert; ein ausländerfeindliches Motiv hielt das Berliner Landgericht nicht für erwiesen, schloss es aber auch nicht aus. Der Angeklagte hatte beharrlich geschwiegen.

Anders als das Gericht scheint sich die Leiterin der Abteilung »Rechtsextremismus« im Berliner LKA jedoch sicher zu sein, dass es kein solches Motiv gab – nicht in diesem und auch nicht in einem anderen, bisher nicht aufgeklärten Fall. »Wir finden es erschreckend, dass in einem Interview zu rechten Straftaten in Neukölln sowohl der Mord an Burak Bektas am 5. April 2012 gegenüber dem Krankenhaus Neukölln als auch der Mord an Luke Holland am 20. September 2015 in der Ringbahnstraße offensiv verschwiegen wird«, kritisierte am Freitag die Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektas. Der türkischstämmige Berliner war am 5. April 2012 unter ähnlichen Umständen wie später Holland in Neukölln erschossen worden: Wortlos, ohne vorherigen Streit mit dem Täter – wahrscheinlich auch, ohne ihn je zuvor bewusst gesehen zu haben. Auch die Begleiter von Bektas, die damals schwer verletzt worden waren, kannten den nach ihrer Schätzung 40 bis 60 Jahre alten Kapuzenträger nicht. Eine Gegenüberstellung mit Rolf Z., zur Tatzeit Ende 50, wurde den jungen Männern später von der Berliner Polizei verweigert. Obwohl sich nach dem Mord nach Holland herausgestellt hatte, dass Z. bereits 2013 als Verdächtiger in den Ermittlungsakten zum Fall Bektas aufgetaucht war. Der Verdacht ließ sich so weder erhärten, noch kann er als widerlegt gelten.

Ein persönliches Motiv erschien den Ermittlern schnell abwegig. Die Initiative für die Aufklärung des Mordes hält daher gruppenbezogene Meschenfeindlichkeit für wahrscheinlich. Die versprochenen Ermittlungen »in alle Richtungen« müssten ein rechtes Motiv zumindest einschließen, betonte sie. Am 5. April jährt sich der Mord an Burak Bektas zum sechsten Mal. Am darauffolgenden Sonntag, dem 8. April, soll eine Demonstration zum Gedenkort nahe dem Klinikum Neukölln an ihn erinnern.

Demonstration zum Gedenken an Burak Bektas: 8. April, 14 Uhr, U-Bahnhof Britz-Süd, Berlin


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