Aus: Ausgabe vom 28.03.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

»Selbständige« ausgebeutet

Streit um Status von Deliveroo-Kurieren in Belgien. Staatliche Kommission sieht Anzeichen für abhängige Beschäftigung

Von Gerrit Hoekman
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Das Ausliefern von Essen mit dem Rad ist gefährliche Arbeit. Trotzdem zahlt Deliveroo bisher noch nicht einmal feste Löhne

Wer als Kurier für die Lieferdienstplattform Deliveroo Pizza, Döner und Chicken Madras zu den Kunden bringt, ist kein selbständiger Unternehmer, auch wenn das die Firma gerne behauptet. Das hat die staatliche Kommission zur Regelung von Arbeitsverhältnissen in Belgien nun festgestellt, wie unter anderem die Tageszeitung De Morgen am vergangenen Samstag berichtete. Die Bedingungen, unter denen die Kuriere arbeiten, würden häufig auf eine normale Anstellung hindeuten – mit Deliveroo als klassischem »Arbeitgeber«.

Ein Auslieferer des Unternehmens hatte sich Anfang des Jahres bei der föderalen Kommission beschwert, als ihn Deliveroo in die Scheinselbständigkeit zwingen wollte. Der Kurier führte als Argument an, dass er nur sehr begrenzt seine Arbeitszeit frei wählen könne und auch keinen Einfluss auf die Art der Arbeit habe. Zudem müsse er eine Woche im voraus durchgeben, wann er als Kurier verfügbar sei. Außerdem verfolge Deliveroo die Fahrer permanent mittels GPS, um die Routen zu überwachen.

Deliveroo fühlt sich ungerecht behandelt. Die Kommission habe bis jetzt nur die Version des Auslieferers gehört. »Wir sind davon überzeugt, dass die Kuriere als Selbständige betrachtet werden, wenn die Tatsachen auf dem Tisch sind«, zitierte die Wirtschaftszeitung De Tijd am Samstag aus einer Mitteilung des Unternehmens. Die Kuriere können laut Deliveroo angeblich selbst entscheiden, wann und wie lange sie arbeiten wollen. »Das gibt ihnen die Freiheit, die sie wünschen, und erklärt, warum mehr als 2.500 Kuriere beschlossen haben, mit Deliveroo zusammenzuarbeiten«, sei sich die Plattform keiner Ausbeutung bewusst, berichtet De Tijd.

Für die Kapitalseite hat dieses Arbeitskonstrukt der Selbständigkeit, das seit dem 1. Februar für alle Auslieferer in Belgien gilt, erhebliche finanzielle Vorteile, denn die Kranken- und Rentenversicherung geht komplett zu Lasten des selbständigen Kuriers. Bezahlten Urlaub oder Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gibt es auch nicht. Bis jetzt waren viele Kuriere in Belgien über die Leiharbeitskooperative »SMart« beschäftigt, die ihnen kurzfristige Arbeitsverträge mit sozialer Absicherung gab. Diese Genossenschaft garantierte den Fahrern immerhin eine Mindestarbeitszeit und einen Stundenlohn, wie die Onlineausgabe der marxistischen Monatszeitschrift Vonk (Funke) am 12. März berichtete.

Deliveroo hat die Zusammenarbeit mit »SMart« vor einigen Monaten aufgekündigt. Die Kuriere werden jetzt nur noch pro Auftrag bezahlt. Erhielten sie bislang etwas mehr als neun Euro pro Stunde, sollen sie nun lediglich rund fünf Euro für jede Lieferung bekommen, wie die Nachrichtenagentur Belga im Dezember berichtete. Dadurch würden die Kuriere mehr verdienen als vorher, behauptet das Unternehmen. Ein Auslieferer könne nämlich im Schnitt 2,2 Bestellungen pro Stunde erledigen. Was Deliveroo lieber nicht erwähnt: Es gibt auch Schichten, in denen so gut wie nichts zu tun ist und die Kuriere lange auf einen Auftrag warten müssen.

»Das ist eine Rückkehr zum Akkord, der in den Betrieben des 19. Jahrhunderts vorherrschte«, kritisiert Vonk. Aus Kollegen werden Konkurrenten gemacht. Wer schneller ist, verdient mehr. Der Zeitdruck bringt die Kuriere, die mit Rädern im dichten Verkehr der Großstädte unterwegs sind, zudem unnötig in Gefahr. Deliveroo überlegt nach eigenen Angaben, ob es den Fahrern wenigstens eine Unfallversicherung gönnt.

Die Beschäftigten wehren sich: Am 24. Januar besetzten rund 20 von ihnen zwei Tage lang die belgische Deliveroo-Zentrale in Brüssel und suchten den Arbeitsminister Kris Peeters in seinem Ministerium auf. »Wir wollen einen festen Lohn, der von Deliveroo bezahlt wird«, sagte ein Aktivist damals gegenüber der Nachrichtenagentur Belga. Die Gewerkschaften unterstützen die Kuriere bei ihrem Anliegen, besonders der sozialistisch ausgerichtete Belgische Transportarbeiterbund (BTB). Wie Vonk berichtete, bekundeten auch die Taxifahrer ihre Solidarität, obwohl die beiden Berufsgruppen sich im Straßenverkehr nicht immer grün sind. Die marxistische Partei der Arbeit (PVDA) steht ebenfalls hinter dem Protest. Deliveroo bleibt jedoch bis heute hart. »Die einzige Wahl der Kuriere ist, entweder als Selbständige zu arbeiten oder entlassen zu werden«, resümierte Vonk die derzeitige Lage.

Der Widerstand der Beschäftigten beschränkt sich nicht nur auf Belgien: In den Niederlanden klagt ein 19jährige Kurier gegen Deliveroo. Die Behörden wollten seinen Ein-Mann-Betrieb nicht anerkennen, weil er nur einen einzigen Auftraggeber hat: Deliveroo. Das berichtete die Tageszeitung Trouw am 24. Januar. In Utrecht, Haarlem und Amsterdam legten Kuriere die Arbeit nieder. Eine Delegation reiste nach Brüssel, um dort die Kollegen zu unterstützen. »Wir haben alle mit demselben Arbeitgeber zu tun und derselben Problematik. Deshalb müssen wir die Kräfte bündeln«, so ein Vertreter der Jugendorganisation der niederländischen Gewerkschaft FNV im Januar in der Tageszeitung Algemeen Dagblad.

Auch aus der BRD waren Deliveroo-Kuriere nach Brüssel gekommen. In Deutschland sind die Arbeitsbedingungen für die Fahrer ähnlich miserabel wie in den Nachbarländern. Wem zum Beispiel ein Reifen platzt oder das Handy ausfällt, der muss für die Kosten selbst aufkommen. Wer kein Fahrrad hat, kann sich eines bei Deliveroo leihen – für fünf Euro am Tag. In der BRD hat sich die anarchosyndikalistische Gewerkschaft Freie Arbeiterinnen- und Arbeiterunion (FAU) der Situation der Deliveroo-Kuriere angenommen.


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