Aus: Ausgabe vom 24.03.2018, Seite 10 / Feuilleton

»Mutti, nu is genug«

Kriegsfolgeschäden in Mecklenburg: Der Dokumentarfilm »Über Leben in Demmin«

Von Grit Lemke
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Im Rathaus spricht man von Ohnmacht: Wie Demmin versorgt wird

Das Grauen braucht weder flackerndes Licht, bedeutungsschwere Musik noch Kunstblut, keine Tränen, weit aufgerissenen Augen oder Schreie. In nüchternen, stockend geäußerten Sätzen enthüllt es sich. Erst wollen die alten Menschen in ihren beigefarbenen Pflegeheim-Zimmern, auf dem Balkon vor Blumenkästen oder allein auf Parkbänken an leeren Plätzen sich nicht erinnern, meinen »Das müssen Sie nich wissen« oder sind es gewohnt zu hören: »Mutti, nu is genug.« Martin Farkas aber, der für seinen Dokumentarfilm »Über Leben in Demmin« viel Zeit in der mecklenburgischen Kleinstadt verbrachte, fragt beharrlich nach. Und erfährt, nach und nach, Unvorstellbares, das sich im Frühjahr 1945 hier ereignete. In einer Art Massenhysterie nahmen Hunderte sich das Leben, während die Rote Armee die von der Außenwelt abgeschnittene Stadt einnahm.

Neben dem realen Erleben von Vergewaltigungen und Verwüstung war es vor allem eine von Nazipropaganda befeuerte irrationale Angst vor den Russen und sicher auch vor deren Rache für die Verbrechen der Wehrmacht, die in den kollektiven, suizidalen Wahn führte. Mütter banden ihre Kinder an sich fest und gingen ins Wasser. Andere erhängten sich, ließen sich erschießen oder schnitten sich und ihren Angehörigen die Pulsadern auf. Währenddessen brannte die Stadt fast bis auf die Grundmauern nieder. Die Überlebenden, die damals Kinder waren und heute kaum Worte finden, berichten von einem Inferno, von Leichenbergen und einem Gestank, der monatelang über die Stadt lag.

Man kann von Glück reden, dass dieser Stoff nicht in die Hände der Historienfilmindustrie geriet, sondern an Farkas, der klug damit umzugehen versteht. Indem er nicht einfach Geschehenes rekonstruiert, sondern danach forscht, was Trauma ist, wie es wirkt und was es mit den Menschen macht. Auch auf die Nachgeborenen und auf eine Gemeinschaft, die symptomatisch für unsere Gesellschaft steht. Denn längst ist das Grauen von Demmin zum Spielball politischer Kräfte geworden, die sich jährlich am 8. Mai in den üblichen Formationen gegenüberstehen. Um diesen Tag herum erzählt Farkas in einer geschickt gesetzten Parallelmontage vom Vergessen und Erinnern und wie die Vergangenheit sich nicht verdrängen lässt, sondern mit Gewalt zurückkommt. Die Rechten lassen zu epischer Musik Kränze zu Wasser, reden in schier unerträglicher Diktion von den »Horden der Roten Armee« und von dem »Leid, das über uns Deutsche hereingebrochen war«. Die Linken pfeifen laut und beschimpfen abseits stehende Anwohner. Die Polizei riegelt ab. Der Pfarrer erinnert von der Kanzel herunter daran, wer tatsächlich die Kriegsopfer waren und nennt die Zahl der Toten. Im Rathaus spricht man von Ohnmacht, und auf einem leeren Platz verkündet ein kleines Häufchen Aufrechter ein »Friedensfest« zu einem mit dünnen Stimmchen vorgetragenen »We Shall Overcome«. Das alles könnte man so auch anderswo vorfinden.

Farkas aber interessiert sich darüber hinaus für die Menschen in der Stadt, aus der seit Schließung der meisten Betriebe das Leben gewichen ist. Das zunächst schüchtern-freundliche junge Paar aus dem Istanbul-Grill, das bei den Rechten nicht mitläuft, aber für »das linke Pack«empfiehlt: »Einfach mal mit dem Maschinengewehr«. Die tätowierten Muskelmänner, die sich politisch nicht vereinnahmen lassen, dem Regisseur nicht helfen wollen. Die Friedhofsgärtner beim Frühstück. Die Handwerker, die neutral sein wollen, um keine Kunden zu verlieren. Es ist eben etwas anderes, mal kurz anzureisen und die Klappe aufzureißen als am nächsten Tag dem Nachbarn wieder zu begegnen. Wenn die Demotouristen weg sind, geht das Leben in Demmin weiter. Und das Grauen ist noch da.

Es liegt vor allem im Schweigen zwischen den Generationen, das der Film ruhig, ohne Effekte, aber eindringlich spürbar macht. Fassungslos sehen die Alten dem rechten Treiben zu. Sie sind allein mit ihren Möbeln, die sie entsorgen müssen, weil es ins Heim geht. Auf ihren Friedhöfen, wo sie kein Grab haben werden, weil keiner mehr da ist, der es pflegen könnte. Mit ihren Erinnerungen, die sie in sich vergraben haben, um zu überleben und die nie einer hören wollte. Zu beschäftigt waren die Jüngeren mit dem Aufbau, der Arbeit. Zu peinlich war es den Männern, wenn ihre Frauen vergewaltigt worden waren. Zu politisch unkorrekt war es – und ist es bis heute in der Linken – wenn es Deutsche waren, die von Schrecklichem berichteten. So hat das Grauen eine Leerstelle entstehen lassen, die von den Falschen besetzt wird.

Wie eine schlecht verbundene, nie behandelte Wunde, denkt man, und kommt kaum umhin, über das Ganze auch in pathologisch-medizinischen Kategorien nachzudenken. In diesem Sinne ist Farkas’ Film, mit genauem Blick fotografiert von Roman Schauerte, subtil montiert von Jörg Hauschild und Catrin Voigt und mit einer dezent unterstützenden Musik von Mathis Nitschke, so etwas wie Heilung. So könnte es gehen.

»Über Leben in Demmin«, Regie: Martin Farkas, BRD 2017, 90 min, bereits angelaufen
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