Aus: Ausgabe vom 20.03.2018, Seite 4 / Inland

Systemsanierung am Rechner

Gesundheitsexperten dringen auf Spezialisierung und Abbau von Überkapazitäten. Personalmangel könne sich so fast von allein erledigen, meinen sie

Von Jana Frielinghaus
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Reinhard Busse, Professor für Management im Gesundheitswesen, erläuterte am Montag in Berlin seine Berechnungen zu Angebot und Bedarf an Klinikbetten für den AOK-Bericht

Das Wissenschaftliche Institut der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK), WIdO, hat eine stärkere Spezialisierung der derzeit 1.950 Kliniken in der Bundesrepublik gefordert. Die Verfasser des »AOK-Krankenhausreports 2018« sprachen sich am Montag zugleich dafür aus, mittelfristig die Zahl der Einrichtungen deutlich zu reduzieren.

Tatsächlich gibt es fachliche Gründe dafür, planbare Operationen nur an Orten vornehmen zu lassen, die die nötige technische und personelle Ausstattung und Routine bei der Ausführung von Eingriffen haben. Denn, das belegt die in Berlin vorgestellte Untersuchung: Dort, wo pro Monat zum Beispiel unter 30 Darmkrebsoperationen, Implantationen von künstlichen Hüftgelenken oder Behandlungen nach Herzinfarkten stattfinden, ist das Risiko für Patienten, danach zu sterben oder aber noch einmal in Behandlung zu müssen, stark erhöht. Die Autoren verlangen deshalb, bestimmte Bereiche der Kliniken noch stärker zu zentralisieren. Martin Litsch, Chef des AOK-Bundesverbandes, verwies auf eine Umfrage der Krankenkasse, der zufolge 94 Prozent der Teilnehmer bereit sind, für spezielle Eingriffe weitere Anfahrtswege in Kauf zu nehmen.

Reinhard Busse, Professor für Management im Gesundheitswesen und einer der Autoren des Berichts, sprach von gewaltigen Überkapazitäten in den deutschen Krankenhäusern. Etwa 50 Prozent mehr Klinikbetten als im EU-Mittel gebe es hierzulande. Auch die Zahl der Pflegenden liege über dem Schnitt der EU-Länder. Seine implizite Schlussfolgerung: Würde man das Zuviel an Plätzen abbauen, seien auch die Krankenschwestern und -pfleger nicht mehr überlastet. Nach Busses Angaben kommen auf jeden Einwohner der Bundesrepublik 1,7 Tage Krankenhausaufenthalt pro Jahr. Demgegenüber sei es im Schnitt der Mitgliedsstaaten der Union nur ein Tag.

Auf Nachfrage sagte Busse, die hohe Zahl von Klinikaufenthalten sei darauf zurückzuführen, dass von den Patienten, die die Notaufnahme aufsuchen, heute 50 Prozent mehr stationär behandelt werden als noch vor einigen Jahren. Dagegen seien die von niedergelassenen Ärzten vorgenommenen Einweisungen stark zurückgegangen.

Der Gedanke, dass der Trend mit dem Abrechnungssystem der Fallpauschalen, im Fachjargon Diagnosis Related Groups (DGR) genannt, zu tun haben könnte, ist bei der AOK offenbar niemandem gekommen. Seit 2003 finanzieren sich die Krankenhäuser über Standardbeträge, die je nach Krankheits- oder Verletzungscode höher oder niedriger sind. Bestimmte Operationen bringen viel mehr Geld als andere Behandlungen, was zu absurden Steigerungen der Anzahl mancher Eingriffe geführt hat. AOK-Chef Litsch betonte jedoch, am »bewährten« DRG-System müsse unbedingt festgehalten werden, eine Rückkehr zum alten Prinzip der Kostendeckung sei nicht zielführend.

Demgegenüber sprach sich der Linke-Gesundheitspolitiker Harald Weinberg mit Blick auf den Report einmal mehr für eine Abschaffung der DRG aus. »Die Krankenhäuser leiden an der Kommerzialisierung durch die Fallpauschalen und an der Unterfinanzierung der Investitionskosten durch die Bundesländer«, erklärte der Bundestagsabgeordnete am Montag in Berlin. Der Kostendruck schade »der Gesundheit aller Beteiligten«. Der »irrwitzige neoliberale Glaube«, eine gute Versorgung könne durch wirtschaftlichen Wettbewerb hergestellt werden, führe dazu, dass Stationen und ganze Kliniken geschlossen würden, obwohl sie für eine Region eigentlich notwendig seien. Ein drastisches Beispiel dafür sei das Stationssterben in der Geburtshilfe.

Weinberg begrüßte, dass im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD ein partieller Ausstieg aus den Fallpauschalen zumindest hinsichtlich der Finanzierung des Pflegepersonals in Aussicht gestellt wird. Auch AOK-Chef Litsch sprach sich für eine Entlastung der Pflegekräfte aus, äußerte jedoch Skepsis, ob die Herauslösung der Personalkosten aus den Fallpauschalen hier Verbesserungen bringen kann. Denn dann, so Litsch, hätten »die Tarifpartner keinerlei Verhandlungsdruck mehr«. Die Krankenkassen und damit die Versicherten müssten in der Folge »jede noch so hohe Zeche zahlen«. Zugleich beteuerten Litsch und Busse, es gehe keinesfalls darum, Geld zu sparen, sondern um eine Verbesserung der Versorgungsqualität.


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