Aus: Ausgabe vom 14.03.2018, Seite 16 / Sport

Angriff aus der Mauer

Ein unscheinbarer Zug machte den russischen Schachgroßmeister Wladimir Kramnik zum Favoriten beim WM-Kandidatenturnier in Berlin

Von Jens Walter
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»Historische Variation«: Wladimir Kramnik (l.) und Levon Aronjan

Der Zug, mit dem Wladimir Kramnik für schwere Begeisterungsstürme in der gesamten Schachwelt sorgte, konnte unspektakulärer kaum sein. Um ein einziges Feld schob der russische Exweltmeister seinen Turm nach rechts und wurde dafür von der versammelten Expertenszene umgehend für den »Zug des Jahres«, einen »Eröffnungshammer« oder »eine schachhistorische Variation« gefeiert. Zu Recht, wie sich bald zeigen sollte.

Denn auch durch dieses unerwartete Manöver katapultierte sich Kramnik beim WM- Kandidatenturnier in Berlin in die Rolle des Favoriten. Der 42jährige hat nun zwei seiner ersten drei Spiele gewonnen und steht damit an der Spitze des achtköpfigen Teilnehmerfeldes. Nach dem ersten Ruhetag der insgesamt 18tägigen Veranstaltung trifft er heute im Topspiel auf US-Hoffnung Fabiano Caruana.

Um zu verstehen, was Kramniks Aktion beim Sieg gegen den hoch gehandelten Armenier Lewon Aronjan so besonders machte, muss man ein wenig mehr über den russischen Großmeister wissen. Durch den für einen interessierten Laien unscheinbaren Zug variierte dieser nämlich eine etablierte Verteidigungsvariante, die er selbst einst berühmt gemacht hatte: die »Berliner Mauer«, die vielleicht bekannteste Defensivtaktik für Partien mit den schwarzen Steinen und üblicherweise ein Garant für ein wenig aufregendes Remis. Ende des 19. Jahrhunderts in der Berliner Schachschule entwickelt, kam die Strategie durch Kramniks Auftritt beim WM-Duell 2000 mit dem großen Garri Kasparow wieder in Mode. Ebenfalls in der deutschen Hauptstadt hatte Kramnik seinem Landsmann damals mit dem schier undurchdringlichen Abwehrbollwerk den letzten Nerv geraubt und wurde erstmals Weltmeister. Im fortgeschrittenen Schachspieleralter hat er seine Spezialtaktik nun verfeinert – und zu einer Angriffsvariante umgeformt.

»Ich habe den Zug vor einigen Jahren gefunden. Seitdem habe ich auf den richtigen Moment gewartet«, sagte Kramnik hinterher in seiner für Schachspieler so typisch nüchternen Art. Dass er damit im Kampf um den Titel des Herausforderers von Weltmeister Magnus Carlsen eine Marke gesetzt hatte, dürfte aber auch ihm bewusst sein. »Vielleicht wird dieses Spiel in vielen Schachbüchern publiziert«, sagte er, nur um direkt nachzuschieben: »Aber in Wahrheit war es keine besondere Leistung.« Kramnik, der einst vier Jahre in Berlin gelebt und in der Bundesliga gespielt hatte, veredelt derzeit sein ohnehin eindrucksvolles Comeback in der Weltspitze. Nach dem Verlust seines WM-Titels 2007 schien er immer stärker abgehängt von der aufstrebenden jungen Generation um Carlsen und Caruana. Nun ist er wieder Weltranglistendritter, auch weil er sein Spiel offenbar auf ein neues Level gehoben hat.

Früher vornehmlich für seine kühlen Defensivkünste gerühmt, zeigt Kramnik, dass er neuerdings auch die Attacke im Repertoir hat. Noch stehen elf weitere Runden an, der Weg bis zum WM-Kampf Ende November ist lang. Nach dem Angriff aus der Mauer halten aber sehr viele dafür, dass Kramnik ihn zu Ende geht.


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