Aus: Ausgabe vom 14.03.2018, Seite 15 / Antifa

Kumpelhafte Geste

Neonazi und »szenekundiger« Polizeibeamter begrüßten sich in Hamburg mit Handschlag

Von Kristian Stemmler
25667883557_76b4fb02ef_o.jpg

Dass immer wieder Polizisten für Schlagzeilen sorgen, die sich in rechten Kreisen bewegen oder mit diesen sympathisieren, ist kein Zufall. Die straffe Hierarchie und Disziplin des Apparates, die paramilitärische Ausbildung, der Korpsgeist, der Fokus auf linke Aktivisten – das alles macht die Polizeibeamten eher anfällig für rechtes Gedankengut als für linke Ideen. Vor diesem Hintergrund wird in Hamburg zur Zeit über einen Vorgang diskutiert, der am Rande der seit Anfang Februar jeden Montag in der City stattfindenden »Merkel muss weg«-Demos beobachtet wurde.

Ausgelöst hat die Berichterstattung ein Beitrag auf der Homepage des antifaschistischen Recherchekollektivs Exif, der am 28. Februar über die vierte dieser rechten »Montagsdemos« zwei Tage zuvor auf dem Gänsemarkt informierte. Darin hieß es, der Neonazi Martin Fitsch, der mit seiner Hooligangruppe zuvor auf der Kundgebung sehr aggressiv aufgetreten war, habe bei der Abreise an der Treppe zur U-Bahn einen sogenannten szenekundigen Beamten (SKB) per Handschlag begrüßt. SKB sind Polizisten, die Fans von Fußballvereinen, besonders Ultras, an Spieltagen beobachten.

Zu dem Bericht stellte das Exif-Kollektiv ein Foto ein, das die fragliche Szene zeigt. Der in Zivil gekleidete SKB hält darauf dem die Treppe zur U-Bahn hinabgehenden Fitsch die Hand zum Abklatschen hin. Bei aller Vorsicht erweckt die Geste den Eindruck einer gewissen Vertrautheit. Dem Fanklub des FC St. Pauli, der den Beamten als Peter G. identifizierte, einen von zwei beim Kiezklub operierenden SKB, reichte das aus. In einem offenen Brief beschwerte sich der Sprecherrat des Fanklubs in der vergangenen Woche bei der Polizei.

»Wir fragen, warum ein Beamter sich so vertraut gibt. Wir fragen, wie er im Umfeld des FC St. Pauli arbeiten kann, wenn er hier nicht distanziert agiert«, heißt es in dem Schreiben. In den »sozialen Netzwerken« werde dies verbreitet und sorge für »eine unglaubliche Unsicherheit«. Ein »weiteres Agieren« des Mannes im Umfeld des FC St. Pauli stelle sich »für uns als unmöglich und nicht wünschenswert dar«. St.-Pauli-Fans kämpfen traditionell gegen Rassismus und rechte Hetze.

In der Taz bezeichnete Christoph Pieper, Pressesprecher des FC St. Pauli, den Brief als »legitimes Ansinnen«. Der Verein sei im Gespräch mit der Polizei, um den Vorfall aufzuklären. Die bestätigte dem Blatt, dass G. am 26. Februar »dienstlich« bei der Demo eingesetzt war, um zu klären, ob Hooligans dabei waren. Er habe das Gespräch mit einem ihm bekannten HSV-Fan gesucht. »Eine Begrüßung oder Verabschiedung mit Handschlag entspricht dabei üblichen Umgangsformen«, so die Polizei laut Taz. Darin sei keine Verletzung der Neutralitätspflicht zu erkennen.

Am Montag dieser Woche versammelten sich zum sechsten Mal in Folge Rechte unter dem Motto »Merkel muss weg« in Hamburgs City, zum zweiten Mal am Bahnhof Dammtor. Zuvor hatte die Demo am Gänsemarkt und am Jungfernstieg stattgefunden. Nach Schätzungen der Polizei waren rund 250 Teilnehmer erschienen, denen etwa 1.000 linke Demonstranten gegenüberstanden. Bereits seit Wochen weist das Exif-Kollektiv auf den hohen Anteil an Neonazis in der rechten Kundgebung hin und entlarvt damit die Strategie, die »Montagsdemos« als bürgerlichen Protest zu verkaufen. Drahtzieher sei der gut vernetzte Neonazi Thomas »Togger« Gardlo. Bei der »Merkel muss weg«-Demo am 5. März habe der »Chefredner« des Berliner Pegida-Ablegers Bärgida, Jürgen »Mario« Herbst, eine Hetzrede gehalten.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Antifa
  • »Das Original« will am 17. März in München marschieren. Seine Gegner sind sich dort nicht einig, ob es lächerlich und »krank« oder gefährlich ist
    Sebastian Lipp