Aus: Ausgabe vom 14.03.2018, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Heimat

Von Daniel Bratanovic
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Romantische Sehnsucht nach Versöhnung mit der Natur. Heimatkitsch in der Kunst (Ludwig Skell: Röhrender Hirsch, Öl auf Leinwand)

Nomen est omen. Ein Mann, dessen Vor- und Zuname ein Kompositum aus Wald (althochdeutsch: hurst) und Gut am stillen Gewässer bildet, steht künftig einem Ministerium für Heimat vor. Was allerdings dieser Horst Seehofer mit seiner neu zu schaffenden Behörde genau anzustellen beabsichtigt, bleibt vorerst so dunkel wie die Waldungen, in denen die germanischen Stämme einst hausten. Am Montag raunte er auf einer Pressekonferenz etwas von »Zusammenhalt der Gesellschaft«, »Polarisierung«, die überwunden, und einem »Wertebündnis«, das geschmiedet werden müsse. Ohne nähere Auskunft darüber, wie denn nun Heimat zu bestimmen sei, hat der designierte Minister zugleich aber immerhin zu verstehen gegeben, auf welche Weise er deren Pflege fürderhin besorgen möchte: mittels »konsequenterer Abschiebung«.

Nichtzugehörige stören, müssen also weg. Heimat, sagt das Lexikon, bezeichnet einen Ort, »in den der Mensch hineingeboren wird, wo die frühen Sozialisationserlebnisse stattfinden, die weithin Identität, Charakter, Mentalität, Einstellungen und schließlich auch Weltauffassungen prägen«. Heimat definiert vage einen umgrenzten Schutzraum, innerhalb dessen die Identität einer Gruppe entsteht. Das Gegenstück ist demgemäß »die Fremde« als das Äußere bzw. »der Fremde«, der in sich in dieser geschlossenen Gruppe ansiedeln möchte. So verstanden, eignet dem Begriff noch stets etwas Problematisches und es dürfte daher kein Zufall sein, dass Heimat und Ausländerfeindlichkeit in der politischen Rhetorik zuallermeist zusammengehen. Doch ganz so einfach verhält es sich nicht immer.

Unterhalb des irrationalen ideologischen Klimbims gibt es, bzw. gab es einen festen materiellen, juristisch fixierten Grund. Denn Heimat steht ursprünglich im Zusammenhang mit dem Besitz von Haus und Hof. Die relativ enge Bindung an das Eigentum zeigt sich in den Bestimmungen zum Heimatrecht, das in den deutschen Ländern bis über die Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus Geltung besaß. Wer über Grundeigentum innerhalb einer Gemeinde gebot, kam automatisch in den Genuss dieses Rechts, mit dem die Erlaubnis zur Verheiratung und Niederlassung sowie zur Ausübung eines Gewerbes verbunden war. Der Begriff Heimat reflektierte somit die Vorstellung der besitzenden Schichten, des Bürgertums und des Landadels. Umgekehrt waren folglich die Besitzlosen von diesem Recht ausgeschlossen, sie waren »heimatlos«. Von hier ist es dann bloß noch ein kleiner Schritt zum »Proletarier« als »vaterlandslosem Gesellen«.

Die Expropriation der Bauern von ihrem Grund und Boden am Anfang des Kapitalismus, der doppelt freie Lohnarbeiter, der umherirrt, um seine Haut zu Markt zu tragen, die rastlose Selbstbewegung des Kapitals – all das steht im Widerspruch zu einer Vorstellung von Heimat als einem romantischen Reflex auf diese Unbilden der bürgerlichen Gesellschaft. Wer Heimat sagt, hat dabei nie rauchende Schlote der Fabriken, Arbeiter mit rußverschmierten Gesichtern und kaum die Schluchten der Häuserzeilen der Großstadt vor Augen, zwischen denen die Vereinzelten in der Masse untergehen. Viel eher hingegen die Hütte auf sattem Grün mit Berg und See im Hintergrund.

Auf die als entwurzelnd wahrgenommene kapitalistische Realität antwortet eine rückwärtsgewandte Sehnsucht nach Traditionsbewusstsein, Bodenständigkeit und Versöhnung mit der Natur. Dabei ließe sich Heimat, will man am Begriff denn unbedingt festhalten, mit Ernst Bloch auch fortschrittlich wenden: Zu verstehen als ein zu schaffender Ort jenseits der Entfremdung, als etwas in der Welt, »das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war«. Seehofer dürfte so etwas kaum im Sinn haben.


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