Aus: Ausgabe vom 14.03.2018, Seite 12 / Thema

Politisch denken

Vorabdruck. Die erweiterte Neuausgabe der »Politischen Schriften« von Peter Hacks zeigt den vor 15 Jahren verstorbenen Autor als engagierten und reflektierenden Zeitgenossen

Von Peter Hacks
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Peter Hacks zählte sich selbst zu den wenigen Künstlern mit einem starken politischen Willen, wie er 1997 einem italienischen Germanisten mitteilte: »Brecht hatte einen, ich hatte einen, und vielleicht noch der antikommunistische Lyriker Kunze, der aber wahrscheinlich wahnsinnig ist.« (Aufnahme vom 8.6.1984 beim Schriftstellerbasar in Berlin)

Kommunistische Künstler, deren politisches Bekenntnis über eine romantische Phantasie von Gerechtigkeit und Gleichheit hinausgeht, sind selten. Ebenso wie Künstler, die sich zur Weimarer Klassik bekennen und darunter mehr verstehen wollen als den hohlen Kult, den die Deutschlehrer dieser Welt mit Goethe und Schiller treiben. Die sinnreiche Verbindung von Politik und Klassik ist in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wohl nur Peter Hacks (1928–2003) gelungen. Pünktlich zu dessen 90. Geburtstag am 21. März erscheint heute im Berliner Eulenspiegel-Verlag unter dem Titel »Marxistische Hinsichten« eine stark erweiterte Neuausgabe seiner politischen Schriften, die den Autor nicht nur als marxistischen Denker, sondern auch als engagierten Schriftsteller präsentiert. Der Herausgeber Heinz Hamm hat dafür auch einige bisher unveröffentlichte Texte zusammengestellt. Erstmals werden in dem Band zudem die Aufzeichnungen Hacks’ zum politischen Niedergang des Sozialismus nach 1989 veröffentlicht. Die Redaktion dankt Herausgeber und Verlag für die freundliche Genehmigung zum Vorabdruck. (jW)

Die Diktatur der westdeutschen Bourgeoisie ist in ein neues Stadium getreten. Hinter dem goldenen Vorhang der Konjunktur hat das Finanzkapital, beobachtet von wenigen, in aller Ruhe die Hebel der Macht besetzt. Ihm gehören die Posten des Staats, des Heers, der Polizei, der Justiz; ihm gehören die publizistischen Apparate. Der Prozess der gesellschaftlichen Gegenrevolution ist abgeschlossen. Jetzt hebt sich der goldene Vorhang, und über die Szene geht, als scheußliches Satyrspiel, die ideologische Gegenrevolution.

Die Maulfreiheit, dieser schöne Luxus, ist zu Ende. War es längst erlaubt, Verbrechen zu begehen, so ist es von nun an untersagt, Verbrechen Verbrechen zu nennen. Die sozialistische Literatur ist zu einem Ressort der Büttel geworden. Nicht mehr hinlänglich ist deshalb die Feststellung, dass in beiden deutschen Staaten die Freiheit der Äußerung relativ sei; dass es überall möglich sei, einiges zu sagen, und unmöglich, alles zu sagen. Die sozialistische Literatur ist doch kein beliebiger, quantitativ fassbarer Teil der Literatur. Die sozialistische Literatur ist doch die wahrhaftige Literatur. Unterdrückung der sozialistischen Literatur, das heißt doch: alles darf gesagt werden, nur, was stimmt, nicht. Das ist doch, wie wenn die Mathematik verboten wird. Das allein ist schon totale Unfreiheit.

Und dennoch ist es erst der Beginn. Der Unterdrückung der Wahrheit folgt die Unterdrückung der Halbwahrheit, folgt der Kampf gegen die Literatur der kleinbürgerlichen Demokratie. Viele westdeutsche Schriftsteller missbilligen unseren Weg. Aber ihr Ziel: ein friedliches und vernünftiges Zusammenleben aller Menschen, eine freie, reiche und würdevolle Organisation jedes einzelnen Geistes: das ist auch unser Ziel. Um dieses Zieles willen werden sie verfolgt. Im Rheinstaat ist der Zustand eingetreten, den Helvétius formuliert: Man findet nur in verbotenen Büchern noch Wahrheit; in den andern wird gelogen.

Ich sagte schon, und sagte mit geringer Zufriedenheit, dass die Schriftsteller Westdeutschlands in ihrer unrühmlichen Mehrzahl die DDR nicht als ihren Verbündeten ansehen. Vor ihren aufgerissenen Augen türmen sich die braunen Wellen, und sie ergreifen nicht den Rettungsring. Wer trägt die Schuld?

Mangelhafte Kenntnisse

Der Nazikapitalismus hinterließ auf deutschem Boden zerfetzte Leiber, zerschmissene Brücken, verdorbene Gehirne. Die Menschen sind wieder nachgeboren, die Brücken wieder errichtet. Aber die Gehirne? Können wir feststellen, dass die Gehirne aller Deutschen gereinigt sind? In den Köpfen der westdeutschen Schriftsteller wirkt das schlimmste Nazigift: die Unfähigkeit, politisch zu denken. Die intellektuelle Opposition hat sich wieder formiert, aber sie hat den Gebrauch ihrer besten Waffen verlernt. In den letzten Monaten, durch den Meinungsterror in die Ecke gedrängt, haben die drüben wieder zu kämpfen begonnen; doch sie kämpfen mit nackten Händen. Sie äußern sich zu gesellschaftlichen Fragen, aber vom privaten Standpunkt. Betrachten wir einmal die Äußerungen eines Säuglings. Wenn ihm etwas wehtut, quäkt er. Wenn ihm etwas wohltut, grinst er. Er untersucht nicht die Gründe seines physischen Befindens, und nicht die Folgen. Er freut sich der Wärme, wenn das Haus brennt, und er klagt über die Bitterkeit seiner Medizin. Die Wahrheit seines Geschreis ist eine bloß innere. Sie verstehen die Analogie. Ich meine, die Verlautbarungen jener einundzwanzig SPD-Wähler ähneln verzweifelt solchen Verlautbarungen aus der Wiege.

Wir haben keinen Grund, die subjektive Ehrlichkeit unserer linkselbischen Kollegen zu bezweifeln, wohl aber die objektive Beschlagenheit. Ihr Mut ist oft groß, ihre Kenntnisse sind stets klein. Es ist nicht ihr Gewissen, womit es hapert, es ist ihr Wissen. Sie hören die Glocke der Menschlichkeit läuten und glauben, sie hänge in Schöneberg.

Wenn wir aber die Schuld an diesem tragischen Nichtzueinanderfinden erörtern, dann haben wir auch Grund, unsere eigenen Handlungen kritisch anzusehen. Haben wir es, in den Bedrängnissen der Übergangsperiode, vermocht, den westdeutschen Schriftstellern das Bild des sozialistischen Realismus in seiner gewaltigen Größe, Tapferkeit und Lebensfülle vor die Augen zu stellen? Haben wir nicht oft mit ihnen unter ihrem intellektuellen Niveau geredet, und über ihrem politischen? Haben nicht auch wir gelegentlich das Wasser tiefer gegraben?

Das Los der Heimatlosigkeit ist hart. Am härtesten ist es, wenn ich nicht irre, für den Schriftsteller. Wie alle hochkomplizierten Maschinen ist der Schriftsteller hochempfindlich für äußere Erschütterungen. Er ist für den Kampf gemacht, nicht aber für den Existenzkampf. Er ist das Wesen, das sich von allen am schwersten verständlich machen kann; wie sehr quält ihn die Unvollkommenheit der Kommunikationsmittel; wie verlassen ist er, wird ihm auch noch sein armes Werkzeug geraubt, die Sprache. Das Los der Heimatlosigkeit ist hart für den Schriftsteller, und keinen trifft es schneller als ihn. Die Not kommt über ein Land; über ihn kommt sie zuerst. Diese Leute ziehen das Unglück an wie die Weide den Blitz.

Mit Freude also kann ich hier, und nicht nur in meinem eigenen Namen, sagen: Schriftsteller deutscher Sprache, ihr habt eine Heimat. Es gibt ein Land, das eure Sprache redet, das eure Ziele billigt und eure Leiden versteht.

Da sind noch solche, die sich zur heimatlosen Linken zählen. Aber dieses Wort ist nichts als eine der Schlingen, die der Fallensteller ihnen hingelegt hat. Es hat keinen Inhalt. Einer, der links ist, ist nicht heimatlos. Die Linke hat in Deutschland eine Heimat. Auch die Rechte, mit der der Schriftsteller in angeborener Feindschaft lebt, hat ihren Machtbereich: aber der ist merklich eng geworden. Der nächste Reichskanzler, mag sein Name Strauß oder Brandt oder wie immer lauten, wird nur noch ein halbierter Tyrann sein. Ein Huhn ist kein Vogel, und ein Hitler ohne Deutschland ist kein Hitler.

Wir geben allen deutschen Schriftstellern, die nicht die Menschlichkeit verraten haben, eine Heimat. Was kann das heißen, wenn es etwas heißen soll? Es heißt, dass wir ihnen eine Resonanz geben, dass wir sie drucken und lesen. Es heißt, dass wir ihnen Informationen geben, dass wir mit ihnen reden, immer und an jedwedem Ort. Es heißt, dass wir ihren Kampf unterstützen, mit geistigen und politischen Waffen. Es heißt, natürlich, dass sie bei uns Schutz und Sicherheit finden werden, wenn es dahin gekommen sein wird, dass man nicht nur ihren Ruf mordet, sondern ihren lebendigen Körper, dass man sie nicht nur am Schreiben hindert, sondern am Vorhandensein.

Ich meine, wir sollten ihnen diese Hilfe ohne Bedingungen antragen, also nicht als Belohnung für vorhergegangene Reue oder Sinnesänderung. Sie verlangen Geistesfreiheit; das ist fast zu viel in unserer Barrikadenzeit. Ich würde anraten, sie ihnen in möglichst reichem Maße zu gewähren: mit der Großmut des Siegers und mit der Geduld des Listigen. Erfahrungen überzeugen, Ermahnungen verhärten.

Die westdeutschen Schriftsteller sind von uns eingeladen. Sie und wir sind eine Literatur, auch wenn sie und wir im Moment zwei Literaturen schreiben. Wir werden uns von ihnen nicht trennen, auf die Gefahr hin, dass ihnen unsere Gesellschaft unangenehm ist. Wir achten auch die unter ihnen, die uns noch missachten. Fragen Sie einen betrogenen Liebhaber nach dem Grund seiner zähen Anhänglichkeit an eine Treulose, sagt Diderot, und Sie werden erfahren, warum ein Schriftsteller so zäh an einem anderen Schriftsteller von hervorragendem Talent hängt.

(Rede bei einer Kundgebung der Deutschen Akademie der Künste in Reaktion auf die Verbote von DDR-Büchern und -Theaterstücken nach dem Mauerbau, gehalten am 4. September 1961, zuerst in Auszügen erschienen in der DDR-Wochenzeitzung Sonntag, 17.9.1961)

Antiimperialistische Profession

Das ganze Vietnam ist in drei Teile zertrennt. Der nördliche Teil steht unter sozialistischer Volksmacht, der südliche Teil wird verwaltet von einem Bündnis unabhängiger und demokratischer Gruppen. Auf einem Fünftel des südlichen Teils, also einem Zehntel des gesamten Bodens, herrscht amerikanisches Militär, assistiert von vietnamesisch Unfreiwilligen und noch einigen Mietmördern verschiedener Nationalität. Diese Streitkräfte haben Vietnam angegriffen. Sie sind damit befasst, es zu unterwerfen oder – da diese Absicht schon am sehr heldenhaften Widerstand der Befreiungsarmee gescheitert ist – wenigstens seine Bevölkerung auszurotten, und zwar unterschiedslos die aller drei Teile.

Die Regierung der USA hatte eine Weile lang behauptet, der Krieg diene den Interessen ihrer paar politischen Huren in Saigon. Die Lächerlichkeit dieser Behauptung lag auf der Hand; eine Hure ist eben dadurch dem Begriff nach bestimmt, dass sie keine eigenen Interessen hat. Inzwischen nennt die Regierung der USA einen anderen Kriegsgrund: die Wahrnehmung der amerikanischen Interessen. Diese Interessen sind im wesentlichen solche des äußeren und inneren Marktes, und es geht ja bekanntlich im neuzeitlichen Kapitalismus kaum ein ernsthaftes Geschäft ohne Anwendung von Gewalt vonstatten. Die Amerikaner, welche unter Umständen bereit sind, auf die Ausbeutungsfron des klassischen oder politischen Kolonialismus zu verzichten, verzichten unter keinen Umständen auf die eher noch demütigendere und noch ertragreichere neokolonialistische Ausbeutung. Eben von der letzteren aber hatte Vietnam sich befreit und ist Asien sich zu befreien entschlossen. Zum anderen hat die Regierung der USA, wie jede staatskapitalistische Regierung, die Funktion des Zwangsabsatzes gewisser überflüssiger Industrieprodukte an das eigene Volk, und alle diese höchst kostspieligen Kriegsgeräte hat ja, bevor sie auf dem blutigen Schrottplatz Vietnam verschlissen werden, der amerikanische Steuerzahler, ohne nach seinem Willen befragt zu sein, kaufen müssen. Das also sind die Interessen einer mehr einflussreichen als umfänglichen Schicht von Amerikanern. Es scheint aber, dass diese Interessen den Interessen zu vieler anderer Menschen entgegenstehen, um besondere Achtung beanspruchen zu dürfen.

Ein großes und reiches Land ist über ein kleines, sorgenvoll produzierendes Land hergefallen. Es haust dort auf eine kaum beschreibbare Weise. Unter der Zahl der bekannten Schandtaten ist keine, die es dort nicht verübt. Es begnügt sich nicht damit, die Einwohner zu töten; es verfolgt, auf Jahrzehnte hinaus, das ungeborene Geschlecht. Es verbrennt die Behausungen, vergiftet die Pflanzenwelt, verwüstet die Werkstätten, sprengt die Wege, zerreißt das Wassernetz. Es verbündet sich mit den Urfeinden der Menschheit, den Seuchen. Um keines Zweckes als des Gelderwerbs willen führt es einen Krieg am Rande des Weltkriegs, errichtet es die Hölle am Rande der Welthölle.

Die Schriftsteller unterbrechen ihre Arbeit an den Entwürfen der künftigen Erde und betrachten zornig diesen amerikanischen Entwurf. Er ähnelt wenig dem Bild, das sie sich vom bestmöglichen Zustand der menschlichen Rasse gemacht haben. Sie fühlen sich, wo immer sie leben und welches immer ihre Ideen sind, gedrungen, seiner Ausführung, nach ihren Mitteln, Einhalt zu tun. Diese Haltung berührt nicht die Debatte, ob ein Schriftsteller mit Politik zu schaffen haben solle; dieser Entschluss hat nichts zu tun mit der Frage des parteilichen Engagements. Das ist eine Entscheidung innerhalb des schriftstellerischen Fachgebiets. Fach der Schriftsteller ist die Menschenwürde. In Vietnam verröchelt, unter der Einwirkung von Sprengkörpern, Giften und Gasen, das Recht, dessen Anwälte sie sind. Der Beruf der Poeten ist eine antiimperialistische Profession.

Deshalb erklärt das deutsche PEN-Zentrum: Es ist nötig, den Mächtigen der USA klarzumachen, dass sich die Zeitläufte zum Ende neigen, wo ein lebender Mensch eine Sache war wie jede andere, eine Sache, die man nach Belieben zersägen, zerhacken, zerbrechen kann. Es ist nötig, dieses scheußlichste politische Verbrechen seit Hitler zu verfolgen und zu bestrafen. Es ist nötig, alles zu unternehmen, was dem kriegführenden Amerika schaden, der vietnamesischen Bevölkerung nützen kann.

Das deutsche PEN-Zentrum wendet sich gegen alle Haltungen verunklärender Gutmütigkeit, gegen alle Hälftung der Schuld oder der Verantwortung. Es wendet sich gegen solche, die berücksichtigen möchten, dass die USA es sich nicht leisten könnten, ihr Gesicht zu verlieren. Soll dem Präsidenten Johnson geglaubt werden, diese unbarmherzige, rechnende roboterartige Fratze sei Amerikas Gesicht? Auch Amerika, jene Insel abseits der Weltkultur, von der Geschichte vernachlässigt und vom Fortschritt wenig begünstigt, – auch Amerika hat andere Gesichter als das. Eins der edelsten zeigen die farbigen und weißen Bürgerrechtskämpfer, zeigen die Studenten und Professoren, die, bedroht von Staatspolizei, faschistischem Mob und schwarzen Listen, mit äußerstem Mut sagen, was hier gesagt ist. Auch Amerika ist von Menschen bewohnt; auch Amerikas wahres Gesicht ist das menschliche.

Das deutsche PEN-Zentrum (Ost und West) ersucht das PEN-Zentrum Bundesrepublik, die Zentren der USA und alle anderen lokalen und nationalen Zentren, insonders aber das internationale PEN-Zentrum, dieser Äußerung, dem Buchstaben oder dem Sinne nach, beizupflichten.

Berlin, 24.12.1965

(Entwurf für eine Resolution des deutschen PEN-Zentrums (Ost und West) gegen den US-Krieg in Vietnam)

CDU (B)

Meine Meinung über die SPD, ich gestehe es, war nicht besonders günstig. Was mich an der Partei ärgerte, war der Name. Die CDU hat nie, jedenfalls nie ernstlich, behauptet, sie sei friedliebend, menschen- oder gar arbeiterfreundlich, demokratisch; sie hat nie den Eindruck erweckt, als sei ihr an der Konstituierung der Deutschen als einer fortschrittlichen Nation gelegen. Die SPD, die durch ihren ehrwürdigen Namen dauernd in den Verdacht kam, derartige Ziele zu verfolgen, musste dauernd mit Taten beweisen, dass sie sie nicht verfolgt. Daher hätte es, meinte ich, der SPD wohlgetan, wenn sie sich entschlossen hätte, ihren Namen zu ändern und sich neu zu benennen, etwa »CDU (B)«. Das (B) soll hier natürlich nicht Bolschewiki bedeuten, auch nicht, wie man eher vermuten könnte, Bourgeois, sondern einfach soviel wie: die andere CDU. Es kommt doch im Theater vor, dass ein Stück doppelt besetzt wird, jede Rolle mit zwei Schauspielern. Die eine Besetzung heißt die A-Besetzung, die andere die B-Besetzung. Damit ist ausgedrückt: es sind nicht dieselben Leute, aber sie spielen dasselbe Stück.

Nun sehe ich mit außerordentlichem Vergnügen, dass ich mich getäuscht habe. Durch ihre Erwiderung auf den Brief der SED hat die SPD offenbart, dass da etwas in ihr steckt. Sie hat sich nicht nur salonfähig gemacht und sich – zum ersten Mal seit 1945 – in die Weltpolitik eingeschaltet, – sie hat gezeigt, dass sie wieder bereit ist, wenn schon nicht die Meinung der Nation oder der Arbeiterklasse, immerhin die Meinung ihrer Mitglieder zu vertreten. Denn das ist ja wahr: unterschied sich die Politik der SPD in nichts von der CDU, so sind doch ihre Mitglieder, Wähler und Anhänger ganz andere. Die Mehrzahl der westdeutschen Bürger, die lieber für ihre eigenen Zwecke leben als für die Zwecke des Monopolkapitals sterben wollen, setzen auf die SPD. Und es kann konstatiert werden, dass die SPD-Führung, aus welchem Grunde immer, bereit ist, auf die Stimme der Einsicht oder, was dem gleichkommt, auf die Stimme der Einsichtigen zu hören.

Es ist eine, besonders für einen Literaten, amüsante Vorstellung, dass hinfort die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen schriftlich ausgetragen werden. Natürlich verhält es sich nicht so. Könnten Argumente durch die bloße Tatsache ihrer Richtigkeit siegen, hätten wir schon gesiegt. Aber wir wissen auch, welche Wirkungskraft Ideen innewohnt. Wir haben jetzt die Möglichkeit, die totale Informationssperre bezüglich der DDR in Westdeutschland zu durchbrechen. Wir können durch unsere souveräne und versöhnliche Haltung den analphabetischen Bundesbürger beeindrucken. Wir können alle die unklaren und unterschwelligen Friedens- und Freiheitsbedürfnisse der Westdeutschen formulieren und auf die Höhe des Bewusstseins heben. So erachte ich den Briefwechsel und die bevorstehenden Gespräche für einen erfreulichen, höchst aussichtsreichen Vorgang. Und ich erlaube mir, vom rein fachlichen Gesichtspunkt eines Schriftstellers der SED aufrichtige Komplimente zu machen für die heitere und gelassene Würde ihres Stils, zu der die Gunst ihrer historischen Lage sie befähigt.

(Meine Meinung über die SPD, 15.5.1966, geschrieben anlässlich eines zu Beginn des Jahres 1966 von der SED vorgeschlagenen Redneraustausches, der aber letztlich doch nicht zustande kam)

Goethe und die DDR

Sehr verehrte gnädige Frau,

der beste Patriotismus ist der, den man niemals erwähnt, weil man nicht darauf käme, ihn zu erwähnen. Wollte ich mich nach Ihrem Verhältnis zu Frankreich erkundigen, würden Sie sich wundern und dann sagen: ich bin Französin. Patriotismus versteht sich von selbst, das ist im Osten nicht anders.

Was mir zu »Deutschland« einfällt? Ich wundere mich und sage: Goethe und die DDR.

Die Nation der DDR ist, wie die französische, durch eine Revolution entstanden. Unser Staatsbegriff ist durchaus der jakobinische, mit Entschiedenheit nicht der der Gironde. Der Staat und die Nation fallen hier zusammen. Der Vorschlag, die DDR mit dem zurückgebliebenen Teil der ehemaligen deutschen Nation »wiederzuvereinigen«, muss alle nationalen Instinkte eines DDR-Bürgers befremden.

Gewiss, es gibt für einige Länder Länder, zu denen die Beziehungen enger als nur geschäftsmäßig sind. Sie sind gleichsam mit Herzensfäden verflochten. Der Unterschied zwischen innerer und äußerer Politik wird unscharf; es bestehen Grenzen, aber die verschwimmen auf eine Weise. So ein Land ist, für die DDR, die Sowjetunion.

Die Bundesrepublik Deutschland ist einfach ein benachbartes westliches Ausland. Man kann sich vergleichsweise leicht mit ihr verständigen, weil die Einwohner dort deutsch reden und weil manche von ihnen sich noch an Goethe und Hegel erinnern. Aber mit Franzosen, die sich noch an Corneille und Voltaire erinnern, oder mit Engländern, die Shakespeare und Adam Smith nicht vergessen haben, redet es sich auch gut.

Der gesellschaftliche Raum meiner ästhetischen Entwürfe ist die DDR. Ich bin schnell zu langweilen; mich hat immer gelangweilt, über den Imperialismus zu schreiben. Auch über den Faschismus habe ich mir nie ein Wort abgemüßigt. Ich finde diese Gegenstände muffig und verbraucht. Ich käme mir, müsste ich mich mit ihnen bescheiden, provinziell vor.

Jeder schuldet seinem Vaterland etwas Dank. Mein Vaterland hat mir erspart, meine Mühe an Fragen zu verlieren, die geklärt sind. Als Schriftsteller danke ich der DDR mein Dasein.

(»Brief an eine Dame in Paris über einen Ort namens Deutschland«, 5.1.1989, zuerst erschienen in: Mein Deutschland findet sich in keinem Atlas. Schriftsteller aus beiden deutschen Staaten über ihr nationales Selbstverständnis, hg. von Françoise Barthélemy u. Lutz Winckler, Frankfurt am Main 1990, S. 29 f.)

Untergang der Zivilisation

Die deutsche Konterrevolution wurde durchgeführt von den deutschen Kommunisten am wärmsten Oktoberende seit Jahrhundertgedenken.

Immer wenn ich die grünlich und rötlich strahlenden Decken | Endfarben der spärlich belaubten Bäume vor dem milchig blauen Himmel sehe, den Dunst über dem enorm stillen See | umschilften, die unordentlichen Kranichhundertschaften oben, angesichts dieser bestimmten Art Schönheit werde ich denken an den Untergang der Zivilisation in Europa, dem Erdteil, wo sie bis zu dem Herbstmonat noch einen bescheidenen Wohnsitz hatte. Die Natur ist eine Irreführung. Ich habe zu Recht nie sehr viel von ihr gehalten.

Konnte unsere Rasse ihre Verworfenheit nicht im November oder Februar zum Ausdruck bringen? Eine Herbstphobie ist eine unangenehme Seelenkrankheit. (…)

Kurz, unerwartet, bei vielen Köstlichkeiten, packt mich ein Erschrecken und denke ich an den größten Verrat der Menschheitsgeschichte.

(Notat vom 28.10.1989)

Der Sozialismus als Theorie unterscheidet sich von dem andern Hin und Her und politischen Varianten der bürgerlichen Gesellschaft dadurch, dass es sich bei ihm um die Theorie der sozialistischen Gesellschaft, die die bürgerliche Gesellschaft abgelöst hat, um den philosophischen, wissenschaftlichen, künstlerischen, kurzum geistigen Inhalt des 3. Jahrtausends handelt und um einen Menschheitssprung und unwiderruflichen Fortschritt.

Das Festhalten am Sozialismus ist nicht eine Frage der Treue, sondern im selben Maß eine Frage der Wahrheit, der Erziehung und Gesittung. Gleichviel: durch politische Gewalt ist die DDR aus dem polit. Spiel genommen | fügten sich die Menschen dem Uralten, das sich auf lächerliche Weise bemüht, sich als ein Neues darzustellen, nicht anders als sie sich in (kleineren) geschichtlichen Umbrüchen zu unterwerfen pflegen.

Die Frage nach (Verlässlichkeit | Anstand in der Ohnmacht) kann stets nur wenigen gestellt werden. Wir stellen die Frage nach der Verlässlichkeit | Standfestigkeit nicht als Klassenfrage, sondern in Bezug auf Einzelseelen. Gibt es charakterliche Beschaffenheiten, die erlauben zu mutmaßen: auf welche können wir bauen?

Etwas wie Festhalten an einer Partei nach ihrer Niederlage unter Bedingung ihrer Undurchführbarkeit, also ohne begründete Hoffnung, dass die Partei je wieder ihre Macht zurückgewinnt, trifft man immer, freilich immer als Ausnahmeverhalten.

(Aus den Notizen zu den »Marxistischen Hinsichten«, Ende der 1990er Jahre)

Peter Hacks: Marxistische Hinsichten. Politische Schriften 1955–2003, hg. v. Heinz Hamm im Auftrag der Peter-Hacks-Gesellschaft. Eulenspiegel-Verlag, Berlin 2018, 607 Seiten, 19,99 Euro

Veranstaltungsankündigung: »Die Höflichkeit der Genies«, szenische Lesung des Dramoletts, Mittwoch, 21. März 2018, Beginn 19.00 Uhr, jW-Ladengalerie, Torstraße 6, 10119 Berlin, Eintritt: 6 Euro, ermäßigt: 4 Euro. Um Anmeldung unter mm@jungewelt.de wird gebeten.


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