Aus: Ausgabe vom 14.03.2018, Seite 11 / Feuilleton

Wiederkehr einer DDR-Legende

Eine liebevoll gemachte Neuausgabe von Liselotte Welskopf-Henrichs Romanzyklus »Die Söhne der Großen Bärin«

Von Gerd Bedszent
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Anhaltender Widerstand: Crazy Horse Memorial am Thunder Mountain in den Black Hills nahe von Custer, South Dakota, USA (2010)

Die Bücher waren in der DDR legendär: das sechsbändige Romankonvolut »Die Söhne der Großen Bärin« der Schriftstellerin und Altertumswissenschaftlerin Liselotte Welskopf-Henrich. Ganze Generationen wuchsen mit den Abenteuern des Dakotajungen Harka auf, erlebten, wie dessen Vater Mattotaupa von dem weißen Goldsucher Red Fox betrogen und schließlich ermordet wurde. Und wie der zum Häuptling Tokei-ihto gewordene Junge an den letzten Kämpfen der Prärieindianer gegen die weißen Landräuber teilnahm, sich am Mörder seines Vaters rächte und die Stammesabteilung schließlich über die Grenze ins rettende Nachbarland Kanada führte. Das spannend geschriebene und mehrfach überarbeitete Werk zählt zu den ganz großen Erfolgen der DDR-Literatur, wurde in dreieinhalb Millionen Exemplaren verkauft und in mehrere Sprachen übersetzt. Die UNESCO empfahl es im Jahr 1963 als eines der weltweit besten Kinderbücher.

Die Autorin hatte allerdings keinen simplen Abenteuerroman zu Papier gebracht, sondern im Vorfeld gründlich recherchiert und in ihr Werk zahlreiche Informationen zur Kultur der nordamerikanischen Ureinwohner des ausgehenden 19. Jahrhunderts eingearbeitet. Und sie stellte sich – wie in anderen Werken auch – eindeutig auf die Seite von indigenen Völkerschaften, die sich gegen Raub, Mord und kapitalistische Landnahme zur Wehr setzten und das noch immer tun. Im während der 1960er und 1970er Jahre handelnden Folgewerk »Das Blut des Adlers« ließ die Autorin ihren uralt gewordenen Helden Harka noch einmal auftreten und die ersten Anfänge der indianischen Widerstandsbewegung unserer Gegenwart erleben.

Wie der größte Teil der DDR-Literatur verschwanden auch die Bücher der 1979 verstorbenen Autorin nach 1990 zunächst in der Versenkung. Es ist ein bleibendes Verdienst des in Chemnitz ansässigen Palisander-Verlages, sie aus dieser wieder hervorgeholt zu haben. Die Neuausgabe der »Söhne der Großen Bärin« besticht durch sorgfältige Verarbeitung. Der Schauspieler Gojko Mitic, Hauptdarsteller der Verfilmung aus dem Jahre 1965, darf im Vorwort einige Anekdoten über seine Zeit als hauptberuflicher DEFA-Indianerhäuptling zum besten geben. Beigefügt sind auch ein kurzes Schlusswort und eine Abhandlung der Autorin zum historischen Hintergrund ihres Werkes. Beide Texte stammen aus einer frühen, auch antiquarisch kaum noch erhältlichen Fassung aus dem Jahre 1951 – aus allen Folgeausgaben hatte man sie entfernt, vermutlich aus Platzgründen. Ein hochinformatives Nachwort zur Entstehung des Romanwerkes und zur Biographie der Autorin stammt von Erik Lorenz, Autor des unlängst erschienenen Sachbuches »Liselotte Welskopf-Henrich und die Indianer«.

Alles in allem eine liebevoll gestaltete und sehr gelungene Neuauflage. Mögen sich andere Verlage an dieser Art des Umganges mit dem DDR-Literaturerbe ein Beispiel nehmen.

Liselotte Welskopf-Henrich: Die Söhne der Großen Bärin. Band 1–6. Überarbeitete und ergänzte Neuausgabe, Palisander-Verlag, Chemnitz 2017, zusammen 1.960 Seiten, 113,40 Euro


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