Aus: Ausgabe vom 14.03.2018, Seite 10 / Feuilleton

Thieme, Friedell

Von Jegor Jublimov
Gerhard_Thieme.jpg
Von Fritz Cremer in die Abnahme von Totenmasken eingeweiht: Bildhauer Gerhard Thieme vor seinem Atelier in Berlin-Pankow

Vor einigen Wochen war Gerhard Thieme mal wieder im Gespräch. Die Stadt Augsburg erwarb die von ihm gefertigte Totenmaske Bertolt Brechts. Der Bildhauer, der morgen 90. Geburtstag feiert, wurde von Fritz Cremer in die Abnahme von Totenmasken eingeweiht. Er wandte die Technik bei den »letzten Gesichtern« von Wilhelm Pieck, Hanns Eisler, Otto Grotewohl, Walter Ulbricht und Gret Palucca an. 1993 hielt er schließlich auch das Konterfei seines verehrten Lehrers Fritz Cremer auf diese Weise fest. Mit diesem hatte er unter anderem an der Vergrößerung der Figurengruppe Buchenwald-Denkmals gearbeitet.

Der 1928 im Erzgebirgsvorland geborene Künstler war Holzschnitzer und Musterzeichner, bevor er in Dresden und Berlin-Weißensee Kunst studierte. An der verkehrsreichen Ecke Breite und Berliner Straße in Pankow kann man seine präzisen Nachbildungen von Bewegungsabläufen kletternder Kinder an einem Tröpfelbrunnen bewundern. Vielerorts in der Stadt hat er markante Skulpturen hinterlassen. Das geht von Berliner Typen im Nikolaiviertel bis zum Denkmal für Clara Zetkin, das seinen Standort vor einigen Jahren im Marzahner Zetkin-Park fand. Auch im Schweriner Raum kann man Werke des Bildhauers finden. Dazu gehören eine Plastik und Reliefs in der Gedenkstätte für den Todesmarsch von Häftlingen aus dem KZ Sachsenhausen.

Eine monumentale Plastik ist der knapp vier Meter hohe Bauarbeiter an der Berliner Karl-Liebknecht-Straße, dem Vorübergehende einst immer wieder die Hand gaben. Vielleicht hat der eine oder andere Leser sogar einen »echten Thieme« zu Haus, denn im Auftrag von Partei- und Staatsführung der DDR schuf er Reliefs von Marx, Engels und Thälmann, die als Auszeichnungen oder Geschenke vergeben wurden.

»Das schlimmste Vorurteil, das wir aus unserer Jugendzeit mitnehmen, ist die Idee vom Ernst des Lebens. Die Kinder haben den ganz richtigen Instinkt: Sie wissen, dass das Leben nicht ernst ist, und behandeln es als Spiel«, lautet eins der vielen Aperçus des jüdischen Wiener Philosophen, Satirikers, Schauspielers und Kritikers Egon Friedell. Als Conférencier im Kabarett umjubelt, schrieb er zeitlose Sketche mit Alfred Polgar, veröffentlichte aber auch die wissenschaftliche »Kulturgeschichte der Neuzeit« in drei Bänden. Wenige Wochen nach seinem 60. Geburtstag nahm sich Friedell am Freitag vor 80 Jahren, als die SA ihn holen wollte, durch einen Sprung aus dem Fenster das Leben. Der von vielen seiner Landsleute begrüßte »Anschluss« Österreichs an das faschistische Deutschland forderte viele Opfer …


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Feuilleton