Aus: Ausgabe vom 12.03.2018, Seite 4 / Inland

Berlin: Erzbistum will Geschichte schleifen

St.-Hedwigs-Kathedrale im Osten der Stadt soll für 60 Millionen Euro umgebaut werden

Von Horsta Krum
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Teurer Umbau mit politischer Stoßrichtung: Die Berliner St.-Hedwigs-Kathedrale soll "neu gestaltet" werden

Denkmalschützer und Fachleute sind über die Entscheidung des Kultursenators Klaus Lederer (Die Linke) und seiner Behörde erschüttert. Am 16. Februar hatte die Senatsverwaltung bekanntgegeben: »Die geplante Um- und Neugestaltung des Innenraums der St.-Hedwigs-Kathedrale ist denkmalrechtlich weitgehend zulässig, weil das denkmalrechtliche Erhaltungsinteresse gegenüber dem kirchlichen Selbstorganisationsrecht zurücktreten muss.« Zuvor hatte u. a. das Landesdenkmalamt sich gegen die vom Erzbistum Berlin geplanten Bauvorhaben ausgesprochen, in- und ausländische Fachleute hatten davor gewarnt, ebenso mit der Bundestagsabgeordneten Gesine Lötzsch und der heutigen Berliner Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher zwei Genossinnen von Lederer. Auch die fundierte Kritik der Initiative »Freunde der St. Hedwigs-Kathedrale« spielte keine Rolle. Die Initiative hatte sich 2015 unter Leitung von Werner J. Kohl gebildet, Architekt und Mitglied der Gemeinde. Immer wieder forderte sie von der kirchlichen Administration Transparenz und eine Einbeziehung der Gemeinde – vergeblich.

Betrieben wurde und wird das Projekt vor allem vom jetzigen Bischof Heiner Koch, seinem Amtsvorgänger Rainer Maria Woelki, beide aus Köln, und der langjährigen Kölner Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner. Kräftig unterstützt werden sie von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), die auch Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken ist.

Die Aufwendungen für die geplanten Umbaumaßnahmen, die vor allem den Innenraum betreffen, hat das Erzbistum mit 60 Millionen Euro veranschlagt. 20 Millionen will es selbst bezahlen, die gleiche Summe sollen andere deutsche Bistümer zusammentragen. Der Rest soll aus Steuergeldern kommen: zwölf Millionen Euro vom Bund und acht Millionen vom Land Berlin. Die »Freunde der St.-Hedwigs-Kathedrale« kritisieren viele bauliche Details einerseits und die enormen Kos­ten andererseits. Eine respektvolle Sanierung würde nach ihrer Berechnung nur etwa sechs Millionen Euro kosten. Sie wenden sich dagegen, dass ein »herausragendes Gesamtkunstwerk der Nachkriegsmoderne, das aus der Kooperation namhafter westdeutscher und ostdeutscher Künstler erwuchs«, »auf Beschluss der derzeitigen Amtsträger in seiner zentralen Konzeption eines Doppelraumes zerstört« werde.

Spätestens hier zeigt sich die politische Dimension der Bistumspläne: Im Zweiten Weltkrieg wurde die Kathedrale weitgehend zerstört. Die Wiedererrichtung des Kuppelbaus im Osten der Stadt war 1963 abgeschlossen. Er erinnert also auch an die DDR, insbesondere der Doppelraum, der die Kapelle zum Bestandteil des eigentlichen Kirchraumes macht. Diese ist zudem ein Ort des Gedenkens an die Opfer der Naziherrschaft, insbesondere an Dompropst Bernhard Lichtenberg, der offen gegen die sogenannte Euthanasie und die Verfolgung der Juden protes­tierte, deshalb inhaftiert wurde und im November 1943 auf dem Transport ins KZ Dachau starb.

Die Grundkonzeption des Doppelraumes soll jetzt zerstört werden. Der geplante Abriss des benachbarten Gemeindehauses, ebenfalls zu DDR-Zeiten gebaut, bestätigt den Eindruck, dass die Entscheidung für den Umbau auch aus politischen Motiven erfolgte – und weniger aus »liturgischen Erfordernissen«, wie das Erzbistum angab. Die Senatsverwaltung hat diese Begründung dennoch akzeptiert. Auf einen Brief zur Sache antwortete mir der Kultursenator, die Entscheidung seiner Behörde sei juristisch unausweichlich. Auch mache sie denkmalerhaltende Maßnahmen zur Auflage. Welche auch immer das sein mögen: Fest steht, dass das Herzstück, nämlich die Konzeption des Doppelraumes, zerstört wird. In der eingangs zitierten Pressemitteilung der Senatsverwaltung wird diese Tatsache als »Verlust einer vollständigen Zeitschicht« bezeichnet, der »tragisch« sei.

Der Bundestag hat den Zwölf-Millionen-Zuschuss für das Vorhaben bereits 2016 beschlossen. Nun steht die Freigabe der vom Land Berlin bereitgestellten Summe an. Die Beträge gehen an ein ohnehin vermögendes Erzbistum, dessen im August 2017 veröffentlichter Geschäftsbericht für das Jahr 2015 ein Gesamtvermögen von 593 Millionen Euro ausweist, wovon 232 Millionen Eigenkapital in Form von Immobilien, Sachwerten und Geld­anlagen sind.

Die Autorin ist Theologin und Mitglied der Partei Die Linke

Mehr Informationen: freunde-hedwigskathedrale.de


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