Aus: Ausgabe vom 03.03.2018, Seite 11 / Feuilleton

Hoffnung und Halt

Achim Bergmann von Trikont ist tot

Von Christof Meueler
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Alle Macht der Basis: Achim Bergmann (1943 - 2018), im Hof von Trikont in München, letzten Frühling

Achim Bergmann, Urgestein der Spontilinken und Gründer der Plattenfirma Trikont starb am Donnerstag im Alter von 74 Jahren. Ein großer starker Typ, der herzlich und sanft sein konnte. Wenn er jemanden gut fand, dann rief er: »Ein super Typ!«, dabei war er selber einer.

Er kam aus Menden im Sauerland und war Mitte der 60er Jahre in München hängengeblieben, als er auf dem Weg in die Schweiz war, um sich den Rheinfall anzusehen. Auch wenn es damals hieß, nirgends seien die Studenten so anarchistisch wie in München, ging es weniger um Politik als um Musik und Kino. Und das große Reden darüber. Die Intensität, mit der das betrieben wurde, schätzte Achim auf 100:1, verglichen mit der von heute.

1969 kam er zum Trikont-Verlag, den Gisela Erler und Herbert Röttgen 1967 gegründet hatten. 1972 erschien die erste Schallplatte: »Wir befreien uns selbst« – bis heute das Motto der Firma. Damals war es die Parole der Spontigruppe Arbeitersache, in der alle Trikontleute drin waren. Sie sangen selbstgemachte Kampflieder im Folkstil, Vorbild waren die Songs der Lotta Continua aus Italien. Und wenn Achim Bergmann am Büchertisch stand, dann spielte er diese Lieder von einem batteriebetriebenen Plattenspieler.

Die Arbeitersache hatte keine Chefs. Als klar war, dass erst mal keine Revolution kommen würde, verschwand sie wie die anderen Spontigruppen in den westdeutschen Großstädten. Bergmann zog 1980 mit Gisela Erler raus aufs Land, in die Hallertau nach Niederbayern, weil er die bayrische Anarchie und Energie gegen die Typen da oben, die »CSU-Maschine« (Carl Amery), besser spüren wollte. Er wollte den Boden merken, auf dem er stand und sich nicht von irgend jemand erzählen lassen, was er davon halten sollte.

Die Spontis hatten das Regionalismus genannt, sich erst über die großen Demos der Anti-AKW-Bewegung gefreut und dann die Kraft der Basis aber auch schnell wieder vergessen, in der Ödnis des Parlamentarismus der Grünen. Ganz anders Achim Bergmann, er suchte stets nach einer Musik, die von unten kommt, unkalkuliert, aber konzentriert. Gegen das »gesichtslose Überall«, auch Mainstream genannt. Deshalb förderte er Ton Steine Scherben, Ringsgwandl, Hans Söllner, Attwenger, Kofelgschroa genauso wie vietnamesische Straßenmusik, Konkani-Songs aus Goa, Zydeco aus Louisiana oder das Gesamtwerk Ton von Karl Valentin.

Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Eva Mair-Holmes, die 1990 in die Firma einstieg, machte er aus dem Trikont, in dem sie Anfang der 80er nicht mehr weiter wussten, eine unglaubliche Firma der »Eigensinnkultur« (Rolling Stone), voller Hoffnung, Zauber, Halt, wie Kofelgschroa in einem Lied sangen.


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