Aus: Ausgabe vom 03.03.2018, Seite 4 / Inland

Shitstorm nach Kritik an Tafel

Debatte um Essener Verein wegen Aufnahmestopp für Migranten

Von Markus Bernhardt
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Nachdem die Essener Tafel Ende vergangener Woche einen Aufnahmestopp für Menschen ohne deutschen Pass bekanntgegeben hat, reißt die öffentliche Debatte um den Verein, der Lebensmittel an Bedürftige verteilt, nicht ab. Obwohl sich vor wenigen Tagen selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) eingemischt und dessen Vorgehen am Montag in einem RTL-Interview kritisiert hatte, gibt es aktuell noch kein Umdenken bei den Verantwortlichen. »Wir lassen uns nicht von der Kanzlerin rügen, denn die aktuelle Entwicklung ist eine Konsequenz ihrer Politik«, sagte der Bundesverbandsvorsitzende der Tafeln, Jochen Brühl, der Neuen Osnabrücker Zeitung (Donnerstagausgabe).

Mit unterschiedlichen Angaben zum Umgang mit nichtdeutschen Hilfebedürftigen machte am Donnerstag auch die Tafel im nordrhein-westfälischen Marl von sich reden. Nachdem es geheißen hatte, dass alleinstehende Migranten keinen Berechtigungsausweis mehr erhielten, erklärte die Marler Tafel am Donnerstag, dass sie derzeit generell keine alleinstehenden Männer aufnehme.

»Was in den Tafeln passiert, ist ein großes Alarmsignal und ein Handlungsauftrag an die Politik«, betonte Katja Kipping, Kovorsitzende der Linkspartei und sozialpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, bereits zu Beginn der Woche. Sie sprach sich für einen »Sozialpakt« aus, der garantiere, dass alle vor Armut geschützt seien, und der die Mittelschichten besserstelle. »Während die Konzerngewinne steigen und die Kassen im Finanzministerium klingeln, sind immer mehr Menschen in Deutschland von Armut bedroht«, kritisierte sie.

Deutliche Worte der Kritik hatte als eine der ersten Organisationen auch das Düsseldorfer Straßenmagazin Fiftyfifty gefunden und die Essener Tafel und deren Vorsitzenden Jörg Sartor scharf attackiert. Sartor verstoße mit seiner Ankündigung »gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz«. Sein Handeln sei »somit nicht nur moralisch verwerflich, sondern auch rechtswidrig«. Zudem sei es »Wasser auf die Mühlen der Rassisten von AfD, Pegida und Co.« Es unterscheide sich in keiner Weise von der »Deutschen Winterhilfe« der extrem rechten Partei »Der III. Weg«, monierte das Straßenmagazin in einer Stellungnahme.

Dass Sartor am Mittwoch von Spiegel online mit den Worten »Wir sind doch keine Unmenschen, keine Kanakenjäger« zitiert wurde, lässt vermuten, dass die Kritik von Fiftyfifty nicht aus der Luft gegriffen ist. Tatsächlich betätigen sich offen neofaschistische Parteien mancherorts in der Hilfe für Wohnungslose, so etwa aktuell Gliederungen der Partei »Die Rechte« in Dortmund.

Den engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Straßenmagazins brachte die Kritik an den Tafel-Verantwortlichen aus Essen einen sogenannten Shitstorm ein. In mehreren E-Mails, die jW vorliegen, wurden sie entweder rassistisch beschimpft oder ihnen sexualisierte Gewalttaten angedroht. »Insbesondere Mitbürger, die selbst schon nur geringste Wertschöpfung für das Deutsche Gemeinwesen erbringen oder gar für unproduktive Tätigkeiten durch die Allgemeinheit finanziert werden, sollten ihre volksschädigenden Aktivitäten mal reflektieren. Es ist dem Deutschen Arbeitnehmer nicht zuzumuten, Teile seines erwirtschafteten Geldes für die hier abgeladenen Bevölkerungsüberschüsse der Restwelt zu verschwenden«, heißt es darin beispielsweise.

Beeindrucken lassen will sich das Fiftyfifty-Team davon jedoch nicht: »Wir bleiben bei unserer Position«, betonte Sozialarbeiterin Julia von Lindern am Freitag im Gespräch mit jW.


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  • Roland Winkler: Arme gegen Arme Der wahre Skandal ist die Existenz von Armenspeisungen über Tafeln. Es ist aber kein geringerer bedrückender Skandal, wenn Armentafeln zu alledem noch genüsslich be- und genutzt werden, um Arme gegen ...
  • Markus Meister: Wenn der »böse Ali« kommt ... Die Armut im Land ist Union, AfD, FDP und deren Wählern scheißegal, solange nicht der »böse Ali« kommt und »Oma Gertrud« angeblich alles »wegfrisst«. Dass »Oma Gertrud« von den Vermögenden, Konzernen,...

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