Aus: Ausgabe vom 15.02.2018, Seite 12 / Thema

Gestrandet im Libanon

Seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs ist mehr als eine Million Menschen in den westlichen Nachbarstaat geflohen. Ein Besuch in einem Flüchtlingslager in der Bekaa-Ebene

Von Freya Fraszczak
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Schätzungsweise 400.000 syrische Flüchtlinge leben heute in der direkt an Syrien angrenzenden libanesischen Bekaa-Ebene. Die Lebensbedingungen in den Lagern sind schlecht – vor allem im ­schneereichen und eisigen Winter (Bar Elias, 7.1.2015)

Ein Krieg lässt Menschen schnell altern. So kommt es mir vor hier im Libanon, wo ich auf unzählige Geflüchtete treffe, die vor den bewaffneten Auseinandersetzungen in Syrien Schutz suchen. Kinder wirken wie Erwachsene und Erwachsene mittleren Alters wie alte Menschen. Auch Sahra, die mit ihren Zwillingen Saida und Abudi seit kurzem in einem der inoffiziellen Flüchtlingslager in der Bekaa-­Ebene wohnt, schätze ich 15 Jahre älter. Als ich sie zum erstenmal sehe, denke ich, sie sei die Großmutter, aber ich irre mich und werde lachend über die Familienverhältnisse aufgeklärt. An diesem Abend ist es schon spät, und wir werden gastlich im Großfamilienzelt empfangen, wo die Schwester von Sahra und 15 weitere Verwandte gemeinsam Tee trinken und reden. Sie machen große Augen und freuen sich über den Besuch aus Deutschland. Nach einigen Minuten werde ich halb scherzhaft gefragt, ob ich einen syrischen Mann heiraten wolle. Wahrscheinlich einen aus der Familie. Ich lehne freundlich ab und sage, ich müsse erst mein Studium beenden, außerdem sei ich doch zu jung. »Zu jung?« Sahras Schwester wirft ein, sie habe gerade ihre 15jährige Tochter verheiratet. Ich staune und antworte, in Deutschland wäre das illegal. Für die Mutter jedoch ist es eine Entlastung, frühe Heirat heißt Verantwortung und Kosten für das Kind abgeben. Ihre Tochter scheint zufrieden, ich denke mir: anderes Land, andere Sitten.

Die Familie Al-Rahman stammt aus Tabka, einer Stadt im Großraum Rakka, der von 2014 bis Ende Oktober 2017 unter der Besatzung des »Islamischen Staates« (IS) stand. Sahra erzählt, zuvor hätten sich der IS, Assads Truppen, die Nusra-Front und andere kleinere Gruppierungen 70 Tage lang einen gegenseitigen Kampf geliefert. Durch die Ausgangssperren sei keiner rein- oder rausgekommen, die Lebensmittelversorgung sei zu einem gefährlichen Unterfangen geworden. »Wenn wir etwas brauchten, mussten wir rausgehen, aber auf den Straßen wurde geschossen.« Vierzig Familienmitglieder habe sie vor allem durch Luftangriffe verloren. Ihre kleine Tochter wurde verletzt, die Narben gehen über beide Oberschenkel, und sie wird ihr Leben lang hinken.

Mit dem IS kam die Dunkelheit

Vor dem Krieg sei alles anders gewesen, aber dann kam der IS und mit ihm die Dunkelheit. Die neuen Machthaber verordneten strikte Vorschriften: Burkas für Frauen und Mädchen ab einem Alter von sieben, lange Bärte für die Männer. Sahra meint, das Stadtbild sei dunkel geworden zu jener Zeit. »Wir Frauen durften nur an einem Tag der Woche in Begleitung unseres Ehemannes oder Bruders zum Einkauf vor die Tür, sonst nicht.« Außerdem hätten sie sich als Frauen nur noch von Ärztinnen behandeln lassen dürfen, wer die Geschlechtertrennung missachtete, riskierte radikale bis tödliche Konsequenzen. Keine farbenfrohe Kleidung, keine Musik, kein traditionelles Shisharauchen, keine Zigaretten, keinen Schulunterricht, um einige der Verbote zu nennen, die Sahra und ihre Familie aus Angst vor brutalen Strafen befolgten. Der Tod war unter diesen Umständen sehr präsent, und sie habe oft an ihren eigenen gedacht. Sie schildert kaltblütige Szenen, wie maskierte IS-Anhänger auf den Straßen willkürlich Männer gefangennahmen, um sie anschließend auf öffentlichen Plätzen hinzurichten. Die Tötungsmittel waren Messer, Gewehre, aber auch Erhängen am Galgen. Das Abschreckungssystem verursachte bei den Einwohnern große Furcht, und niemand wagte es mehr, seine Meinung zu äußern.

Eines Tages kehrt Sahra nach Hause zurück und findet ihren Mann nicht mehr. »Er ist vom IS entführt worden«, anders kann sie sich sein Verschwinden nicht erklären. Ein ganzes Jahr sucht sie nach ihm und fragt sich durch die Stadt, doch niemand weiß oder sagt etwas. »Vielleicht wollten die Menschen mir nicht mitteilen, dass auch er tot ist.« Bis heute weiß sie nicht, was mit ihm geschah. Dann entschließt sie sich, in den Libanon zu fliehen, wo Familienmitglieder auf sie warten. In der Nacht verlässt sie mit ihren zwei kleinen Kindern unbemerkt die Stadt. Sieben Tage zu Fuß, 14 Stunden mit dem Auto, von Ort zu Ort bis zur libanesischen Grenze und dann noch mal sieben Stunden über die Berge, verfolgt von der Furcht, getragen von der Hoffnung auf ein besseres Leben. Das ist nun gerade erst einige Monate her.

Ich frage Sahra, was sie über die Organisation Islamischer Staat denkt. »Er steht für alles, was böse ist.« Diese Menschen, die Kinder schänden, andere erbarmungslos abschlachten und missbrauchen, beschmutzen den Ruf des Islam. Sie seien nicht muslimisch, sondern frauenfeindlich, terroristisch und hochgradig pathologisch, da sind sich alle Familienmitglieder einig. »Wir haben nun weder Heim noch Geld, alles ist zerstört. Meinen Mann haben sie mir auch genommen.« Alles, was sie sich wünscht, ist, dass er zurückkehrt. Die Wahrscheinlichkeit dass dies eintrifft, ist sehr gering. Sahra muss sich anpassen, ihr Schicksal annehmen und weiterleben, so wie alle anderen, die Grausames erlebt haben. Die Wunden heilen nur langsam.

Gestohlene Zukunft

Es ist immer noch sehr warm an diesem Oktobermorgen in der Bekaa-Ebene, einem wunderschönen Stückchen Erde, das den Libanon mit Syrien verbindet. Hier haben seit Beginn des syrischen Konflikts 2011 schätzungsweise 400.000 Syrer Asyl gesucht, die im Verhältnis zu den 350.000 libanesischen Einwohnern inzwischen die Mehrheit bilden.

Die meisten Syrer, die ich auf meiner Reise sehe, wohnen in inoffiziellen Flüchtlingssiedlungen und ohne politischen Flüchtlingsstatus, auf dürrem Land in aneinandergereihten Zelten. Sie leben auf Grundstücken von Libanesen, die davon ganz gut profitieren, denn die Flüchtlinge zahlen Miete, und Mieten sind im Libanon verhältnismäßig hoch. Die Bekaa-Ebene ist die Obst- und Gemüsekammer des Landes. In der vier bis sechsmonatigen Saison verdient ein syrischer Arbeiter circa zehn Dollar pro Tag. Wenn die Männer abwesend oder arbeitsunfähig sind, müssen Kinder und Frauen bei einem Zehn- bis Zwölfstundentag, der weniger als fünf Dollar einbringt, die Zeltmiete einbringen, die bei fünfzig Dollar pro Monat liegt. Viele syrische Eltern sehen also dabei zu, wie ihre Kinder sich durch tägliche Acker- oder Marktarbeit erschöpfen, statt zur Schule zu gehen und ein kindgerechtes Leben zu führen.

»Der Krieg hat die Zukunft unserer Kinder gestohlen!« sagt ein Mann, der uns – eine Gruppe internationaler Freiwilligenhelfer, die hier mit der NGO Salam – Lebanese Association for Development and Communication vor Ort ist – zum Kaffee einlädt. Ich frage die große Tochter, die uns selbstgemachte Kekse serviert, wie alt sie ist. »14«. Seinab ist nur eine von vielen, die frühzeitig die Schule abgebrochen hat, um das Überleben der Familie zu gewährleisten. »Bei uns wäre das unvorstellbar. Du würdest zumindest noch in die Schule gehen oder eine Ausbildung machen!« werfe ich empört ein. Ihr Vater will wissen, woher wir kommen. »Deutschland«, sage ich, und wie jedesmal erhellen sich die Gesichter meiner Gesprächspartner bei dieser Antwort. »Gerrmany, I love Gerrmany! Verry, verry good! I wanna go Gerrmany.« Es ist immer der gleiche, hochenthusiastische Ton. Kurze Zeit später holt der Herr des Zeltes sein Handy raus und reicht es mir: Ich soll mit einem Verwandten in Deutschland telefonieren. Der junge Mann ist seit kurzem in der Nähe von Hamburg und spricht sehr gut deutsch. Ich frage ihn, wie es ihm geht. »Es geht«, sagt er, aber in Deutschland sei er viel allein. Seine Familie ist noch in Syrien und im Libanon. Nach dem Gespräch wird es ernst. Der Vater fragt, ob ich seiner Familie bei der Einreise nach Deutschland helfen kann. Eine andere Freiwillige antwortet für mich: »Wir wünschten, wir könnten, aber es liegt nicht in unserer Macht.« Ich frage mich, was an Deutschland so anziehend ist. Das Wetter und die Gastfreundschaft der Menschen bestimmt nicht. Wahrscheinlich der Lebensstandard, die weitgehend kostenlosen oder günstigen Bildungsmöglichkeiten, das Gesundheits- und Sozialsystem und natürlich der deutsche Pass. Wir verabschieden uns und wünschen der Familie alles Gute.

Angehende Analphabeten

Das Oberhaupt der Familie, das wir an jenem Morgen kennenlernen, redet nicht über eine Weiterreise nach Europa. Hussein will nur zurück nach Syrien, aber: »Das ist ein Traum. Schade, dass Baschar Al-Assad immer noch an der Macht ist.« Die Kriegsumstände haben ihn 2013 aus seinem Dorf nahe Aleppo vertrieben, die anderen Familien seien ebenso zerstreut, nachdem ihre bescheidenen Häuser zerstört wurden, sagt er traurig. Ich frage ihn, wieso er gegangen sei. »Ich hatte Angst, es war zu gefährlich für uns.« Hussein ist 42 Jahre alt, wirkt aber wie 52. Sein Bauch ist dick, er hat kürzlich erfahren, dass er Magenkrebs hat. Vier seiner fünf Kinder verstecken sich schüchtern hinter der Zeltwand und schubsen sich gegenseitig liebevoll in den Raum, in dem wir uns mit dem Vater unterhalten. Einst waren sie zu sechst, aber Husseins ältester Sohn Hakim erkrankte mit 14 im Libanon an Leukämie. Er hat es nicht durch den letzten Winter geschafft.

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Eine Perspektive haben die Flüchtlinge im Libanon nicht. Viele können von der Arbeit in der ­Landwirtschaft in der Bekaa-Ebene gerade so überleben – Hussein mit seinen Kindern vor dem Zelt der Familie in einem der inoffiziellen Flüchtlingslager

Weil eine Behandlung des Blutkrebses im Libanon finanziell untragbar war, nahmen ­Hussein und Hakim ein Jahr lang alle zehn Tage den mühsamen Weg zu Fuß über die Berge in Richtung Syrien. Da Hakim nicht mehr laufen konnte, musste sein Vater ihn tragen. Im Winter war dies durch Schnee, Wind und Kälte besonders schwer. Der Schleuser verlangte 100 Dollar pro Person, doch die Bemühungen bewahrten Hakim nicht vor dem Tod. Niemand wird das für Hussein tun, was er hoffnungsvoll für seinen Sohn tat. Seine Tage sind gezählt. Wie könnte er 10.000 Dollar für eine Magenoperation herbeizaubern? Die Familie ist seit 2016 beim UNHCR, der UN-Institution für Flüchtlinge und Staatenlose, registriert. Finanzielle Unterstützung erhält sie nicht. Ein Freund sammelt Geld für sie. Die Kinder sind angehende Analphabeten, denn keines von ihnen besucht eine Schule. Ich werfe ein, dass die Schulen umsonst seien. Hussein stimmt zu, aber er kann sich weder Schulessen noch den Transport leisten, sie hätten gerade genug, um zu überleben. Seine Krankheit hat sich verschlechtert, er hat fürchterliche Schmerzen und ist arbeitsunfähig. Die einzige, die Geld verdient, ist seine 33jährige Frau Nassima. Jeden Morgen während der Saison verlässt sie um sechs Uhr mit ihrem einjährigen Sohn die Familie, um auf den Kartoffeläckern zu arbeiten. Nach Einbruch der Dunkelheit kehrt sie mit vier Dollar zurück. Eine meiner libanesischen Freundinnen ist entsetzt: Wieso arbeitet sie nicht als Haushälterin? Sie würde wesentlich mehr verdienen. Hussein reagiert entschlossen: »Das würde unsere Ehre verletzen.« Die arabische Ehre. Wir stellen keine weiteren Fragen dazu.

Der libanesische Präsident Michel Aoun hat Ende September bei einem Staatsbesuch in Frankreich mitgeteilt, syrische Asylsuchende sollten ab sofort in ihre weitgehend stabile und sichere Heimat zurückkehren. »Sicher?« Hussein lacht wie bei einem schlechten Scherz. »Wo sollen wir denn hin? Wir haben doch kein Haus mehr. Alles wurde zerstört. Natürlich wollen wir zurück, wir alle, aber wir haben Angst zu sterben.« Ich wende mich an die Kinder, frage, was sie später werden wollen, und kriege viermal die gleiche Antwort: Lehrerin. Ironie des Schicksals? Für Hussein liegt es in Allahs Händen.

Schutz- und hilflos

Ahmed hat sich für das Interview hübsch gemacht. Er trägt ein rosa, bis obenhin zugeknöpftes Hemd und schicke Schuhe. Der zierliche Mann Mitte zwanzig scheint etwas aufgeregt, später werde ich verstehen, warum. Wir treffen ihn in einem der vielen verrauchten Shisha­cafés, irgendwo zwischen Sahla und Badnajel in der Bekaa-Ebene im Libanon. Shisha rauchen hat hier den gleichen Wert wie das Feierabendbier in Deutschland, aber es ist nicht Feierabend, und Ahmed bestellt lediglich einen Instantkaffee, wie sie ihn hier so gerne trinken. Der junge Syrer stammt aus Deraa, wo er bis zum Alter von 14 Jahren die Schule besuchte und anschließend in einer Shishafirma arbeitete. Kurz nach den ersten Protesten gegen Baschar Al-Assad – Ahmed ist gerade siebzehn – verlässt er Syrien. Seine Mutter schickt ihn über die Grenze »auf sicheres Terrain«, nicht ahnend, welche innere Unsicherheit ihr ältester Sohn dort entwickeln würde.

Ich frage ihn, ob die Proteste friedlich waren. »Friedlich? Nein, es gab Ermordungen durch Soldaten neben unserem Haus, und ich habe Menschen ohne Augen gesehen.« Vor Angst habe er nur noch Elektrizität im Kopf gehabt. Diese Redewendung ist mir unbekannt, aber ich übersetze sie mit Chaos und Ausnahmezustand.

Wäre Ahmed länger in Syrien geblieben, hätte er zur Armee gemusst. Ich lerne auf meiner Reise viele junge Syrer kennen, die aus demselben Grund geflohen sind. Um über die libanesische Grenze zu gelangen, muss er einen Soldaten bestechen, sein neues kleines Zimmer teilt er sich mit 18 anderen syrischen Männern. Einer von ihnen vergewaltigt ihn. Ahmed hat Angst und bewaffnet sich mit einem Messer, doch der Mann vergeht sich weiterhin an ihm, immer dann, wenn sie allein sind. Ich frage, wieso er nicht sofort gegangen sei. Ahmed erwidert, er habe kein Geld gehabt und nicht gewusst wohin, allein und mit einer solchen Geschichte im Hintergrund – das würde seiner Meinung nach niemand tolerieren.

Auf seiner Suche nach einer neuen Bleibe erleidet er erneut Schiffbruch. Eines Abends hält bei stürmischem Wetter ein Auto an: »Willst du nicht reinkommen? Es ist so kalt!« Genau das, was man uns als Kindern immer eingetrichtert hat: Steig nicht in fremde Autos, gehe nie mit fremden Menschen mit! Der Fahrer hat eine Pistole und droht Ahmed, welcher der Situation schutzlos ausgeliefert ist. Wieder wird er missbraucht.

Zwei Monate nach seiner Ankunft im Libanon findet er ein neues Zuhause und wünscht sich, alles werde anders. Er trifft auf einen älteren Mann, der ihm eine Art Vater wird. Erst mal. Zwischen ihnen entwickelt sich ein Verhältnis, und Ahmed meint, er habe zu diesem Zeitpunkt seine Homosexualität akzeptiert. Drei Jahre bleiben sie zusammen, doch irgendwann sehnt er sich zurück zu einer Frau, wie damals, bevor er in den Libanon kam. Er verliebt sich tatsächlich in ein Mädchen, sie heiraten. Er will heterosexuell sein, aber die Leute munkeln, er sei schwul. Die Unzufriedenheit in seiner Beziehung wächst, Ahmed trennt sich erneut.

Wahrheit und »Ehre«

Er will nach Deutschland auswandern und stellt einen Asylantrag. Er weiß, dass man dort seiner Sexualität gegenüber aufgeschlossener ist als im Libanon. Ahmeds Mutter hingegen wünscht sich ein stabiles Eheleben für ihren Sohn und sucht eine passende Frau in Syrien. Er willigt in die Verlobung ein und nimmt einen Job als Kellner an. Trotz ausreichender Erholung wundert er sich, wieso die Müdigkeit ihn permanent begleitet und sein Körper zunehmend mit blauen Flecken versehrt ist. Kurz vor der geplanten Hochzeit dann der Schock: Er ist HIV-positiv. Weiß seine erste Frau davon? Ahmed fängt an zu weinen. Bis zum Ende des Interviews fließen beständig Tränen über sein Gesicht. Ich frage ihn, wieso er es ihr nicht erzählen will, er habe sie sicherlich infiziert. Er gesteht, dass er das nicht kann. In der muslimischen Kultur gehe man nicht so offen damit um. Man würde ihn vielleicht umbringen, seine Familie erniedrigen. Homosexualität sei »haram«, eine Schande, und HIV-positiv zu sein um so mehr. Den Umständen entsprechend, will Ahmed die Hochzeit absagen, doch seine Mutter besteht auf ihr, es ist eine Frage der Familienehre.

Hat die Ehre also einen höheren Stellenwert als die Gesundheit und die Verbreitung sexuell übertragbarer Krankheiten, welche ohne entsprechende medikamentöse Behandlung tödlich sein können? Ich bin entsetzt. Wieso vertraut er seiner jetzigen Frau, mit der er schläft, die Wahrheit nicht an? Er sagt, er habe ­große Angst vor den Konsequenzen. Trotz seines kompetenten Arztes und der Betreuung eines Psychologen ist Ahmed zutiefst erschüttert und zerrissen. Man spürt, wie sehr es ihn schmerzt, diese Geschichte zu erzählen. »Ich bin mehr Schuldiger als Opfer. Ich fühle mich fehlerhaft, weil ich schwul bin.« Viermal habe er versucht, sich mit Medikamenten umzubringen. »Gott will scheinbar nicht, dass du gehst«, sage ich. Ahmed schaut der Zukunft unsicher entgegen. »Ich sterbe. Ganz sicher, der Tod ist ständig neben mir. Wenn ich über die Straße gehe, denke ich, das nächste Auto nimmt mich mit.« Er wünscht sich einen Neuanfang, weit weg vom Libanon, ganz alleine, irgendwo, wo niemand ihn kennt. Eigentlich will er Kinder haben, lernen und seine Familie unterstützen. Er fühlt sich einsam und gefangen in seiner Situation. Ich lege meine Hand auf sein Knie und treffe auf einen tief verzweifelten Blick. Ich hoffe, dass er wieder Freude findet und Gleichgesinnte mit einer ähnlichen Geschichte, vielleicht sogar in Deutschland. Vor allem aber wünsche ich mir, dass sich Menschen mit einem solchen Schicksal geborgen fühlen können – egal wo.

Freya Fraszczak studiert Philosophie und Psychologie. Sie war als internationale Helferin der Beiruter Organisation Salam – Lebanese Association for Development and Communication im Libanon.


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