Aus: Ausgabe vom 15.02.2018, Seite 7 / Ausland

Auf Kollisionskurs

Zusammenstöße zwischen Türkei, Zypern und Griechenland wecken Angst vor neuer Konfrontation

Von Leonie Haenchen, Thessaloniki
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Bohrplattform der italienischen ENI vor der Küste von Larnaka

Den fünften Tag in Folge haben am Mittwoch sechs türkische Kriegsschiffe die Erdölsuche eines italienischen Energieunternehmens vor der Küste Zyperns blockiert. Der Bohrtanker war auf dem Weg zu einem Erkundungsgebiet nahe der südzyprischen Hafenstadt Larnaka. Die international anerkannte Regierung in Nikosia hatte dem Konzern die Genehmigung erteilt. Ankara hingegen sieht in den Erkundungen eine »Missachtung der Rechte türkischer Zyprer auf die natürlichen Ressourcen« des Gebiets, so der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan am Dienstag. Nikosia solle sich vor weiteren »Fehleinschätzungen« hüten, warnte der Staatschef in einer Rede bei einer Versammlung seiner AKP. Die türkische Marine führt seit einer Woche umfassende Manöver vor der Küste der Insel durch.

Zypern ist geteilt, nachdem türkische Truppen 1974 die Nordhälfte der Insel besetzten. Die dort installierte »Türkische Republik Nordzypern« wurde bis heute lediglich von Ankara anerkannt. Verhandlungen über eine Wiedervereinigung scheiterten zuletzt im vergangenen Jahr.

Das griechische Außenministerium in Athen veröffentlichte als Reaktion auf die türkische Seeblockade ein Statement, in dem das »zunehmend provozierende Verhalten« Ankaras und die »Verletzung internationalen Rechts« verurteilt wird. Brüssel hatte sich bereits am Montag eingeschaltet, nachdem die Regierung der Republik Zypern, die seit 2004 EU-Mitglied ist, offiziell Beschwerde eingereicht hatte. EU-Ratspräsident Donald Tusk forderte die Türkei auf, die territoriale Souveränität Zyperns zu achten und die Beziehungen beider Nachbarstaaten nicht zu strapazieren.

Der Streit um die Suche nach fossilen Brennstoffen ist jedoch nur eine weitere Episode im andauernden Machtkampf zwischen Griechenland und der Türkei. Fast täglich liefern sich Militärjets beider Seiten sogenannte Dogfights im Luftraum über den ägäischen Inseln. In der Nacht zum Dienstag rammte ein Schiff der türkischen Küstenwache in der Nähe unbewohnter Felseninseln ein griechisches Patrouillenboot und verursachte Schäden an dessen Heck. Von der Besatzung wurde niemand verletzt. Bereits im Januar war es zu einer ähnlichen Kollision gekommen.

Türkische Medien berichteten nur am Rande über die Konfrontation in der Ägäis. Die Nachrichtenagentur Anadolu meldete unter Berufung auf Erdogan, der Zwischenfall habe »ohne Probleme« gelöst werden können. Der Ort des Zusammenstoßes weckt bei vielen Griechen jedoch düstere Erinnerungen: Ein Konflikt um ein von der griechischen Seite als Imia, von der türkischen als Kardak bezeichnetes Inselpaar hatte 1996 fast zu einer militärischen Auseinandersetzung geführt, als ein türkisches Handelsschiff dort auf Grund lief. Damals reklamierten Ankara und Athen den vier Hektar großen Landfleck für sich, da die einzelnen Felsinseln in dem 1923 unterzeichneten Vertrag von Lausanne nicht eindeutig benannt worden waren. Das von provozierenden Medienberichten auf beiden Seiten befeuerte Säbelrasseln endete mit dem Absturz eines griechischen Militärhelikopters. Letztlich konnte der Konflikt durch das diplomatische Eingreifen der USA entschärft werden.

Nach Einschätzungen der konservativen griechischen Tageszeitung Kathimerini sollten die jüngsten »türkischen Feindseligkeiten« auch vor diesem Hintergrund als »ernstzunehmende Gefahr« für Griechenland gewertet werden. Das angespannte Verhältnis zwischen Washington und Ankara bedeute einen sinkenden Einfluss der Vereinigten Staaten auf Erdogan im Falle einer erneuten Konfrontation. Aufgrund der US-amerikanischen Unterstützung für die Kurden in Syrien hatte der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu bereits mit einem vollständigen Abbruch der Beziehungen gedroht. Laut Kathimerini sollte das für Athen bereits Grund genug sein, eigene »diskrete Maßnahmen« zu ergreifen – eine Rhetorik, die an 1996 erinnert.


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