Aus: Ausgabe vom 15.02.2018, Seite 4 / Inland

Propaganda wirkt

Thinktank präsentiert »Sicherheitsreport 2018« über Ängste der Deutschen

Von Marc Bebenroth
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Für mehr innere Sicherheit: Bundespolizisten mit Schutzwesten und Maschinenpistole patroullieren vorm Kölner Hauptbahnhof (17.11.2010)

Die Gefühlslage der Menschen in Deutschland wird mehr von abstrakten Ängsten als von materiellen Sorgen bestimmt, glaubt man dem »Sicherheitsreport 2018«. Das Papier stellten am Mittwoch Renate Köcher vom Institut für Demoskopie Allensbach und Klaus Schweinsberg von »glh – Centrum für Strategie und höhere Führung« in Berlin vor. Letzteres fungiert als Auftraggeber der seit 2011 durchgeführten Befragung, ist aber auch an Konzeption und Ausführung beteiligt.

Köcher erklärte, »innere Sicherheit« werde immer mehr zum Thema in der Öffentlichkeit, räumte aber ein, dass das Ausmaß der ermittelten Verängstigung unter Bürgern seit 2016 rückläufig sei. Wegen ihrer sozialen Lage seien die Leute schon länger weniger besorgt. Bei Ängsten vor Krieg, Terroranschlägen oder Überwachung durch Unternehmen sei ein Abwärtstrend dagegen erst seit zwei Jahren festzustellen. Grundlage für den Bericht ist eine Mitte Januar durchgeführte repräsentative Umfrage.

Heraus kam unter anderem, dass sich 36 Prozent der Befragten persönlich durch Terroranschläge bedroht fühlten. Jeweils knapp unter 30 Prozent haben Angst, Opfer eines Gewaltverbrechens oder eines Einbruchs zu werden. Immerhin ebenfalls rund ein Drittel fürchtet Einkommensverluste, knapp ein Viertel Einschnitte durch steigende Preise, aber nur 15 Prozent rechnen damit, ihren Job zu verlieren. Mit Blick auf künftige Risiken erwarten mit 77 Prozent die meisten Befragten, dass die Altersarmut in Deutschland zunehmen wird. Ähnlich hoch ist der Anteil derer, die bei Pflegebedürftigkeit im Alter und bei Demenz Verschlechterungen erwarten.

Köcher befand, es gebe eine deutliche Diskrepanz zwischen der Gefühlswelt der Befragten und den statistisch relevanten Gefahren. In Reaktion auf »abstrakte« Bedrohungen werde von der Bevölkerung die Überwachung durch staatliche Stellen sowie die Aufrüstung der Polizei begrüßt. Demgegenüber reagierten die Bürger mit großer Sorge auf die Verwertung von Nutzer- und Kundendaten durch Unternehmen.

Schweinsberg zeigte sich überrascht, dass die USA als zweitgrößte Bedrohung für den Weltfrieden wahrgenommen werden, direkt hinter Nordkorea. Zugleich schenke die Bevölkerung in der Bundesrepublik der NATO zunehmend mehr Vertrauen als den deutschen Streitkräften. Der Staat solle aus Sicht der Mehrheit der Befragten mehr Geld für die Polizei als für die Bundeswehr ausgeben. Dem entspreche, dass die Mehrheit es begrüßt, dass sich die deutschen Ausgaben fürs Militär noch erheblich unter den von der NATO geforderten zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts bewegen.

Als mögliche Gründe für die festgestellten »abstrakten« Ängste nannte Köcher auf jW-Nachfrage die vorliegenden Kriminalstatistiken, den Terrorismus, der »über uns hereingebrochen« sei und die sprunghafte Zunahme der Migration in die BRD Ende 2015, Anfang 2016. Auf die Rolle der Medien beim Schüren von Ängsten ging Köcher nicht ein.

Der bei dem Report federführende Thinktank ist nach eigenen Angaben spezialisiert auf Coaching und Fortbildung von Führungskräften. Der Ökonom und Offizier der Reserve Klaus Schweinsberg ist Gründer des »Centrums«, außerdem laut Webseite persönlicher Berater »namhafter Unternehmer und Top-Manager« sowie Mitglied in »diversen« Aufsichts- und Verwaltungsräten. Zu den »Senior Advisors« gehören mit Wolf-Dieter Langheld und Richard Shireff zwei Vier-Sterne-Generäle a. D. der NATO. Zu den »Kompetenzpartnern« gehören die Führungsakademie der Bundeswehr und die Münchner Sicherheitskonferenz.


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