Aus: Ausgabe vom 12.02.2018, Seite 15 / Politisches Buch

Ausgrenzungsmaschine

Werner Seppmann legt den ersten Band seiner Klassenanalysen vor

Von Arnold Schölzel
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Es herrscht Klassenkampf: Dinner der Delegierten des G-20-Gipfels in der Hamburger Elbphilharmonie (7.7.2017)

Sechs Bände mit Arbeiten von Werner Seppmann zur Klassenanalyse hat der Mangroven-Verlag angekündigt, mit »Kapital und Arbeit« liegt der erste vor. Er enthält, wie der Autor einleitend schreibt, »Momentaufnahmen«, die zwischen 2004 und 2007 als Beiträge des Projekts »Klassenanalyse@BRD« der Marx-Engels-Stiftung veröffentlicht wurden. Sie repräsentierten »das empirische und analytische Fundament weiterer Studien zur Klassenproblematik«, darunter die Bücher »Ausgrenzung und Ausbeutung. Prekarisierung und Klassenfrage« (2013), »Neoliberalismus, Prekarisierung und zivilisatorischer Verfall« (2015) sowie »Die fragmentarisierte Klasse. Strukturveränderungen der Arbeiterklasse« (für 2018 angekündigt).

Mit den Buchtiteln sind die entscheidenden Begriffe und Gegenstände, die im Mittelpunkt auch dieses Bandes stehen, benannt. Der Autor schreibt, selbst wenn die in diesem Band versammelten Texte bereits »historische Bestandsaufnahmen« darstellten, seien sie unverzichtbar, weil es »erst durch eine historisch-analytische Perspektive möglich wird zu begreifen, was die Lohnabhängigen in diesen zwei Jahrzehnten neoliberalistischer Umgestaltungen und einer offensiven Durchsetzung von Kapitalinteressen mit Hilfe der Sozialdemokratie verloren haben«. Das Ausmaß der sozialen und zivilisatorischen Regression, um die es hier geht, dämmert inzwischen selbst Bürgerzeitungen. Die soziale Ungleichheit hat weltweit, aber auch innerhalb der Bundesrepublik derartige Dimensionen angenommen, dass sie auch dort als Gefahr für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Stabilität wahrgenommen wird.

Seppmanns Buch führt zurück in die Zeit der »sozialpolitischen Konterrevolution« durch die Regierung von SPD und Grünen zwischen 1998 und 2005, d. h. vor die Weltwirtschaftskrise von 2008 und das, was sich mit der sogenannten Digitalisierung zur Zeit verbindet. An Aktualität haben seine Analysen wenig verloren, im Gegenteil. Das hängt vor allem mit der objektiven Seite seines Gegenstands zusammen, den er so benennt: »Die Konfliktsituation zwischen Kapital und Arbeit hat seit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts ein neues Gesicht bekommen. Der Klassenwiderspruch ist offensichtlicher geworden.« Allerdings: Die Menschen seien zwar desillusioniert, sähen aber keine Möglichkeit, ihre Situation grundsätzlich zu ändern. Zudem schränkt Seppmann ein: »Eine Vorstellung vom gesellschaftlichen Antagonismus ist noch kein Klassenbewusstsein.« Aus der ökonomischen Struktur und daraus resultierenden Widersprüchen lasse sich »kein automatisches Klassenhandeln ableiten«.

Im zweiten Schwerpunkt, dem Hauptinhalt des Buches, untersucht der Autor, warum das so ist, die subjektive Seite. Vor allem: Was tut die herrschende Klasse, damit alles bleibt, wie es ist? Die Frage danach wird in der akademischen Sozialwissenschaft nur selten gestellt, zumindest hierzulande. Dort werden zumeist die apologetischen Märchen von »Individualisierung« oder »Risikogesellschaft«, also vom Verdampfen der Klassen, erzählt. Seppmann formuliert dagegen als eine Art Forschungsmaxime: »Über die Unterklasse kann mit aufklärendem Effekt nur geredet werden, wenn auch die ›Oberklasse‹, also die Profiteure der ausbeutungsorientierten Umgestaltung der Sozialverhältnisse, immer mit im Blick gehalten werden.« Sein Ziel ist aber nicht eine Soziologie der Mächtigen, sondern die Untersuchung des Mechanismus, den diese nutzen, um das Subjektwerden der heutigen Arbeiterklasse zu verhindern. Das bekannte Zitat des Superspekulanten Warren Buffett ist dem Buch vorangestellt: »Es herrscht Klassenkampf, und meine Klasse gewinnt«.

Das lässt sich quantifizieren. Seppmann führt mehrfach im Buch das gezielt herbeigeführte Absenken der Lohnquote, d. h. des Anteils der Löhne und Gehälter am jährlichen Volkseinkommen, in der Bundesrepublik an. Allein die SPD-Grünen-Regierung, die nach eigenem Bekunden für die »neue Mitte« antrat, sorgte weltrekordverdächtig mit ihrer »Agenda 2010« für eine Reduktion dieses Anteils von neun Prozent, also für Reallohnsenkung und Armut.

Der Autor zeigt, dass dafür ein reaktionärer Gesellschaftsumbau, nicht nur eine Umverteilung von unten nach oben, nötig ist . Hier sind die Stichworte »Spaltung, Fragmentarisierung und Abkoppelung« als »Mechanismen der Kanalisierung gesellschaftlicher Widersprüche« für ihn maßgebend. Sie führen zu einer »Zweidrittelgesellschaft«, aber nicht im Sinne der Erfinder dieses Terminus: Ein Drittel der Bevölkerung lebt heute noch vergleichsweise komfortabel, zwei Drittel sind in Armut oder wachsender »sozialer Gefährdung«. Mit entsprechenden Folgen für die »zivilisatorische Reproduktionsfähigkeit«, sprich: Verrohung und Entsolidarisierung, verbunden mit Entrechtung und »Einschüchterung durch Verunsicherung«. Der Autor fasst zusammen: »Der heutige Kapitalismus funktioniert als Ausgrenzungsmaschine.« Sein Buch, das ein lesenswertes Kapitel über Ostdeutschland als Experimentierfeld für soziale Zerstörung enthält, ist eine Illustration dieses Satzes. Wer wissen will, wo und wie die heutigen Zustände einschließlich Nazirabauken im Parlament ihren Anfang nahmen, sollte es lesen.

Werner Seppmann: Kapital und Arbeit. Klassenanalysen I. Mangroven-Verlag, Kassel 2017, 162 Seiten, 17 Euro

Der Autor stellt sein Buch am morgigen Dienstag um 19 Uhr in der jW-Ladengalerie vor (Torstr. 6, 10119 Berlin)


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