Aus: Ausgabe vom 12.02.2018, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

Nichts verstanden

Zu jW vom 1. Februar: »Silvesterböller statt Lösungen«

(…) Nach der letzten Bundestagswahl haben Politiker von Union und SPD kleinlaut erklärt: »Wir haben verstanden.« Fakt ist, dass sie gar nichts verstanden haben (…). So soll die Mütterrente erweitert werden. Müttern, die ihre Kinder vor 1992 bekommen haben, soll künftig auch das dritte Erziehungsjahr angerechnet werden. Laut Sondierungsvereinbarung soll das aber nur für Mütter gelten, die drei und mehr Kinder vor 1992 zur Welt brachten. Ganz offensichtlich sind Mütter, die weniger als drei Kinder geboren haben, weniger wert als solche, die drei und mehr Kinder geboren haben. Es gibt also in Deutschland nach dem Verständnis der Politiker Mütter 1. Klasse und Mütter 2. Klasse. Das ist nur noch menschenverachtend und diskriminierend. Haben Politiker eigentlich keine Mütter? Wurden sie alle vom Klapperstorch gebracht? Zum besseren Verständnis für alle Politiker: Jede Mutter, die ein Kind gebärt, bringt einen künftigen Beitragszahler zur Welt, der später auch die überdimensionierten Diäten von Politikern mitfinanziert. Und jede Mutter ist gleich viel wert! Wann kapieren unsere Politiker endlich, dass Mütter Menschen sind und keine Gebärmaschinen, die je nach Produktivität beurteilt werden? (…)

Andrea Müller, Suhl

Wiener Revanchismus

Zu jW vom 1. Februar: »Wien will mitregieren«

Ja, eindeutig – diese Idee, die Südtiroler mit österreichischen Pässen zu versehen, hat eine revanchistische Seite. Doch wäre 1918/19 das Selbstbestimmungsrecht der Völker berücksichtigt worden, das Woodrow Wilson als US-Präsident so oft im Munde führte, wäre der damals rein deutschsprachige Nordteil von Trentino/Alto Adige Teil des österreichischen Bundeslandes Tirol geblieben. (Trentino selbst ist eine ganz andere Sache.) Heute gibt es einerseits eine besonders unter Mussolini geförderte italienische Ansiedlung von Menschen, deren Rechte nun ebensoviel wiegen wie die der vormaligen »Einheimischen« in Südtirol, andererseits eine weitgehende Autonomie. Damit leben die Menschen, dabei sollte man es belassen. Zweisprachig aufzuwachsen fördert sogar die mentale Entwicklung, also die intellektuellen Fähigkeiten. Aber die extreme Rechte hat, da sie sozial nichts anzubieten hat, auch in Österreich vor allem den jederzeit aufputschbaren Revanchismus auf der Agenda. (Dass die AfDler hierzulande weiter bei solchen Themen »brav bleiben«, ist deshalb zu bezweifeln!)

Volker Wirth, Berlin

Gestörte Idylle

Zu jW vom 2. Februar: »Massaker am Rio Tinto«

Danke für diese Themenseite, wird doch hier veranschaulicht, wie eng der Zusammenhang von sozialen Konflikten und Umweltzerstörung sein kann – auch schon vor 130 Jahren. In derselben andalusischen Region kam es 1998 zu einer schlimmen Umweltkatastrophe, als der Damm eines Beckens für giftigen Klärschlamm brach. Der Schlamm enthielt unter anderem Quecksilber, Blei und Kupfer aus einer Mine in Aznalcóllar des in Schweden ansässigen Konzerns »Boliden«. Diese schwarze Brühe ergoss sich bis an den Rand des Nationalparks Donana (ca. 100 Kilometer entfernt) in der Nähe der Mündung des Guadalquivir am Atlantik und verseuchte Teile der von Landwirtschaft und Fischfang geprägten Region langfristig. Die daraus resultierenden Existenznöte beunruhigten die dortige Bevölkerung stark, fanden jedoch in den zentralen spanischen Medien kaum Resonanz, irgendwelche Warnungen gab es nicht – wie ich es während meiner dortigen Anwesenheit kurz nach dieser Katastrophe erleben konnte. Die andalusische Idylle wurde noch durch einen weiteren Fakt erheblich gestört. Vom US-Stützpunkt Rota stiegen Militärmaschinen in Richtung Jugoslawien auf, es wurde soviel Militärpersonal herangeschafft, dass dieses in Hotelanlagen untergebracht wurde und in voller Montur an den Pools lümmelte und gaffte.

Nachdem in 20 Jahren viel für die Beseitigung der Schäden getan wurde, denkt man an die Wiederaufnahme des Bergbaus u. a. wegen der starken Nachfrage nach bestimmten Metallen. Die Meinung vor Ort ist gespalten. Wegen der hohen Arbeitslosigkeit gibt es durchaus viele Befürworter, die glauben, dass sich eine solche Katastrophe nicht wiederholen kann. (…)

Jürgen Claußner, Berlin-Hellersdorf

Die größte Gefahr

Zu jW vom 5. Februar: »Großdemo: ­Mazedonien ist griechisch«

Für mich gehört die Autobiographie von Mikis Theodorakis, »Die Wege des Erzengels«, immer noch zu den Büchern, die mich bis heute am meisten berührt haben. Nach der Teilnahme von Theodorakis an der nationalistischen Mazedonien-Kundgebung am Sonntag in Athen als Hauptredner bleiben eine große Enttäuschung und Fassungslosigkeit zurück. (...) Der größte Hammerschlag: »Der schlimmste Faschismus war schon immer der linksgerichtete Faschismus.« Die Rede von Mikis Theodorakis (…) drückt den aktuellen Diskurs des kirchlich-rechten progriechisch-mazedonischen Blocks aus. Die nationale Massenhypnose, orchestriert durch Medien, Kirche und Teile der Politik im Zusammenspiel mit reaktionären Kräften, bleibt weiterhin die eigentliche politische Gefahr, der alle, die sich für eine solidarische Gesellschaft einsetzen, gegenüberstehen. (…)

Clemens Glismann, per E-Mail

Komplexer Wirrwarr

Zu jW vom 7. Februar: »Komplexer Punktsieg«

Von wegen komplexer Punktsieg – klarer Erfolg mit marginalen Abstrichen für die sogenannten Arbeitgeber! Das wäre die bessere Schlagzeile gewesen. Wer soll diesen »komplexen« Wirrwarr denn überprüfen und durchsetzen? Der durchschnittliche Arbeiter wahrscheinlich nicht. Die Vertreter der Kapitalseite sind laut deren eigenen Aussagen jedenfalls hochzufrieden. Warum auch nicht. Die angeblichen Zugeständnisse an die IG Metall lassen sich im wesentlichen ja alle entkräften. Dass Gewerkschaftsfunktionäre einen solchen Abschluss feiern, das ist leider nichts Neues.

Horst Rolle, per E-Mail

Die nationale Massenhypnose bleibt weiterhin die eigentliche politische Gefahr, der alle, die sich für eine solidarische Gesellschaft einsetzen, gegenüberstehen.

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