Aus: Ausgabe vom 12.02.2018, Seite 10 / Feuilleton

Esst mehr Kartoffeln!

Gibt es gute Manipulation? Eine Studie über Beeinflussung scheitert an einem wichtigen Problem

Von Detlef Kannapin
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Alles, nur nicht unabhängig: Facebook ist ein Paradebeispiel für Manipulation im digitalen Zeitalter

Es gibt Bücher, deren Themenstellung und ihre akademische Verarbeitung höchste Verwirrung stiften. So die Abhandlung des Basler Wissenschaftlers Alexander Fischer zum Problem der Manipulation in theoretischer und ethischer Hinsicht. Der Autor fragt sich zwar zu Recht, wieso der Begriff der Manipulation in der neueren Sozialtheorie so selten auftaucht, kommt aber selbst nicht zu der höchst naheliegenden Antwort, dass Manipulation zur Aufrechterhaltung der bürgerlichen Herrschaft essentiell und die Institution Universität Teil davon ist. Zudem scheint ihm kaum aufzufallen, dass Manipulation den meisten Menschen gar nicht mehr aufzufallen scheint, womit ihre Wirkungsmacht bereits beschrieben ist. Statt dessen bietet er eine neutralisierte Definition seines Gegenstandes an. Dabei hebt er Faktoren hervor, die Menschen affektiv beeinflussen, während sie scheinbar noch freie Wahl haben. Das ist alles nicht falsch, führt aber vom eigentlichen Problem weg, aus welchen Interessen öffentliche Kommunikationsprozesse im Kapitalismus wie gesteuert werden und ­warum sie ohne Manipulation schlechthin undenkbar geworden sind.

Man kann Fischer in seiner Argumentation durchaus folgen, wenn er beispielsweise ausführt, dass Individuen in der Regel selten komplett rational agieren, sondern auch emotional und irrational handeln. Man kann ihm sicher darin zustimmen, dass es komplexe soziale Umstände sind, die Menschen in vielfältigen Formen dazu bringen, Auffassungen anzuhängen oder eben auch nicht. Was jedoch grundsätzlich fehlgeht, ist seine Behauptung, es gebe legitime und illegitime Formen von Manipulation, und es komme darauf an, deren Zwecke und Ziele aus ethischer oder entwicklungspsychologischer Perspektive zu betrachten. Für die notwendige Herrschaftskritik ist das mindestens fahrlässig, wenn nicht bewusst ideologisch, da ja damit suggeriert wird, dass die Beachtung ethischer Regeln wie Respekt oder Transparenz »gute« Manipulationseffekte erzeugt (z. B. in Kampagnen für eine gesunde Lebensführung).

Der Mangel dieser Theoriebildung ist ihre Angst vor den Erkenntnissen kritischer Sozialforschung. Breit rezipiert werden von Fischer Edward L. Bernays und Walter Lippmann, wohingegen die ganze Tradition der kritischen Massenkommunikationsforschung von Paul Lazarsfeld über Harold D. Lasswell und Siegfried Kracauer bis hin zu den aktuellen Manipulationstheorien, z. B. von Georg Seeßlen und Dietmar Dath, vollständig ignoriert wird. Die Frankfurter Schule wird nur in Gestalt eines Aufsatzes von Herbert Marcuse berücksichtigt (und nicht den zur repressiven Toleranz), der gesamte Bereich der sozialistischen Manipulationsforschung aus der UdSSR und der DDR gilt als inexistent, ebenso fehlen Überlegungen zur digitalen Dimension.

Vollends fragwürdig wird Fischers Ansatz ob seiner literarischen Fallbeurteilungen. Als negative Manipulationen betrachtet er den Konflikt Jago – Othello bei Shakespeare sowie die Konstellationen aus George Orwells Roman »1984«, wobei die Beschreibung der ersten Variante eben nicht nur rein individuell, sondern gesellschaftlich übergreifend ist, und die zweite Variante einen willkürlichen Ausnahmezustand behandelt, der nicht die Wirkungsweise von Manipulation, sondern von staatlicher Gewalt darstellt. Als »positive Manipulationen« interpretiert Fischer die Propaganda für den Kartoffelanbau in Preußen und Frankreich im 18. Jahrhundert. Das wiederum ist aus Sicht einer gesellschaftlich verantwortlichen Theorie keine Manipulationen, da die Zwecke und Ziele einer sinnvollen gesellschaftlichen Absicht geschuldet sind und den Erfordernissen der sachlichen Objektivität entsprechen. Anders so bei den heutigen Beeinflussungstechniken: Jede »Tagesschau«-Meldung und jeder Facebook-Algorithmus sprechen einer unabhängigen Informationsleistung Hohn. Dagegen hilft nicht die Aufweichung des Begriffes Manipulation, sondern seine Fundierung als eines der entscheidenden Herrschaftsmittel spätimperialistischer Ausbeutung.

Alexander Fischer: Manipulation. Zur Theorie und Ethik einer Form der Beeinflussung. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2017, 270 Seiten, 18 Euro


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