Aus: Ausgabe vom 12.02.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Australiens neuer Boom

Konkurrenz für China: Down Under setzt weiter auf Bergbauindustrie. Künftig soll Förderung von seltenen Erden aufgenommen werden

Von Thomas Berger
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Klassiker der extraktiven Industrie: Eisenmine des Weltmarktführers BHP Billiton in Port Hedland

Seit dem Goldrausch vor allem im Bundesstaat Victoria in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts und dem parallelen Beginn der Förderung weiterer Mineralien hat sich der Bergbau über rund 140 Jahre zum Rückgrat der australischen Wirtschaft entwickelt. Firmen wie Rio Tinto (gegründet 1873) und BHP Billiton (auf 1885 zurückgehend) sind die Branchenführer weltweit. Rio Tinto brachte es 2016 auf einen Reinerlös von 5,1 Milliarden US-Dollar, BHP Billiton konnte sogar 6,7 Milliarden Dollar einfahren.

Das Geschäft mit Eisenerz, Kohle und Co. brummt. Gerade die Eisenerzförderung war zuletzt überproportional an den gestiegenen Gewinnzahlen beteiligt. Neben dieser traditionellen Förderung, die bei den Branchenriesen längst nicht mehr nur aus heimischer Erde, sondern Lagerstätten rund um den Globus kommt, zeichnet sich nun ein neuer Boom in Australien ab. Es geht um die Metalle der sogenannten seltenen Erden, ein Oberbegriff für 17 Elemente, die vor allem in der Hochtechnologiebranche unerlässlich sind. Die globalen Vorkommen sind begrenzt, noch bis vor kurzem hatte Down Under an der Förderung keinerlei Anteil.

Das ändert sich: Eine erstes Pilotprojekt zur Gewinnung von Seltenerdmetallen auf dem fünften Kontinent ist im vergangenen April im Bundesstaat Westaustralien gestartet worden. In Halls Creek unweit der Grenze zum benachbarten Northern Territory will der Konzern Northern Minerals vor allem Dysprosium fördern – einen Stoff, der bei der Herstellung von Magneten für Elektrofahrzeuge zum Einsatz kommt und dessen Bedeutung mit dem globalen Aufschwung in Sachen E-Mobilität von einzelnen europäischen Ländern über Vorreiter China bis nach Indien weiter zunehmen dürfte. Etwa elf Monate werde die Einrichtung der Förderstätte dauern, hatte es von seiten der Firmenleitung beim Startschuss geheißen. Produktionsbeginn dürfte somit Mitte 2018 sein. Von Investitionen in Höhe von 56 Millionen Australischen Dollar (AUD; gut 35 Millionen Euro) in der ersten Phase ist die Rede, die Anlage ist zunächst auf drei Jahre Betriebszeit konzipiert. Danach werde eine Ausweitung der Gewinnung geprüft. Im Blick ist mittelfristig eine Mine, die Arbeitsplätze für 350 Beschäftigte bietet. Darauf stützen sich viele Hoffnungen in der strukturschwachen Gegend mit hohem Anteil indigener Bevölkerung (Aborigines).

Etwa die gleiche Größenordnung an Jobs bietet ein Projekt im Northern Territority, für das die regionale Umweltbehörde EPA jetzt unter Auflagen grünes Licht gegeben hat. Bei Aileron, 135 Kilometer nördlich von Alice Springs im »heißen Herzen« der australischen Landmasse gelegen, soll eine Mine entstehen, deren Investitionssumme mit 900 Millionen AUD (586 Millionen Euro) veranschlagt ist. Bis zu 300 Mitarbeiter sind dort vorgesehen. Betreiber wird das Unternehmen Arafura Resources, das zwei Jahre lang auf die prinzipielle Unbedenklichkeitsbescheinigung durch die Umweltbehörde warten musste.

Ein genereller Freibrief sei das allerdings nicht, machte EPA-Chef Paul Vogel zuvor deutlich. »Die Mine wird über mehrere Generationen in Betrieb sein. Und hinsichtlich der strengen behördlichen Überwachung aller Prozesse sollte es keine Zweideutigkeit geben«, wurde der Behördenleiter vom Fernsehsender ABC zitiert. Man habe die Regierung bereits darauf hingewiesen, dass sein Team und später auch die Nachfolger ständig mit den aktuellsten Informationen versorgt sein müssten, um bei sich abzeichnenden Problemen rechtzeitig intervenieren zu können. Auflagen gibt es hinsichtlich der Zwischenlagerung schwach radioaktiven Materials oder der benötigten Wassermenge, die auf 2,7 Gigaliter pro Jahr geschätzt wird. Ob durch eine solche Entnahme die Grundwasserreserven in der notorisch trockenen Kernregion Australiens Gefahr laufen, dauerhaft zu versiegen, wird erst die Zukunft zeigen. Laut Vogel sind solche Bedenken auf lange Sicht nicht völlig ausgeräumt. Die strenge Überwachung solle aber sichern, weit vor einem »Point of no return« die Bremse ziehen zu können. Und wenn das lokale Vorkommen an den Seltenerdmetallen Neodym und Praseodym in voraussichtlich 35 bis 55 Jahren erschöpft sein wird, sollen bei Minenschließung ebenfalls engmaschig kontrolliert Rückbauten nach modernsten Erkenntnissen erfolgen, heißt es behördenseitig.

Praseodym wird in hochfesten Legierungen mit Magnesium unter anderem für Flugzeugmotoren verwendet, Neodym kommt in Verbindungen mit Eisen und Bor vor allem bei der Herstellung von Starkmagneten zum Einsatz, die sich in Kernspintomographen und Windkraftanlagen ebenso finden wie in Elektrofahrzeugen. 56 Millionen Tonnen dieser seltenen Erden sollen bei Aileron im Boden liegen. Und Australien macht sich mit der künftigen Mine dort sowie dem demnächst laufenden Förderbetrieb bei Halls Creek Hoffnungen darauf, den bei diesen Bodenschätzen bisher in einer Monopolstellung befindlichen Chinesen Konkurrenz machen zu können. Nicht nur bei Northern Minerals träumt man deshalb davon, keineswegs nur die Rohstoffe auszuführen, sondern im Land selbst eine weiterverarbeitende Industrie aufzubauen. Dies würde nämlich, frohlockte Firmenvertreter George Bauk beim Start des Pilotprojekts in Halls Creek gegenüber ABC, nicht nur ein paar hundert, sondern bis zu einer Million Menschen Arbeit versprechen.


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