Aus: Ausgabe vom 12.02.2018, Seite 8 / Inland

»Die Politik tut so gut wie nichts«

Seit Jahren steigt die Zahl der Drogentoten in Deutschland. Präventionsmaßnahmen bleiben aus. Ein Gespräch mit Urs Köthner

Interview: Kristian Stemmler
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Besser so: Im Drogenkonsumraum der Kontakt- und Beratungsstelle Drob Inn liegen saubere Utensilien für den Konsum von Drogen (Hamburg, 18. Juli 2017)

Erste Meldungen des Jahres über die Zahl von Drogentoten lassen einen erneuten Anstieg im Jahr 2017 befürchten. Müsste die Politik hier nicht langsam mal neue Methoden ausprobieren?

Natürlich. Seit 2012 steigen die Zahlen kontinuierlich an, aber die Politik tut so gut wie nichts. Und das, obwohl erprobte Präventionsmaßnahmen von Fachleuten seit Jahren gefordert werden. Beispiele dazu: Warum gibt es nur in sechs Bundesländern Drogenkonsumräume, obwohl diese Drogenkonsum sicherer machen? Die meisten Drogentodesfälle stehen im Zusammenhang mit Vergiftungen durch Opioide und geschehen im häuslichen Umfeld in Anwesenheit anderer Personen. Hier könnten Naloxon – ein wirksames Gegenmittel bei Überdosierungen – helfen und Drogennotfalltrainings für Opioidkonsumenten und ihre Angehörigen. Es gibt zwar vereinzelte Modellprojekte in Bayern, NRW und im Saarland, sonst hört man dazu aber nichts.

EU-Kommissar Dimitris Avramopoulos warnte schon Mitte 2017 vor »vielen neuen und gefährlichen Drogen«, womit er hochpotente synthetische Substanzen meinte.

Der Trend zu immer neuen psychoaktiven Stoffen – auch »Legal Highs« oder »neue psychoaktive Substanzen« genannt, abgekürzt NPS – ist eine Konsequenz aus dem Verbot der gängigen Drogen. Findige Dealende und Produzierende versuchen immer wieder das Betäubungsmittelrecht auszutricksen. Damit handeln wir uns die Verbreitung von unkalkulierbaren Substanzen ein, von denen wir wenig wissen, insbesondere was Langzeitwirkungen angeht. Interessanterweise ist die Verbreitung von NPS dort besonders hoch, wo das Drogenverbot besonders repressiv durchgesetzt wird, so in Bayern.

Ein besonderes Problem sind offenbar Fentanyle, die eigentlich als Schmerzmittel bei Narkosen eingesetzt werden. Wie gefährlich sind die?

Fentanyle zählen, genau wie Heroin, zu den Opiatderivaten. Sie sind um ein Vielfaches potenter als Heroin. Die Verbreitung ist dort auffällig, wo das Drogenverbot besonders repressiv durchgesetzt wird, wo es also zu Engpässen auf dem Heroinmarkt kommt und die Gefahr der Strafverfolgung hoch ist. Fentanyl ist dann ein probates Ausweichmittel, da es sich hier um ein zugelassenes Schmerzmedikament handelt, welches in der Szene vor allem über gebrauchte Pflaster mit Fentanylresten aus Kliniken auftaucht. Ein zunehmender Schwarzmarkt. Da die genaue Konzentration in der Regel unbekannt ist, ist die Überdosierungsgefahr besonders hoch. Hinzu kommen Vertriebswege über das Dark­net.

Diese Substanzen werden nach Medienberichten in Labors zum Beispiel in China »designt« und produziert. Wieso machen sich Chemiker die Mühe, immer neue Substanzen zu mixen?

Das Risiko der Strafverfolgung ist minimiert, da durch kleinste Veränderungen der Moleküle aus einer illegalen Substanz ein legaler Verwandter wird, der noch nicht über das Betäubungsmittelgesetz erfasst wird, also erst mal legal vertrieben und beworben werden kann, zum Beispiel sogenannte Badesalze.

Die USA sind Europa, was illegalisierte Drogen angeht, ja voraus. Im Herbst berichtete der Spiegel, der Missbrauch von Heroin, Fentanylen und ähnlichen Substanzen habe dort epidemische Ausmaße angenommen. Schuld daran ist auch ein Schmerzmittel namens Oxycontin, das von der Pharmaindustrie in den Markt gedrückt wurde ...

Wenn nun, wie in Amerika passiert, ein Pharmaunternehmen ein opioidhaltiges Schmerzmittel auf den Markt bringt und aggressiv damit bewirbt, dass es nicht abhängig machen würde, ist es nicht verwunderlich, dass es inflationär verschrieben wird. Wenn dann diese Verschreibungspraxis wieder eingeschränkt wird, sind es die Patienten, die auf der Strecke bleiben. Sie sind abhängig geworden, haben aber keinen legalen Zugang mehr. Das ist dann die neue Generation von Heroinabhängigen. Es ist kein neues Phänomen, dass aus einer legalen medikamentösen Behandlung eine Abhängigkeit entsteht. Die epidemischen Ausmaße, die sich gerade in Amerika zeigen, sind ein deutlicher Hinweis auf das skrupellose Profitstreben der Produzenten, hier der Pharmaindustrie.

Urs Köthner ist Geschäftsführer von Freiraum Hamburg e. V., einem Verein für akzeptierende Drogenarbeit, und aktiv im Bundesvorstand von Akzept e. V.


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