Aus: Ausgabe vom 10.02.2018, Seite 11 / Feuilleton

Dritte Chancen

Ein leiser Roman über einen Bauleiter, den Fußball und das Glück

Von Frank Willmann
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Architekt Michael Schürtz kehrt für einen Auftrag als Bauleiter in seine Heimatstadt in der niedersächsischen Provinz zurück. In das »Kaff«, den Ort seiner Kindheit und Jugend, der halbbitteren Erinnerungen und lebensbestimmenden Entscheidungen. Eigentlich wollte er nie wieder zurück in das »Kaff«, trotz seiner beiden dort lebenden Geschwister.

Schürtz lebt natürlich in Berlin, doch dort läuft es jobmäßig gerade nicht so gut. Er ist mit den Jahren etwas schrullig geworden, aber das sind viele andere Großstädter auch. Er fällt nicht auf beim täglichen Ball der einsamen Herzen. Ein unscheinbarer Herr Niemand mit einem Sack verlorener Träume.

Nun also zurück in der norddeutschen Tiefebene. Nach ganz unten, sozusagen. Er hätte auch einen anderen Auftrag annehmen können, hat er aber nicht. Die Rückkehr fühlt sich für ihn wie eine Niederlage an. Weil er einst auszog, die Welt zu erobern, was ihm nicht gelang. Weil er seine Familie hinter sich lassen wollte, das Zerwürfnis mit der Mutter, was ihm ebenfalls nicht gelang. In gedämpften Tönen zeichnet Jan Böttcher das Dilemma seines traurigen Helden, er nimmt uns Leser behutsam an die Hand und führt uns sanft in die Gedankenwelt seines Protagonisten.

Zufällig begegnet der im Kaff einigen alten Fußballkumpels. Malade Gestalten, doch immerhin haben sie ihren Sport. Nach kurzem Zögern nimmt er den angebotenen Posten eines Jugendtrainers an. Endlich eine Aufgabe.

Dann trifft er Carla, eine alleinstehende Mutter, die in eine der von ihm zu errichtenden Wohnungen zieht. Auf einmal traut sich Schürtz, Dinge zu tun, die ihm vorher nicht in den Sinn gekommen wären. Er wird immer lebendiger, und lernt seiner Schwester zuzuhören, der er anfangs tunlichst auswich. Der Fußball und Carla richten ihn auf, er vergisst seine selbstgewählte Abgrenzung und tobt mit seinen Spielern über die Dörfer.

Eine leise erzählte, leicht dramatische Familiengeschichte, eine Story von zweiten, oder dritten Chancen. Ein feiner Roman über die Möglichkeit, Lebenslast abzutragen.

Jan Böttcher: Das Kaff. Aufbau-Verlag, Berlin 2018, 269 Seiten, 20 Euro
Der Band erscheint am 9. März 2018.


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