Aus: Ausgabe vom 09.02.2018, Seite 11 / Feuilleton

Gegen die bekannten Fehler

Alexander Krohns Buch »Ohrstäbchen in der Kathedrale«

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Der Ostberliner Alexander Krohn ist einer dieser Subkultur-Selfmade-Men, die um so wichtiger werden, je weniger wichtig sie tun. Im Zigarettenraucher-Milieu der angetrunkenen Pathetiker, Unkorrekten, Selbsterhöher (und deshalb auch Selbstbemitleider) ist er eine äußerst rare Erscheinung.

Krohn hat in interessanten Rockbands gespielt, in angenehmen Bars gearbeitet, den coolen Verlag Distillery (anfangs als Plattenlabel) gegründet, ebenso das ursprünglich ästhetisch revolutionär konzipierte Magazin Floppy myriapoda. Und er hat viel gedichtet und dabei stets im guten maoistisch-anarchistischen Sinne auf die eigene poetische Kraft vertraut. Das ist seine Form von trockenem Humor.

Unter dem Titel »Ohrstäbchen in der Kathedrale« hat Krohn nun Geistesblitze, Kürzest-Untersuchungen und Sentenzen herausgebracht, nicht in Blogform im alles versendenden Internet, sondern mit der schönen Liebe zur Old School in Buchform, illustriert mit Kinder-Kalligraphien von Hanka Schalinski.

Beim Heizen des Kohleofens erinnert sich da Krohn an die Vertreter des Proletariats aus seiner Jugend, »die dann recht fix, mit meinem Land, verschwanden« (»Ein Rest, ein Ruß, ein Gruß«), an Kaffee, der nach angebrannter Milch schmeckte oder an das Treten in Glasscherben nach dem Schwimmen, die er vorher zur Seite getan hatte, um sie später zu entsorgen. Gut ist auch das hier: »Die Idee der Moderne, die Bühne abzuschaffen oder einzuebnen, um mit Zuschauern auf gleicher Höhe zu sein, war keine gute. Die Bühne ist ein Bollwerk gegen die Realität, eine Erhebung gegen das Bestehende. Wer da raufklettert, wendet sich im besten Falle gegen das, was ist, gegen die bekannten Fehler. Er ist aufgeregt, da er die neuen noch nicht kennen kann.« (cm)

Alexander Krohn: Ohrstäbchen in der Kathedrale. Moloko-Print, Berlin 2017, 163 S., 20 Euro


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