Aus: Ausgabe vom 09.02.2018, Seite 11 / Feuilleton

»Nicht irre machen lassen«

Braucht man vor dem Tod keine Angst mehr zu haben? Über »(Alb-)Träume vom ewigen Leben«. Ein Gespräch mit Konrad Lotter

Von Reinhard Jellen
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Den Tod bannen: Eine verkleidete Frau bei den Feierlichkeiten zum »Tag der Toten« in Sao Paulo, Brasilien, Oktober 2017

In Ihrem Buch über die »(Alb-)Träume vom ewigen Leben« behandeln Sie zum Schluss das technologische Versprechen der Unsterblichkeit. Innerhalb der Biologie hat sich die Biogerontologie die »Abschaffung des Todes« zum Ziel gesetzt, der Transhumanismus aus dem Silicon Valley hat bereits einen Fahrplan zur Unsterblichkeit entworfen. Kann man das überhaupt ernst nehmen?

Der Traum von einer Welt, in der nicht nur der Hunger und das Unrecht, sondern auch Krankheiten, der Prozess des Alterns und der Tod besiegt sind, ist einer der ältesten Träume der Menschheit. Ich habe diesen Traum in seinen vielfältigen Formen dargestellt, das heißt auch, wie er sich im Laufe seiner Entwicklung von den Mythen, Religionen und Märchen zur Philosophie und Utopie verlagert hat. Inzwischen wird er auch von der Wissenschaft und der Technologie geträumt. Tatsächlich ist die Lebenserwartung im Laufe der Geschichte erheblich gestiegen. Verlängert man die statistischen Zuwachsraten des vergangenen Jahrhunderts in die Zukunft, so steigt die Lebenserwartung von Neugeborenen in jedem Jahr um etwa vier Monate. Selbst wenn man annimmt, dass der Prozess der Lebensverlängerung kontinuierlich so weitergeht, wäre es bis zur »Unsterblichkeit« noch ein weiter Weg. Man darf sich von den Propagandisten der Biogerontologen und Transhumanisten, denen es um Publizität, Sponsoren und finanzielle Zuwendungen zu tun ist, nicht irre machen lassen. Das »ewige Leben« im geschichtlichen Diesseits bleibt eine Utopie, auch wenn Ray Kurzweil und andere verkünden, die erste Generation der Unsterblichen sei schon unter den Jetzt-Lebenden anzutreffen.

Auf welchem Weg sollte denn nach den Vorstellungen der IT-Industrie und ihrer Lobbyisten das Leben der Menschen immer weiter verlängert und schließlich gegen den Tod immunisiert werden?

Diese Vorstellungen gehen weit auseinander. Technikfreaks denken zuerst an Cyborgs, das heißt an Hybridwesen aus Mensch und Maschine. IT-Spezialisten forschen nach Schnittstellen zwischen Gehirn und Computer, so dass Gedanken, Erinnerungen, Lebenserfahrungen etc. gescannt und abgespeichert werden könnten, der körperliche Mensch zu einem unsterblichen virtuellen Wesen mutierte. Nanotechnologen träumen von »Nanobots«, die in den Blutkreislauf eingeführt werden, krankhafte Abweichungen diagnostizieren und gleich an Ort und Stelle reparieren. Gentechniker setzen ihre Hoffnungen auf Stammzellen, aus denen eine Art Ersatzteillager gezüchtet werden könnte, um abgenutzte Organe auszutauschen. Am kuriosesten erscheinen mir die Kryoniker, die die Menschen so lange einfrieren wollen, bis die Medizin in der Lage ist, ihnen ein ewiges Leben zu verschaffen.

Ginge es nicht einfacher: eine Verlängerung des Lebens durch richtige Ernährung, saubere Luft, körperliche Bewegung oder anregende Geselligkeit?

Der Prozess des Alterns wurde im Laufe der Geschichte auf verschiedene Weise erklärt: von Aristoteles etwa als Prozess des langsamen Austrocknens und Erkaltens, von Christoph Wilhem Wilhelm Hufeland als Verlust der Lebenskraft etc. Aus diesen Erklärungen wurden dann Ratschläge und Rezepte abgeleitet, die das Leben verlängern sollten. Aber mit »Unsterblichkeit« hat das noch nichts zu tun. Diese kommt erst in den Blick, nachdem man angefangen hat, die Lebensvorgänge naturwissenschaftlich, als chemische oder biologische Prozesse zu begreifen.

Die Utopie vom »ewigen Leben« bleibt eine technizistische Utopie?

Tatsächlich liegen den meisten der gegenwärtigen Utopien ganz krude, vulgärmaterialistische Menschenbilder zugrunde. Immer wieder wird der menschliche Körper mit einem Auto verglichen, das man regelmäßig zur Inspektion bringt, abgenutzte Teile auswechselt und so am Laufen hält. Der Traum vom »ewigen Leben« ist aber auch ein Bestandteil von Sozialutopien, wie bei Francis Bacon, Condorcet und anderen. Zu denken geben muss, dass der Einzug der Naturwissenschaften in die Medizin im Laufe des 19. Jahrhunderts zwar zu kolossalen Fortschritten der Diagnose- und Heilverfahren, aber zu keiner Steigerung der durchschnittlichen Lebenserwartung geführt hat. Diese bleibt in Deutschland zwischen 1780 und 1875 konstant bei 38,4 Jahren. Infolge der Industrialisierung unter den Bedingungen des Hochkapitalismus haben sich die Arbeits- und Lebensverhältnisse so verschlechtert, dass die medizinischen Errungenschaften nur zur Kompensation der Verschlechterung, aber zu keiner Verbesserung geführt haben. Erst mit der Sozialgesetzgebung, die von der damaligen Sozialdemokratie erkämpft wurde, und der staatlich betriebenen »Biopolitik« stieg die Lebenserwartung sprunghaft an, bis 1905 auf 45,7 Jahre und bis 1975 auf 71,3 Jahre.

Wenn schon unter den Bedingungen der sozialen Marktwirtschaft ein solcher Anstieg der Lebenserwartung stattgefunden hat, was wäre dann erst von einer klassenlosen, solidarischen Gesellschaft zu erwarten?

In der Sowjetunion der 1920er Jahre gab es eine Gruppe von Wissenschaftlern und Technikern, die sich »Biokosmisten« nannte und eine »kosmische Revolution« proklamierte, durch die nicht nur der Tod abgeschafft, sondern auch der Weltraum erobert und besiedelt werden sollte. Damit glaubte man, die proletarische Revolution fortsetzen und erst wirklich zu ihrem Ende führen zu können. Die Euphorie über den Aufbruch war groß. Für eine Gesellschaft, die kommunistisch vereint sei und mit vereinter Kraft gemeinsame Ziele verfolge, so war man überzeugt, existierten keine natürlichen Grenzen mehr. Raum und Zeit könnten unter die Verfügungsgewalt des Menschen gebracht werden. Im Gegensatz zu Hegel, Marx oder Lenin sollten die Naturgesetze in der menschlichen Zielsetzung nicht »aufgehoben«, sondern durch diese ausgehebelt und außer Kraft gesetzt werden.

Was ist aus diesen »Biokosmisten« geworden?

Die Lebensspuren vieler Biokosmisten verlieren sich in Stalins Lagern. Ihre Ideen leben, um ihre Sozialutopie verkürzt, im Transhumanismus weiter.

Konrad Lotter: (Alb-)Träume vom ewigen Leben. Das Versprechen der Unsterblichkeit. Tectum-Verlag, Baden-Baden 2017, 323 S., 19,95 Euro

Konrad Lotter, Jahrgang 1947, ist ein Philosoph und Literaturwissenschaftler aus München. Er ist Mitbegründer und Mitherausgeber von Widerspruch – Münchner Zeitschrift für Philosophie


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