Aus: Ausgabe vom 09.02.2018, Seite 8 / Ansichten

Für Kriege der Zukunft

Neues NATO-Hauptquartier

Von Jörg Kronauer
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US-Panzer werden in Bremerhaven entladen (Januar 2017)

Jetzt steht’s fest: Das neue NATO-Hauptquartier, das in Zukunft die Verlegung von NATO-Truppen und -Material in Europa optimieren soll, wird in Deutschland angesiedelt. Berlin hatte sich bereits im vergangenen Jahr intensiv darum bemüht. Mitte kommender Woche sollen nun die NATO-Verteidigungsminister auf ihrer Zusammenkunft in Brüssel dem deutschen Wunsch in aller Form stattgeben. Hauptaufgabe des neuen Planungs- und Führungszentrums wird es sein, einen blitzschnellen Aufmarsch westeuropäischer und nordamerikanischer Streitkräfte im Osten, also in unmittelbarer Nähe zur russischen Grenze, zu ermöglichen. Die Manöver der vergangenen drei Jahre haben gezeigt, dass es dabei noch Probleme gibt. Das soll sich nun ändern – und zwar unter Federführung der Bundeswehr.

Das neue NATO-Hauptquartier wird gleich zu Beginn eine große Aufgabe zu erfüllen haben. Der reibungslosen Verlegung von Truppen nach Osten stehen die unterschiedlichsten Probleme im Weg: Da sind zum Beispiel US-Panzer in Rumänien an zu niedrig gebauten Brücken hängengeblieben. Die Deutsche Bahn hält, wie Frederick »Ben« Hodges, Kommandeur der US-Truppen in Europa, im Herbst monierte, keine ausreichenden Transportkapazitäten bereit. Und will man mit einem einsatzbereiten Panzer eine innereuropäische Grenze überqueren, dann muss man sich das bis heute ganz offiziell genehmigen lassen. Die zivile Welt auf dem Kontinent entspricht den Vorstellungen der Militärs noch nicht. Das soll sich jetzt ändern. Die Anpassung von Infrastruktur und Gesetzgebung Europas an ein militärisches Koordinatensystem steht bevor. Eine zentrale Rolle wird dabei das neue NATO-Hauptquartier spielen: Es plant die Verlegung und führt die Truppen – künftig im Kriegsfall, schon jetzt bei Manövern.

Dabei sollte man sich von der Zuordnung des Hauptquartiers zur NATO nicht irreführen lassen: Es wird nach aktuellem Planungsstand in deutscher Hoheit betrieben und nur bei Bedarf dem Kriegsbündnis unterstellt. Der Bedarf ist auf deutscher Seite zur Zeit vorhanden, soweit es um Russland geht: Seit Moskau im Ukraine-Konflikt den Plänen deutscher Strategen zuwidergehandelt hat, setzt Berlin alles daran, es schroff in die Schranken zu weisen. Dass die Vereinigten Staaten in dieser Frage dasselbe Ziel verfolgen, das macht den neuen kalten Krieg gegen Moskau zu einem einvernehmlichen Bündnisprojekt. Allerdings wird das neue Hauptquartier auch Militäreinsätze außerhalb des NATO-Rahmens planen und führen können – etwa Einsätze einer »Armee der Europäer«, die die künftige Regierung laut ihrem Koalitionsvertrag aufbauen will. Die »Armee der Europäer« dürfte sich dann als nützlich erweisen, wenn Berlin und Washington sich in Kriegsfragen einmal nicht einig sind. Der Streit mit Donald Trump zeigt, dass das jederzeit möglich ist. Das neue Hauptquartier wird die nötige Flexibilität für alle Bündnisoptionen künftiger deutscher Kriege haben.


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