Aus: Ausgabe vom 08.02.2018, Seite 16 / Sport

Schluss mit den Peanuts

Das IOC wird immer reicher, und die meisten Athleten haben nichts davon. Das soll anders werden, fordert ein Berliner Sportwissenschaftler

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Wo ist die Patte? Im Olympischen Dorf wird sie IOC-Präsident Thomas Bach (M) nicht finden – da wohnen die Athleten

Morgen beginnen die XXIII. Olympischen Winterspiele in der südkoreanischen Stadt Pyeongchang, veranstaltet vom IOC, das hierbei als Weltkonzern des Sports fungiert und in klassisch kolonialistischer Manier die Kosten auf Südkorea abgewälzt hat, während es durch den Verkauf von TV- und Marketing-Rechten noch reicher wird. Das Erstaunliche daran ist der fortgesetzte Ausschluss der Atlethen von diesem Geldfluss mit dem Argument, sie wären doch »Amateure«, auch wenn sie sich hochprofessionellen Trainingsmethoden aussetzen müssen, die in der Logik der permanenten Selbstoptimierung Doping geradezu voraussetzen, anstatt es – wie allgemein behauptet – zu unterdrücken. Amateurhaft sind höchstens die lächerlichen Beträge, die die Spitzensportler für ihre Anstrengungen als sogenannte Aufwandsentschädigung bekommen.

Der gigantische finanzielle Erfolg der Olympischen Spiele für das IOC basiert also auf einer höchst ungerechten Geldverteilung. Darauf hat der Berliner Linguist und Sportphilosophie-Professor Gunter Gebauer am Mittwoch im Gespräch mit dem sid hingewiesen: »Die Athleten werden mit geringen Summen abgespeist und regelrecht ausgebeutet«. Das IOC verdiene mit den Körpern und Emotionen der Sportler Milliarden, doch die Athleten kriegten Peanuts. Gebauer fordert konsequenterweise für diese nun Millionenprämien. »Wenn die Sportler Models wären, würde die gesamte Athletenschaft bei Olympischen Spielen Milliarden verdienen«, behauptet der 74jährige und bezeichnet die momentane Regelung zwischen IOC und Athleten als »merkwürdig«. Da sei ein »sehr reicher Verband«, der zwar Teile seiner Gewinne wieder abgibt, »aber nur an seine Mitgliedsverbände und nicht an die Athleten«, so Gebauer. In gewisser Weise stellten, so der Sportwissenschaftler, die Sportler die Bilder von sich kostenlos zur Verfügung. Bilder von ihren Körpern, ihrer Aufregung, ihrer Enttäuschung, ihrer Freude. »Und das IOC verkauft dieses indirekt als Fernsehbilder«, meint Gebauer. Allein der Verkauf der TV-Rechte in den USA an NBC für die Zeit von 2012 bis 2032 spülte 7,56 Milliarden US-Dollar in die Kasse des IOC-Konzerns.

Dass das IOC auf Druck des deutschen Kartellamtes den Artikel 40 der Olympischen Charta lockern musste und Athleten in Pyeongchang erstmals werblichen Aktivitäten eingeschränkt gestatten muss, kann für den Wissenschaftler der Freien Universität nur ein erster Schritt sein. Er unterstützt die Haltung von DSV-Alpindirektor Wolfgang Maier, der vor wenigen Wochen Millionenprämien für Athleten gefordert hatte. Ähnlich wie die »Verwertungsgesellschaft Wort« die Urheber von Texten, also Schriftsteller, Journalisten und Wissenschaftler, an der Verbreitung ihrer Schriften über eine Pauschalsumme beteiligt, sollte mit Sportlern verfahren werden: »Das könnte man doch auch für die Bilder von Sportlern einführen«, meint Gebauer. Die ungerechte Verteilung der Milliardeneinnahmen sei aber nicht der einzige Grund für das zunehmend negative Image der Olympischen Bewegung: »Die vielen Korruptionsfälle in Zusammenhang mit der Vergabe der Spiele sorgen für reichlich Unmut. Auch das selbstherrliche Auftreten des IOC hat eine abschreckende Wirkung«. (sid/jW)


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