Aus: Ausgabe vom 08.02.2018, Seite 12 / Thema

Der sozialistische Tiger

Vietnam entwickelt sich wirtschaftlich rasant – ein großes Problem ist und bleibt aber die Korruption

Von Hellmut Kapfenberger
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Vor sieben Jahren beschloss die Kommunistische Partei Vietnams den Aufbau der »Marktwirtschaft mit sozialistischer Orientierung« – Plakat des XI. Parteitags (Januar 2011, Hanoi)

Die Sozialistische Republik Vietnam hat sich für 2018 zwei zen­trale Aufgaben gesetzt, die höchste Anforderungen an die Führung der unangefochten tonangebenden Kommunistischen Partei Vietnams (KPV) und die Staatsorgane stellen, aber auch enorme Anstrengungen in allen Bereichen des öffentlichen Lebens verlangen. Es ist zum einen die Fortschreibung des komplizierten, mit mancherlei schwer kalkulierbaren Risiken verbundenen, im Januar 2011 vom XI. Parteitag der KPV beschlossenen ökonomisch-politischen Transformationsprozesses, die Vollendung dessen, was anstelle einstiger sozialistischer Planwirtschaft als »Marktwirtschaft mit sozialistischer Orientierung« bezeichnet wird; und zum anderen der Kampf gegen die seit Jahren wuchernde Korruption auf allen Ebenen, die ein ernstes Entwicklungshemmnis darstellt. Gestützt auf eine der größten wirtschaftlichen Erfolgsgeschichten Südostasiens, auf ein von keinem anderen Staat der Region in den letzten Jahren erreichtes Wirtschaftswachstum und eine schrittweise Verbesserung der Lebenslage der Bevölkerung hat das Land allen Grund, mit Zuversicht an die Lösung dieser Aufgaben zu gehen.

Ministerpräsident Nguyen Xuan Phuc nutzte Anfang Januar ein nationales Wirtschaftsforum, um Vietnam zu einem neuen »Tigerstaat« in Asien zu erklären. Das würde bedeuten, in naher Zukunft zu den wirtschaftlich hochentwickelten ersten asiatischen »Tigerstaaten« Südkorea und Singapur, zu Taiwan als »Republik China« und der chinesischen Sonderwirtschaftszone Hongkong aufzuschließen. Der Grundstein dafür, dass das einst kolonial ausgeplünderte und dann mit einem 30jährigen Krieg überzogene Land heute ein solches Ziel anvisieren kann, wurde 1986 gelegt. Er hieß »Doi Moi«.

Kontrollierte Marktöffnung

Der VI. Parteitag der KPV hatte 1986 »grünes Licht« für eine in der Landessprache so benannte Politik grundlegender Erneuerung gegeben. Das hieß, die Umgestaltung der nach dem Vorbild der anderen sozialistischen Staaten in das Korsett zentralistisch-staatlicher Planung und Leitung gezwängten Volkswirtschaft in Angriff zu nehmen. Es sollten kontrolliert Marktmechanismen eingeführt werden, um so der wirtschaftlichen Entwicklung einen kräftigen Schub zu geben. »Erneuerung« hieß zugleich Abkehr von staatlichem Dirigismus und Öffnung des bis dahin eng an die Mitgliedsstaaten des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe gebundenen Landes für den internationalen Markt. Mit all dem verknüpft war und ist noch immer die Herkulesaufgabe, in allen Schichten der Gesellschaft eine »Revolution in den Köpfen«, neue Denk- und Verhaltensweisen gegen das zählebige Erbe von Zeiten größter Not und lebensnotwendiger Improvisation, durchzusetzen.

Nach ihrer Gründung 1976 im sozialistischen Lager verankert, von der westlichen Welt aber isoliert und jahrelang boykottiert, unterhält die Sozialistische Republik Vietnam (SRV) heute diplomatische Beziehungen zu 185 Ländern, darunter mit 15, u. a. auch mit der Bundesrepublik Deutschland, sogenannte bilaterale strategische Partnerschaften. Dank »Doi Moi« war es ihr möglich, in weltweiten wie regionalen politischen und ökonomischen Organisationen und Gremien Fuß zu fassen. Seit 1995 Mitglied der 1967 gegründeten Vereinigung südostasiatischer Nationen (ASEAN), konnte sie 2010 das jährliche Gipfeltreffen der Organisation ausrichten.¹ 1996 war Vietnam eines der 26 Gründungsmitglieder des Asien-Europa-Treffens (ASEM), dessen Gastgeber das Land 2004 war. Ein großer Erfolg des außenpolitischen Wirkens Vietnams war im vorigen November auch die Ausrichtung des jährlichen Gipfeltreffens der 1989 gegründeten Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (APEC). Die Republik gehört der Organisation seit 1998 an. Staats- und Regierungschefs der 21 Mitgliedsländer, so Russlands Präsident Wladimir Putin, Chinas Staatsoberhaupt Xi Jinping und US-Präsident Donald Trump, waren in der Hafenstadt Da Nang erschienen. Wegen dieser Rolle vertrat Vietnam in Gestalt seines Ministerpräsidenten die APEC Anfang Juli vorigen Jahres auch auf dem G-20-Gipfel in Hamburg.

Seit 2007 zählt die SRV zu den 164 Mitgliedern der 1994 gegründeten Welthandelsorganisation (WTO). Jüngst wurde offiziell bekannt, dass Vietnam – seit 1977 Mitglied der Organisation der Vereinten Nationen – die Absicht hat, als einer von zwei möglichen asiatischen Staaten für einen Sitz als nichtständiges Mitglied im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in den Jahren 2020/2021 zu kandidieren.

Ein Blick auf die Ziffern des Wirtschaftswachstums verdeutlicht den herausragenden Platz Vietnams unter den noch stark entwicklungsbedürftigen außereuropäischen Ländern. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wuchs von umgerechnet 104,7 Milliarden US-Dollar im Jahr 2010 auf 219,4 Milliarden USD im Jahr 2016. Im Vergleich zu 1989 war es 2015 um das 31fache gestiegen. In den vergangenen 30 Jahren verzeichnete Vietnam ein BIP-Wachstum mit einem Jahresdurchschnitt von 6,6 Prozent. 2017 waren es 6,81 Prozent. Übertroffen wird das einzig von China, das 2017 laut Statistikamt in Bejing ein BIP-Wachstum von 6,9 Prozent aufwies. Die Inflation blieb 2016 mit 0,6 Prozent weit unter der von der Nationalversammlung gezogenen »roten Linie« von fünf Prozent. In einem Interview zum Jahreswechsel bilanzierte Staatspräsident Tran Dai Quang, dass das Land 2017 erstmals seit vielen Jahren alle vom Parlament fixierten sozial-ökonomischen Entwicklungsziele erreicht oder sogar überboten habe. Das Weltwirtschaftsforum hob Vietnam im vergangenen Jahr vom 75. Platz unter 138 Volkswirtschaften im Jahr 2010 auf den 60. Rang.

Verbesserter Lebensstandard

Belief sich das jährliche Pro-Kopf-Einkommen in Vietnam einst auf weniger als 100 US-Dollar, so hatte es 2010 bereits 1.204 US-Dollar erreicht und sich bis 2016 mit 2.200 Dollar fast verdoppelt. Trotz rasanter Zunahme der Einwohnerzahl von rund 50 Millionen im Jahr 1980 auf derzeit 92 Millionen wurde der Lebensstandard der Bevölkerung deutlich verbessert. Seit den 1990er Jahren wurden etwa 30 Millionen Menschen aus der Armut herausgeführt; die Armutsquote von fast 60 Prozent ist auf weniger als drei Prozent gesunken. Etwa 94 Prozent der Einwohner, die 54 verschiedenen ethnischen Gruppen angehören², sind alphabetisiert. Allen Kindern ist Schulunterricht mindestens bis zur 4. Klasse garantiert. Stark verringert wurde auch die Zahl der Arbeitslosen; exakte Angaben dazu sind jedoch derzeit nicht verfügbar. Vietnam meldet, eine Reihe von Milleniumsentwicklungszielen³ erfüllt zu haben und sie bei der Armutsbekämpfung, der Bildung und der Geschlechtergleichstellung sogar übertroffen zu haben.

Neben den drei Säulen der »Marktwirtschaft mit sozialistischer Orientierung« (umstrukturierte Staatsunternehmen, kollektive Wirtschaftseinheiten und der private Sektor) sowie Auslandsüberweisungen von ausgewanderten Vietnamesen kommt ausländischen Direktinvestitionen (Foreigns Direct Investments, FDI) ein große Bedeutung zu. Bis März 2017 wies das Land mehr als 23.000 FDI-Projekte aus 116 Ländern und Territorien mit einem Gesamtkapital von rund 300 Milliarden US-Dollar auf. »Ausländische kleine und mittlere Unternehmen und multinationale Konzerne, die in Vietnam einreisen, erleben (…) eine Behandlung wie auf dem ›roten Teppich‹ und erhalten attraktive Anreizprogramme«, ließ der SRV-Botschafter in der Bundesrepublik, Doan Xuan Hung, in einem Interview wissen.4

Erfolgsgeschichte wird auch im Außenhandel geschrieben. 2017 wurde mit einem Im- und Exportvolumen von 425 Milliarden US-Dollar erstmals die 400-Milliarden-Marke überboten. Auf den Export entfielen davon 214 Milliarden US-Dollar. Trotz einer Einfuhrsteigerung um mehr als 21 Prozent gegenüber dem Vorjahr war zum zweiten Mal nach 2016 ein Handelsüberschuss zu verbuchen. Größter Exportmarkt für Vietnam (41,5 Milliarden Dollar) waren die USA, gefolgt von der EU, China, den ASEAN-Staaten, Japan und Südkorea. Den größten Importanteil hatte China (58,5 Milliarden Dollar), gefolgt von Südkorea, den ASEAN-Staaten, der EU und den USA. Im bilateralen Handel mit der EU, der 2016 ein Volumen von 42 Milliarden US-Dollar aufwies, rangierte Deutschland mit einem Anteil von 10,3 Milliarden auf Platz eins. Fast 20 Prozent der Exporte in die EU gingen in die Bundesrepublik.

Als zweitgrößter Reislieferant der Welt (nach Thailand) hat die SRV 2017 rund sechs Millionen Tonnen des Getreides ins Ausland verkauft, über eine Million mehr als im Vorjahr. Größter Abnehmer (20 Prozent) war China. Seit 2015 gilt Vietnam als weltgrößter Produzent und Exporteur von Robustakaffee. Auch bei der Ausfuhr von Pfeffer liegt das Land vorn. Die Obst- und Gemüseexporte – in 70 Länder, allen voran in die USA und die EU – beliefen sich 2016 auf 2,5 Milliarden US-Dollar und erreichten 2017 sogar den Wert von etwa 3,5 Milliarden. Auch der verarbeitenden Industrie wird für 2017 ein Durchbruch beim Export attestiert. Auf deren Produktionsprogramm sollen künftig aber nicht nur Schuhe, Kleidung, montierte Funktelefone, Möbel und Meeresprodukte, sondern auch selbst entwickelte Industrieerzeugnisse stehen.

Eigene Autoproduktion

Um den wachsenden Inlandsbedarf an Mobilität zu befriedigen, ist eine eigene Autoproduktion in Planung. In zwei Jahren sollen die ersten »Vinfast«-Personenwagen5 in einem neu entstehenden Werk in Haiphong, dessen Bau man weitgehend selbst finanzieren will, vom Band rollen. Es soll ein »bezahlbares Auto mit hoher Qualität für die Vietnamesen« werden, verlautete aus der zuständigen Immobilienunternehmensgruppe Vingroup JSC. Mittelfristig wird in Zusammenarbeit mit italienischen Designern sowie mit US-amerikanischen und europäischen Motor- und Getriebezulieferern ein jährlicher Ausstoß von maximal 200.000 Personen- und Geländewagen angestrebt. Im Gespräch mit Staatspräsident Tran Dai Quang am Rande des APEC-Gipfels hat Wladimir Putin ebenfalls eine Zusammenarbeit in der Autoindustrie angeboten.

Dem Mobilitätsbedarf und dem steigenden Verkehrsaufkommen trägt der Plan Rechnung, den vor etwa zehn Jahren mit japanischer Hilfe begonnenen Autobahnbau voranzutreiben. Ein neuer internationaler Flughafen soll im Landessüden errichtet werden. Zum Jahresanfang wurde die Indienststellung von sechs erstmals selbst produzierten klimatisierten Reisezügen für die 1.738 Kilometer lange Strecke zwischen Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt gemeldet.

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Mittlerweile genießt die Sozialistische Republik Vietnam international große Anerkennung – 2017 richtete sie das Treffen der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft, APEC, aus (Hanoi, 17.5.2017)

Der Führung der KPV war von Anfang an klar, dass die Partei als treibende Kraft auf dem Doi-Moi-Kurs, dem Weg zu einem fortgeschrittenen Industriestaat über die radikale Umgestaltung der Wirtschaft, die Hauptverantwortung trägt und eine Vorbildrolle zu spielen hat. Auf den seither abgehaltenen Parteitagen war die stete Verbesserung ihrer Führungsfähigkeit und Kampfkraft ein zentrales Thema. Der XII. Parteitag im Januar 2016 nannte den »Parteiaufbau« eine permanente Herausforderung. Der Politische Bericht unterstrich die Notwendigkeit einer starken und in Moralfragen »transparenten« Organisation. Disziplin- und Verantwortungslosigkeit, ideologischem Fehlverhalten, Inkompetenz, Unterschlagung, Vergeudung, Unmoral, Selbstbereicherung und dekadentem Lebensstil von Parteimitgliedern wurde der Kampf angesagt. Das gilt, wie die bisherige Praxis beweist, ausnahmslos für alle Mitglieder. Wenn Medien von innerparteilichen »Machtkämpfen« oder »ideologischen Säuberungen« fabulieren, hat das mit der Realität und objektiver Information nichts zu tun.

Gleiche Anforderungen werden an die Mitarbeiter des Staatsapparats gestellt, für deren Tätigkeit im Zuge einer umfassenden Verwaltungsreform neue Maßstäbe gelten. 2017 gab es besondere Anstrengungen, um die Regierung von einem starr administrierenden zu einem mediatorisch agierenden »transparenten« zentralen Leitungsorgan umzugestalten. Eine verstärkte Internetpräsentation soll die Arbeit der Regierung wie aller Ministerien der »strengen Aufsicht durch das Volk« zugänglich machen. Im Jahresverlauf wurden viele Verwaltungs- und Rechtsvorschriften, darunter Zoll- und Steuerregelungen, gestrichen oder geändert, um bürokratische Hemmnisse für die wirtschaftliche Entwicklung abzubauen. Als Aufgabe der Nationalversammlung im neuen Jahr bezeichnete deren Präsidentin Nguyen Thi Kim Ngan, die Qualität der Gesetzgebung zu verbessern.

Alle bislang erreichten Erfolge werden jedoch von einer Erscheinung bedroht, der Korruption. Die rasche Kapitalisierung eines erheblichen Teils der Wirtschaft und die marktwirtschaftliche Ausrichtung der verbliebenen Staatsunternehmen hat nach den Jahrzehnten kriegs- und entwicklungsbedingter, vom Staat rigoros dirigierter Mangelwirtschaft zu einem enormen Anwachsen der Korruption geführt. Sie grassiert auf zentraler wie regionaler und kommunaler Ebene und hat inzwischen selbst höchste Kreise in Partei, Staat und Wirtschaft erfasst. Seit 2005 gibt es ein Antikorruptionsgesetz. Eingedämmt werden konnte die Bestechung jedoch nicht, im Gegenteil.

Kampf gegen Bestechung

Als Mangel wurde erkannt, dass Disziplinarmaßnahmen fast nie die strafrechtliche Ahndung von Fällen gravierender Korruption folgte. Eine Studie der Regierung wies aus, dass das Verlangen örtlicher Funktionäre nach Schmiergeld nur von drei Prozent der Opfer angezeigt worden ist, wenn es um Beträge unter 24 Millionen Vietnam-Dong (1.100 US-Dollar) ging. Mitte 2016 sah sich ein beim Zentralkomitee der KPV angesiedeltes zentrales Lenkungskomitee für den Antikorruptionskampf veranlasst, sieben Teams einzusetzen, deren Aufgabe es war, landesweit zu prüfen, wie die örtlichen Behörden mit Bestechungsfällen seit Januar 2011 verfahren sind. Ebenfalls 2016 waren eine Million gutbezahlter Staatsbediensteter aufgefordert worden, ihre Einkünfte und Vermögen aus dem Jahr 2015 offenzulegen. »Der Kampf gegen die Korruption hat sein Ziel nicht erreicht«, begründete der zuständige stellvertretende Ministerpräsident Truong Hoa Binh diesen Schritt. »Korruption existiert weiter in einer Anzahl von Sektoren, sie zerfrisst das Vertrauen der Öffentlichkeit, wirft die Gesellschaft zurück, vergrößert die Kluft zwischen Reich und Arm und hemmt die Entwicklung des Landes.«

Ein ungeheurer Korruptionsskandal im Management des mächtigen staatlichen Erdöl- und Erdgaskonzerns Petro-Vietnam (PVN), in dem es um mehrstellige Dollar-Millionenbeträge geht, war für den seit dem XI. Parteitag im Januar 2011 amtierenden Generalsekretär Nguyen Phu Trong der letzte Anstoß für konsequente Maßnahmen. Auf einer ZK-Tagung brandmarkte er im Oktober 2016 »sinkende Moral und dekadenten Lebensstil unter Parteimitgliedern«. Durch »Korruption, Vetternwirtschaft, Bürokratie, Opportunismus und Individualismus« hätten sie sich »meilenweit von der Öffentlichkeit und deren Problemen entfernt«. Er warnte, das »Abweichen vom Sozialismus« könne Funktionäre und Regierungsvertreter auch »zur Kollaboration mit feindlichen Kräften« und zur Sabotage an der Partei führen. Auf einer einzig dieser Thematik gewidmeten weiteren ZK-Beratung im Juli letzten Jahres bekräftigte er: »Niemand steht über dem Gesetz, und niemand, der in Korruption verwickelt ist, wird verschont werden.« Ende Dezember schließlich drängte er in einer Beratung der Regierung darauf, zu sichern, dass alle korrupten Mitarbeiter aus dem Staatsapparat entfernt werden.

16 Manager von PVN und seiner Baubranche Petro-Vietnam Construction JSC (PVC) sowie sechs leitende Mitarbeiter eines Kraftwerkprojekts und regionaler Bauunternehmen wurden nach langwierigen Ermittlungen Anfang Januar in Hanoi vor Gericht gestellt; gegen weitere PVN-Mitarbeiter wird noch ermittelt. Der prominenteste Angeklagte war Dinh Le Thanh, der ehemalige Vorsitzende des PVN-Verwaltungsrats, Mitglied des KPV-Politbüros und Parteisekretär Ho-Chi-Minh-Stadts. Zu den Angeklagten gehörte auch der ehemalige Chef des Verwaltungsrats und Generaldirektor von PVC, Trinh Xuan Thanh, den hiesige Medien gern als gemaßregelten »Wirtschaftsreformer« und »Machtkampfopfer« darstellen. Er sorgte im vergangenen Sommer für größere Aufmerksamkeit, weil er in Berlin, wo er Asyl beantragt hatte, mutmaßlich entführt und anschließend nach Vietnam gebracht wurde. Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs. Weitere Strafverfahren gelten leitenden Mitarbeitern der Agribank, eines beim Transportministerium angesiedelten Wasserstraßenbauunternehmens, der Frachtschiffahrtslinie Vinashinlines, eines Textilunternehmens, der Vietin-Bank, einem der größten Finanzinstitute Vietnams, und der Hanoier Ocean Bank. Ein Ende des Kampfes ist noch nicht abzusehen.

Anmerkungen:

1 Mitglieder der Association of Southeast Asia Nations sind Brunei, Indonesien, Kambodscha, Laos, Malaysia, Myanmar, Philippinen, Singapur, Thailand und Vietnam.

2 Rund 85 Prozent der Bevölkerung gehören zur ethnischen Gruppe Kinh (auch Viet genannt), die überwiegend das Flachland bewohnt.

3 Die acht im Jahr 2000 für 2015 formulierten Millenium Development Goals (MDG) der Vereinten waren: Bekämpfung von extremer Armut und Hunger, Primärschulbildung für alle, Geschlechter-Gleichstellung, Senkung der Kindersterblichkeit, bessere Gesundheitsversorgung der Mütter, Bekämpfung von HIV/AIDS und anderen schweren Krankheiten, ökologische Nachhaltigkeit, globale Partnerschaft für Entwicklung.

4 Diplomatisches Magazin, Juli 2017, S. 20

5 Vinfast, Zusammensetzung aus Vietnam und dem englischen Adjektiv »fast« (»schnell«)

Hellmut Kapfenberger schrieb an dieser Stelle zuletzt am 29. Januar 2018 über die Tet-Offensive der vietnamesischen Befreiungskräfte im Januar 1968


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  • Ralph Petroff: Notwendiges Übel Wiewohl ich die Notwendigkeit von »Doi Moi« grundsätzlich einsehe, kann ich einiges im Artikel nicht nachvollziehen. So spricht der Autor etwa von einer »radikalen Umgestaltung der Wirtschaft«. Nun wa...

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