Aus: Ausgabe vom 08.02.2018, Seite 5 / Inland

Bundesregierung rechnet Armut klein

Offizielle Statistik beschönigt Lage von Alleinerziehenden und kinderreichen Familien

Von Ludger van der Heyden
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Kapitalismus in Reinkultur: Wer Kinder erzieht, hat weniger Zeit Geld zu verdienen

Das ist zu schön, um wahr zu sein. Viele Familien in Deutschland sind »reicher«, als ihr Kontostand es vermuten lässt. Jedenfalls nach Meinung der Bundesregierung, die die finanzielle Lage von einkommensschwachen Paaren mit Kindern systematisch überschätzt. Das besagt eine am Mittwoch durch die Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh vorgelegte Untersuchung. Wie Forscher der Ruhr-Universität Bochum (RUB) ermittelt haben, wird insbesondere die Situation von Alleinerziehenden durch die offizielle Statistik grob verfälscht abgebildet. Während deren Armutsrisikoquote im Familienreport 2017 mit 44 Prozent beziffert ist, kommen die Studienautoren auf einen Wert von 68 Prozent.

Notburga Ott und Martin Werding von der sozialwissenschaftlichen Fakultät der RUB haben die Einkommensverhältnisse verschiedener Familientypen seit Anfang der 1990er Jahre bis 2015 nachgezeichnet und miteinander verglichen. Dabei erkannten sie, dass für ärmere Familien die finanzielle Belastung durch Kinder im Verhältnis größer als für wohlhabende Familien ist. Die Bundesregierung bedient sich dagegen eines Modells der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), das mit starren Äquivalenzgewichten hantiert. Dabei wird einem einzelnen Kind ein Belastungsfaktor zugeschrieben, unabhängig davon, ob es in einem armen oder reichen Haushalt aufwächst.

Diese Methodik ist allerdings blind für die besonderen Herausforderungen, die ärmere Familien und Alleinerzieher zu bestehen haben. Ein Beispiel: Ein wohlhabendes Paar mit einer großen Wohnung muss wegen eines Kindes nicht notwendig umziehen, während eine Alleinerzieherin mit hoher Wahrscheinlichkeit ein zusätzliches Kinderzimmer braucht. Zudem fielen bei niedrigeren Einkünften die speziellen Ausgaben, die für Kinder erforderlich sind – etwa für Windeln, Schulsachen oder neue und passende Kleidung –, besonders ins Gewicht, schreibt die Bertelsmann-Stiftung in einer Presseerklärung. »Von Armut sind vor allem die Familien betroffen, die ihre Erwerbstätigkeit aufgrund besonders großer Betreuungsverantwortung nicht steigern konnten«, bekundete Stiftungsvorstand Jörg Dräger.

Als Faustregel lässt sich nach den Befunden der Wissenschaftler festhalten: Je geringer das Familieneinkommen ist, desto schwerer wiegt die finanzielle Belastung durch jedes weitere Haushaltsmitglied. Der sich daraus ergebende statistische Effekt ist enorm. So zeigt sich, dass die Armutsrisikoquote von Paarfamilien nach der neuen Berechnung knapp drei Prozentpunkte über den bisher ermittelten Werten liegt. Demnach sind 13 Prozent der Paare mit einem Kind armutsgefährdet, 16 Prozent der Familien mit zwei Kindern und 18 Prozent jener mit drei Kindern.

Alarmiert ob der Zahlen äußerte sich gestern der Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, Dietmar Bartsch. »Ein weiteres Mal ist bewiesen, wie dringend nötig eine Reform der bisherigen Unterstützung für Familien ist.« Die verschiedenen Leistungen müssten insbesondere auf Haushalte »unterhalb der Armutsgrenze angepasst und zusammengefasst, und vor allem müssen die staatlichen Leistungen entbürokratisiert und vereinfacht werden«.


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