Aus: Ausgabe vom 08.02.2018, Seite 5 / Inland

Ende der guten Zeit

Gewerkschaftsnahe Ökonomen warnen vor neuer Finanzkrise, wenn die EZB die Zinsen steigen lässt. Derivate und Fonds fördern Blasenbildung

Von Simon Zeise
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Spekulanten lassen den Immobilienmarkt Kopf stehen (»Toppels Haus« in Almosenberg, Baden Württemberg, 12. Mai 2015)

Am Mittwoch mahnte die Bankenaufsicht der Europäischen Zentralbank die Geldhäuser in der Euro-Zone, ihre faulen Kredite loszuwerden. »Banken sollten gute Zeiten nutzen, um notleidende Kredite abzubauen. Und die guten Zeiten sind jetzt«, sagte die Vorsitzende des »Einheitlichen Bankenaufsichtsmechanismus«, Danièle Nouy, in Frankfurt am Main. Nach Angaben der EU-Kommission schlummern 950 Milliarden Euro in den Bilanzen von Geldhäusern in der EU – ein Viertel davon in Italien. Brüssel sieht darin kein Problem. »Die europäische Wirtschaft übertrifft alle Erwartungen und dürfte bis ins nächste Jahr hinein robust wachsen«, sagte der Vizepräsident der Behörde, Valdis Dombrovskis, am Mittwoch bei der Vorstellung der Konjunkturprognose in Brüssel. »Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, eine ambitionierte Stärkung der Wirtschafts- und Währungsunion zu beschließen«, fügte EU-Wirtschaftskommissar Pierre Moscovici hinzu.

»Der Euroraum kann sich über Wachstumsraten freuen, wie wir sie zuletzt vor der Finanzkrise gesehen haben.« Das Wachstum sei europaweit zudem ausgewogener als vor zehn Jahren.

Fragt sich, wie lange noch. Die gewerkschaftsnahen Forscher des Instituts für Makroökonomik und Konjunkturforschung (IMK) warnten am Mittwoch in Berlin vor dem Platzen einer neuen Finanzblase. Das Volumen notleidender Kredite in der EU sei beträchtlich, heißt es im Finanzstabilitätsreport des IMK. Es gebe immer noch keine einheitliche europäische Einlagensicherung. Diese sei zwar mehrmals von der EU-Kommission diskutiert worden, stoße aber vor allem in der Bundesregierung auf Widerstand. Wenn 2019, wie von EZB-Präsident Mario Draghi angekündigt, das Anleihenkaufprogramm ausläuft und der Leitzins angehoben wird, droht Ungemach. »Deutsche Banken könnten bei steigenden Zinsen unter Druck geraten, weil sie viele Immobilienkredite vergeben haben, die niedrige Zinsen über sehr lange Zeiträume festschreiben.« Die Bauherren und -damen könnten in Zahlungsverzug geraten. Wenn Zinsen stiegen, würde die Refinanzierung des Eigenheims teurer. Die realen Immobilienpreise seien hierzulande um mehr als 20 Prozent gestiegen – in Großstädten sogar deutlich stärker. Banken gewährten Immobilienkäufern immer längere Zinsbindungen, um höhere Erträge zu erzielen. Der Anteil der neu vergebenen Wohnungsbaukredite mit einer Zinsbindung von mehr als zehn Jahren sei von 26 Prozent im Jahr 2010 auf 44 Prozent im vergangenen Jahr gestiegen.

Anleger auf Renditesuche gäben ihr Geld verstärkt an Investmentfonds. Erst am Montag war bekannt geworden, dass die Geldsumme, die Fonds 2017 in Deutschland verwaltet haben, erstmals die Marke von drei Billionen Euro überschritten hat. Nicht selten sei das Geld in Unternehmensanleihen gebündelt, die mit hohem Ausfallrisiko bei steigenden Zinsen behaftet seien.

Der Derivatehandel erfreut sich unter Finanzhaien hoher Beliebtheit. Dies sind Spekulationsobjekte, bei denen auf eine Änderung des Aktienwertes, Wechselkurses oder Zinssatzes gewettet wird, ohne dass man dafür den zugrunde liegenden Vermögenswert selbst besitzt. Sie seien die »Brandbeschleuniger der Finanzkrise 2008«, schreiben die IMK-Forscher. Der Umsatz des Derivatehandels habe 2017 500 Billionen US-Dollar betragen. Die Kursstürze an der New Yorker und der Frankfurter Börse am Montag könnten somit »Vorboten größerer Probleme« sein.

Insbesondere der »kurzsichtige Deregulierungskurs« von US-Präsident Donald Trump berge Gefahren. Die US-Regierung verfolge die Ziele, »dass Banken ungehemmt Kredite vergeben, was wiederum das Wachstum der US-Wirtschaft ankurbeln soll«. Maßnahmen jedoch, »die allein Kreditwachstum anregen, ohne dass ihnen steigende Einkommen der Schuldner gegenüberstehen, erhöhen die Gefahr von Finanzmarktkrisen und damit von tiefen Rezessionen«, heißt es im IMK-Report. Das von der Trump-Regierung verabschiedete Steuersenkungspaket fördere die Ungleichheit in den USA. Das Absenken des Spitzensteuersatzes von 39,6 auf 37 Prozent und die Verringerung des Körperschaftssteuersatzes von 35 auf 21 Prozent führe dazu, dass immer höheren Ersparnissen reicher Haushalte oft keine produktiven Investitionen gegenüber stünden. »Das Geld fließe statt dessen in die Finanzmärkte, wo sich Vermögenspreisblasen bildeten.«

Die gewerkschaftsnahen Ökonomen haben vor diesem Szenario nicht das Schicksal von Finanzhaien im Blick. »Die letzten beiden Rezessionen in Deutschland wurden dadurch ausgelöst, dass Finanzblasen geplatzt sind. Eine tiefe, lang andauernde Rezession schädigt Menschen mit kleineren und mittleren Einkommen, die auf ihre Arbeit angewiesen sind, oft weitaus stärker als reiche Anleger.«


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